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*Samstag 5 Juli -


Scène Bijaouane – Ab 20h 30



Walid Mimoun (Maroc)



Walid Mimoun

El Walid Mimoun (W. M.) ist der wohl erfolgreichste und zugleich umstrittenste Künstler, den die Rif-Region jemals hervorgebracht hat.


Sein Lebensweg:

Geboren wurde W. M. im Jahre 1959 in Ighzar Umasin in Ayt Sidel nahe der Stadt Nador. Er kam aus einfachen Verhältnissen. Seine Karriere nahm ihren Lauf, als er begann, auf der tamja ("Hirtenflöte") zu spielen, und dabei sein riesiges Talent entdeckte. Noch in seiner frühen Jugend wurde masirisches Liedgut hauptsächlich auf Hochzeitsfesten dargeboten. Träger dieser Musikkultur, wie der masirischen Kultur überhaupt, waren die Frauen. Außer auf Hochzeiten sangen sie die traditionellen Lieder bei ihren täglich anfallenden Arbeiten. Auf diese Weise wurde das Liedgut an die Kinder, die sie als ständige Begleiter bei sich hatten, weitergegeben. Das Singen diente den Frauen nicht nur zum Zeitvertreib oder zu ihrem Vergnügen, sondern war oft ein Mittel, um sich von ihren Sorgen und Nöten abzulenken oder ihren Wünschen und Träumen auf unaufdringliche und unanstößige Weise Ausdruck zu verleihen. weiter

Anfang der 70er Jahre begannen junge Musiker, von dieser traditionellen Musik abzukehren. Sie schufen eine Stilrichtung, in der moderne Rhythmen mit bereits vertrauten Klängen verschmolzen. Es entstand eine neue masirische Musik. Die Verbreitung von billigen und kompakten Tonbandgeräten begünstigte diese Entwicklung. Wegen ihres Engagements für die masirische Sprache und Kultur förderte der ehemalige Kulturverein INTILAQA TAQAFIYA in Nador Musiker, die sich der neuen Musik verschrieben hatten. Darunter waren Musiker wie INOMAZIGH, BENNAOMAN, ISEFDAWEN und eben W. M. Zur selben Zeit verlieh die Verbreitung des Kassettenrecorders denjenigen Gruppen Auftrieb, die mit flotten Rhythmen und trivialen Texten, deren Inhalte sich auf die Themen Liebe und Heirat beschränkten, von sich reden machten. Es war eine Musik, mit der leicht schnelles Geld verdient war, die aber auch rasch in Vergessenheit geriet. Andere wiederum versuchten sich im Abklatsch orientalischer Musik mit platten Texten.

W. M. distanzierte sich bewußt von dieser Trivialmusik. Er beschritt den Weg, einen Stil mit nachdenklichen Texten und zuweilen bedächtigen Rhythmen zu kreieren. Von den Schützlingen des Vereins INTILAQA TAQAFIYA war er derjenige Musiker, der in der nordmarokkanischen Musikszene zuerst den Durchbruch schaffte. Sein 1978 erschienenes Debütalbum ametluâ ("Vagabund") war ein Bestseller. Als ametluâ herauskam, studierte W. M. an der Philosophischen Fakultät in Fès. Dort herrschte unter den Studenten ein kritischer Geist. W. M. wurde davon stark beeinflußt und ließ ihn in seinen Lieder unverhohlen einfließen. W. M. steigerte seine Popularität, indem er keine Gelegenheit ausließ, um seine Lieder öffentlich zum Besten zu geben. Manche Lieder avancierten mit ihren eingängigen Melodien zu wahren Dauerbrennern. Sie boten mit ihren bewußt zweideutig gehaltenen Texten die Möglichkeit unter dem Deckmantel künstlerischer Betätigung seinen Unmut zu äußern. Das kam vor allem den zahlreichen Analphabeten entgegen. Mit Hilfe der Musik von W. M. war es jetzt durch bloßes Zuhören möglich, sich für seine Denkweise inspirieren zu lassen. In seiner Heimat wird er wohl nicht zu Unrecht "Bob Marley von Nador" genannt.

