hallo najib,
zur frage
"willst du durchsetzen, dass sich jeder unter jedem namen überall im internet und darüber hinaus anmelden darf."
Offensichtlich haben wir doch noch nicht den gleichen wissensstand erreicht, sonst hättest du die frage nicht schon wieder gestellt.
Es geht nicht darum ob ich das will oder nicht, es geht darum dass das 1) die tatsächliche realität ist im www und 2) es sich durch keine maßnahme der welt verhindern lässt da es keine wirksamen mittel dagegen gibt.
Ebenso zur frage ob ich das als grundrecht ansehe: Nein, sicher nicht. Aber ein nicht durchsetzungsfähiges gesetz konterkarriert sich alleine dadurch selbst.
Wenn du schreibst "um nichts anderes geht es ja im fall fouad." sehe ich das anders. Ich denke, hier stimmen die verhältnisse einfach nicht. Wie schon erwähnt hast du recht, er hat gegen ein (in meinen augen zweifelhaftes) gesetz verstoßen. Du machst es dir denke ich etwas zu leicht damit wenn du nur fragst existiert ein gesetz nach dem das urteil gefällt wurde. Es gibt gesetze ja auch "gesetze" die ein guantanamo rechtfertigen, die verschleppung durch die cia und anschließende folter legitimieren etc. Die entsprechen nur eben nicht den standards, die ich für anstrebenswert halte. Die jetzt aufgezählten verstoßen natürlich auch gegen internationales recht und das kriegsrecht. Für dich aber alles ok, die gesetzliche grundlage ist ja da??
Insoweit macht die diskussion um strafmaße und -um wieder zum beispiel zurückzukommen- auch die zeitgemäßheit eines gesetzes in frage zu stellen schon viel sinn in meinen augen.
Zu deinem china eine investitionswüste-beispiel. Der vergleich hinkt insoweit, als in china in maschinen investiert wird um damit produzieren zu können. Und klar lässt sich auch ein wirtschaftsriese wie china beeindrucken, nimm als beispiel die verwendeten giftigen farben in kinderspielzeug. Es ging recht fix und mit dem absatzeinbruch ging auch recht schnell die änderung in der produktion einher.
Der investor der touristische infrastruktur im großen stil aufbaut hat nur etwas davon, wenn diese anschließend intensiv genutzt wird (was in anbetracht der geplanten kapazitäten eh etwas fragfwürdig enden könnte meiner meinung nach). Das kann er aber kaum selbst steuern. Ein paar terroranschläge könnten seine kalkulation über den haufen werfen so wie es grundsätzlich ausbleibende touristenmassen tun, wenn diese erstmal zu der überzeugung kommen das ist ein "no-go land mit durchgeknallten gesetzen" wo man sicherheitshalber nicht (mehr) hinfährt. Lies dazu mal den kommentarbereich im heise-link, du verstehst sehr rasch was ich meine. Da geht es um diffuse bauchgefühle, stimmungen, denn was dort zu lesen ist, ist rational anders nicht erklärbar. Ich gehe davon aus, dass das urteil gegen fouad diffuse ängste auslöst über den zustand marokkos. Vergiss nicht, das hintergrundwissen zur rolle des königs, zu marokkansichen gesetzen etc. fehlt touristen fast immer. Sie bewerten ganz einfach "Da hat jemand ein spassprofil im internet erstellt (was hundertausendfach jeden tag passiert) und der wurde gefoltert und sitzt nun 3 jahre im knast dafür."
Erinnerst du dich an den fall des 17 jährigen deutschen der mit einer 13 jährigen engländerin sex hatte, was weite kreise in der deutschen presse zog? Die buchungszahlen für die türkei gingen spürbar in den keller, nicht grundlos hat sich am ende der größte türkeiveranstalter höchstpersönlich dahinter geklemmt und sich für die freilassung des jungen engagiert. Dem herrn oeger schwammen die felle weg für die bevorstehende saison, der hatte sicher kein mitleid mit einem ihm unbekannten 17-jährigen der beschuldigt wurde eine 13-jährige vergewaltigt zu haben. Dass sex mit 13-jährigen auch in D natürlich eine schwere straftat ist und solche verdächtigen lange vor einem urteil den stempel "schuldig" aufgedrückt bekommen hat nichts daran geändert, dass es im fall des in der türkei verhafteten jugendlichen komplett anders war. Die öffentlichkeit sah ihn nicht als potentiellen täter sondern auschließlich als opfer der türkischen justiz.
Wie du also siehst, kann die tourismusindustrie durchaus schnell ins stolpern kommen, wenn die meinungsbildung entsprechend kanalisiert ist und nicht nur bei irgendwelche attentaten von extremisten.
Ja, es ist ein wenig aberwitzig, tunesien, welches eigentlich noch schlechter da steht unter menschenrechts- oder demokratieaspekten produziert aber im gegensatz zu MA nicht solche absurden schlagzeilen in der öffentlichkeit. Tunesien läuft übrigens deshalb so gut und besser als MA weil es deutlich preiswerter ist bei ebenso guter bis besserer infrastruktur. Nicht etwa weil die leute bevorzugt in länder mit möglichst zweifelhaftem demokratieverständnis fahren.
Stimmt ansonsten schon, der boykott würde viele kleine angestellte treffen die rausgeschmissen werden. Daneben alle anderen die indirekt am tourismus verdienen von cafés bis zu den souvenierhändlern. Das gros der umsätze der großen hotel-bettenburgen fließt aber so oder so leider wieder aus dem land an internationale konzerne oder -sofern an diesen hotelgruppen einige reiche marokkaner beteilligt sind -in deren private taschen.
Im gleich im anschluß geposteten beitrag werden dir übrigens beispiele geliefert wo sehr wohl der öffentliche druck zu veränderungen führt, auch in marokko. Youtube.com wäre so ein beispiel! Eine weitere absurdität ist in marokko ja die nichterreichbarkeit von google-maps und google-earth.
Mohamed Drissi Bakhkhat, dozent für wirtschaft in tanger, der im folgenden beitrag interviewt wird hat bedauerlicherweise recht wenn er annimmt, der fall Mourtada könnte das ende der freiheit des internets in marokko bedeuten.
Und menschen die keinen handlungsbedarf erkennen werden dabei zu totengräbern der freiheit, ob sie es wollen oder nicht ist dabei vollkommen egal.
traurige grüße
sk8erBLN