Doch anders als heute wehte damals ein kalter Wind in der politischen Landschaft Marokkos. Ametluâ wurde verboten und eingezogen. Seither wird diese Platte unter dem Ladentisch verkauft oder durch privat angefertigte Kopien heimlich weitergegeben. Seine legendären Konzerte im "Cinema Rif", einem Kino im Stadtzentrum Nadors, mußten unter polizeilichem Druck vorzeitig beendet werden. Bald durfte er überhaupt nicht mehr öffentlich auftreten. Schließlich kam er wegen der Teilnahme an einer verbotenen Demonstration in Haft. Das nahm seine Universität zum Anlaß, ihn hinauszuwerfen. Nachdem W. M. aus dem Gefängnis entlassen wurde, stürzte er in eine schwere Lebenskrise. Er suchte Trost im Alkohol und in einem exzessiven Lebensstil. Ihn verließ seine Schaffenskraft, und es folgten Jahre der Stagnation, in denen er fast in Vergessenheit geriet.

Als 1986 das Album Neccin ssa auf den Markt kam, rief sich W. M. in das Gedächtnis der Menschen zurück und erlebte ein grandioses Comeback. Dieses Mal war die Musik frei verkäuflich. Die Zensur hatte sich gelockert. In Neccin ssa stellte W. M. seine Virtuosität abermals unter Beweis. Wie nicht anders zu erwarten war, wurde das Album ein Verkaufsknüller. Im gleichnamigen machte er die Heimatverbundenheit der Masiren und ihre kulturelle Eigenständigkeit zum Thema. Musiker aus der Kabylei (Nord-Algerien) und aus dem Atlas nahmen das Lied in ihr Repertoire auf und trugen so zur Verbreitung des Liedes in weiten Teilen der Tamezgha bei. 1996 bewies W. M. von neuem, welch exzellenter Musiker in ihm steckt: Er veröffentlichte sein Album Tagut [tayut]. Das Album hatte er zwar bereits 1994 während eines zweijährigen Aufenthalts in Amsterdam fertiggestellt; die Veröffentlichung war jedoch erst möglich, nachdem ein Zwist mit diversen Konkurrenten über die Urheberrechte an den Songs zu seinen Gunsten entschieden wurde.

Wegen der andauernden wirtschaftlichen Krise in Marokko hat sich der Sänger 1998 entschlossen, in die Niederlande auszuwandern. Seitdem lebt er dort und tourt durch diejenigen Städte Westeuropas, in denen viele Masiren ansässig sind. In demselben Jahr der Veröffentlichung von Tagut schrieb W. M. den Gedichteband Tifardjas: Tinfas tiqudadin, erschienen im APULEIUS Verlag mit Sitz in Utrecht. Die darin gesammelten Gedichte hat er nicht vertont und sind deswegen kaum bekannt. Unter denen, die es gelesen haben, ist es umstritten. In seiner Ausgabe Juli/September 1996 behandelt die niederländische Zeitschrift ADRAR-NIEUWSBRIEF das Werk in einer Rezension und übt dabei herbe Kritik. Dem MVTKS e. V. liegt der Gedichteband leider nicht vor, weshalb wir uns dazu nicht äußern können. Wenn sein Dichtwerk tatsächlich derart mißlungen sein sollte, dann sei ihm das in Anbetracht seiner musikalischen Meisterschaft verziehen.



Seine Musik :


Die Lieder von W. M. erzählen von der Gesellschaft, in der er lebt, von seiner Heimat in Ayt Sidel, vom traurigen Schicksal der Migranten, von seinem ganz privaten Schicksal und von der masirischen Sprache und Kultur, die in diesen Zeiten so bedroht ist wie niemals zuvor. Dabei bedient er sich mit Vorliebe Metaphern aus der Natur (z. B. Blitz und Donner, Blumen, weißes Pferd, Berge), um seine Botschaft, seine Gefühle und Stimmungen in Worte zu gießen. In seinem Debütwerk ametluâ dominieren die Gefühle der Trauer und der leisen Wut. Manch einen brachte dieses Album sogar zum Weinen. W. M. hatte es verstanden, ihm seine miserable Lage, bislang mühsam verdrängt oder schöngeredet, mit gnadenloser Offenheit darzulegen. In seinem Lied ddcar inu beschreibt W. M. die Misere in seinem Dorf und berührt die Herzen derer, die mangels einer Perspektive gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen. Er singt: msakin iâezzriyen n ddcar inu, ("Die armen Jugendlichen meines Dorfes,") ddiyaâen di dcar inu ("sie gehen zugrunde in meinem Dorf"). An der Situation der Jugendlichen liegt dem Sänger viel. Im Gegensatz zu ihren Eltern, die wenigstens noch die Wahl hatten, in die Emigration zu gehen, stehen sie vor den verschlossenen Toren der Festung Europa.

Als W. M. ametluâ aufnahm, war er selbst noch ein Teenager. Dadurch konnte er sich in die Situation seiner Altersgenossen genau einfühlen und in seiner Musik verarbeiten. Gelingt es einem frustrierten jungen Menschen doch, in der Hoffnung auf ein schönes Leben das Land Richtung Europa zu verlassen, erwartet ihn meist quälende Einsamkeit und Ausbeutung seiner Arbeitskraft. Von diesem Dilemma spricht W. M. in dem Lied ametluâ. Er beklagt den Identitätsverlust der Masiren in der Fremde und den damit verbundenen Schmerz. Damit spricht er gerade den zahlreichen Migranten aus dem Herzen: tamcunt a n leghrubiyet, deg ul inu teghza, ("Diese verfluchte Einsamkeit hat sich in meinem Herzen festgekrallt.") ssensegh sadu lqendart, deg wedvfel d wenzvar, ("Ich schlief unter Brücken, dem Schnee und Regen ausgesetzt".) ya hvasrahv x bnadem, ssaghen-t, yetmenza, ("Wehe dem Menschen, er ist zu einem handelbaren Gut verkommen.")#

Das Stück a dwel-d a mmi 'nu ("Bitte komm zurück, mein Sohn") handelt von demselben Thema. Das Lied gibt das leidvolle Gespräch zwischen einer Mutter und ihrem Sohn wieder, der nach Europa gegangen ist. Die Mutter fleht ihn an zurückzukehren, doch er kann nicht. Der Sohn hat sich in der Fremde bereits hoffnungslos verfangen, weil er sich seiner Heimat entfremdet hat. Nun irrt er ziellos umher, wie ein streunender Hund von einer Whiskeybar zur anderen. Zu allem Unglück hat er ein uneheliches Kind mit einer tarumiyt [tarumšt] ("Christin", "Europäerin"). Für die sittenstrengen Rif-Masiren eine bittere Pille!

In seinem Lied buydunan ("isoliert wachsende Orchidee") bringt W. M. sein Bedauern über die häufige Verwahrlosung und kulturelle Entwurzelung gerade von jungen Migranten zum Ausdruck. Dabei dient ihm die Orchidee als Metapher. Die Orchidee soll in dem Lied für einen selbstbewussten Masiren stehen, der noch in der Blüte seines Lebens steht. Fern der Heimat und inmitten abweisender Menschen rennt er ins Verderben: buydunan, a buydunan, lla baba-k, lla yemma- k. ("Einsame Orchidee, oh einsame Orchidee, du hast weder Mutter noch Vater.") te karhed tudart, ul nnek iâammar. ("Du verachtest das Leben, dein Herz droht zu zerplatzen.") K arhen cekk ca n yewdan, x lekfen arezzun-ak. ("Es gibt da Leute, die dich hassen; sie möchten dich am liebsten in ein Leichentuch gewickelt sehen") Qelâen-ak izvuwran, arrin cekk d lhvarrac. ("Sie haben deine Wurzeln herausgerissen, sie haben dich in Unkraut verwandelt.")

Im Album neccin ssa sind die Anleihen, die W. M. bei der modernen kabylischen Musik gemacht hat, insbesondere bei IDIR und AYT MENGUELLET, unüberhörbar. Folglich wurde die Musik ruhiger. Sie handeln nunmehr weniger explizit von der Misere als vielmehr von den Mühen der persönlichen Einkehr, von der Liebe zu seiner bergigen Heimat und dem unverfänglichen Wunsch nach einem zufriedenen Leben. So singt er in neccin ssa: Neccin ssa, ah neccin ssa. ("Wir sind von hier, ja wir sind von hier.") Lalla tamurt nnegh, a nessudven kal nnem. ("Unser Mutterboden, wir küssen deine Erde.") A nessu cejwur nnem s tidi nnegh. ("Wir gießen deine Bäume mit unserem Schweiß.") A nkarz timura, a nbehvir tibehvir. ("Wir pflügen die Felder, wir legen fruchtbare Gärten an.")

Die innere Immigration, die W. M. in seiner Musik verarbeitete, fand jedoch nicht überall Gefallen in der Fangemeinde. Viele vermissten die beschwingten Rhythmen, welche die Masiren von den Sitzen riss. Hinzu kam, dass dem Meister mit der Zeit ernst zu nehmende Konkurrenz erwachsen war. W. M. war nicht mehr, was die Verkaufszahlen anbetraf, die unumstrittene Nr. 1. Aufstrebende Bands, die sich AYYAWEN, ITHRAN oder ISEGHWAN nannten, machten ihm den Rang streitig.

Mit dem Album tagut aber fand W. M. zu den Ursprüngen seiner Musik aus den 70ern zurück. tagut war ein Renner, und W. M. eroberte sich seine Spitzenposition im Musikgeschäft zurück. Mit den Songs dduniyt a [dunekt a] ("Diese Welt"), tagut ("Nebel"), und aytma Imazighen ("Meine masirischen Brüder") schuf er echte Klassiker der nordmarokkanischen Musik. Dem Lied tagut läßt sich anmerken, daß W. M. seinen inneren Frieden längst nicht gefunden hatte. Das Thema der sozialen Missstände griff er erneut auf. In diesem Lied wird sein Zorn über die Ungerechtigkeit und die Lebensumstände in seinem Land offenbar, vor allem darüber, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer stärker auseinanderklafft. In dduniyt a klagt er: Ijj itali ghar tziri, ijj tasebsiyt d tili. ("Der eine kann zum Mond reisen, der andere kennt bloß die Kif-Pfeife und einen Platz im Schatten.") Ijj igharq deg wuregh al ili, ijj igharq al imejjan di lbeghli. ("Der eine steckt bis zum Hals in purem Gold, dem anderen steht der Schlamm bis an die Ohren.") Im Album tagut geht W. M. gleichzeitig dazu über, die Geschichte des Rif zu thematisieren. In idurar n Arrif ("Die Berge des Rif") und zi lallagh [radjagh] n tmurt ("Aus der Tiefe der Erde") erzählt er vom tapferen Freiheitskampf gegen die Spanier zu Beginn dieses Jahrhunderts. In idurar n Arrif ehrt er ABD-EL-KRIM, den Anführer der Freiheitskämpfer, und seine Mitstreiter. W. M. fordert den Hörer auf, sich beim Anblick der herrlichen Rif-Berge den Kampf dieser Helden vorzustellen, als seien sie lebendig: Xzart ghar idurar in, xzart a imezzvyanen! ("Seht euch diese Berge an, seht ihr Jungen!") Nhar a yeqqim din latar n weyraden, latar n Âabd-l-Krim, latar n yemjahden. ("Noch heute sind dort erhalten die Spuren der Löwen, die Spuren des Abd-el-Krim, die Spuren der Märtyrer.") In zi lallagh n tmurt gedenkt der Sänger dem Freiheitskämpfer MUHEND AMEZZYAN, der aus einem Ort stammt, der einen Steinwurf von W. M.s Geburtsort entfernt liegt. MUHEND AMEZZYAN, den die Menschen damals an seinem prächtigen Reitpferd erkannten, führte bereits von 1909-1912 im Raum Nador einen Aufstand gegen die vordringenden Spanier an, während ABD-EL-KRIM erst im Jahre 1921 losschlug. Im Vergleich zu ABD-EL-KRIM hat AMEZZYAN aber wenig Berühmtheit erlangt. In eindrucksvollen Bildern läßt W. M. die imposante Gestalt des MUHEND AMEZZYAN wiederauferstehen und lässt ihm mit seinem Lied die ihm gebührende Aufmerksamkeit zuteil werden. W. M. hat das Lied während seiner Haft geschrieben. In diesem Zusammenhang sind die nachfolgend zitierten Zeilen aus zi lallagh n tmurt zu verstehen: Zi tburjet n lliyali xezzaregh gh,ar usegnu ("Durch eine Luke sehe ich in meinen langen Nächten auf zu den Wolken") twaligh yis d acemlal yetrabaâ deg ul inu. ("Ich sehe ein weißes Pferd durch mein Herz galoppieren") Ul inu d lmelâeb n lejdud nni yezzaren ("Mein Herz ist das Tummelfeld meiner Ahnen") Es ist unverkennbar, dass sich W. M. in seiner vermeintlich aussichtslosen Lage mit dem vergessenen Helden aus verblichenen Zeiten identifiziert hat. Doch heute ist der kämpferische Geist von W. M. verblasst. Der Sänger hat die Chance gewittert, im reichen Westen, zu Wohlstand zu gelangen. Wer mag es ihm verdenken?! So resigniert und verbittert der Künstler in seinen Liedern erscheint, ein Prinzip liegt ihnen fast immer zugrunde: es ist das Prinzip Hoffnung, die Hoffnung auf ein besseres Leben. Vielleicht hat sich diese Hoffnung endlich für ihn erfüllt. Es bleibt zu hoffen, dass sich die Verlockungen des Geldes nicht ungünstig auf seine Kreativität auswirken. Auf sein nächstes Album können wir deshalb gespannt sein.




Gruss Anir