Salam, lieber Youssef,

ich für meinen Teil halte die drei Begriffe "islamisch" "feministisch" und "Marokko" für unvereinbar und alle drei sind darüberhinaus so schwammig, daß sie für die Definition und Positionsbestimmung eines Frauenlebens nicht taugen.

Was heißt denn "islamisch" - sind es meine Schwägerinnen im fortgeschrittenen Alter, die gläubiger nicht sein könnten? Die nicht nur Enkel haben wie ich, sondern auch schon Urenkel und die allesamt - ohne eine einzige Ausnahme - vom Vater verheiratet worden sind (11 an der Zahl)?

Wie paßt deren individuelles Glück, das bei denen, die ich intensiv kennengelernt habe unübersehbar ist und zwar nicht als Glück eines Paares, sondern als Glück einer Familie, die ständig darauf achtet, die Balance nicht zu verlieren - wie paßt das zu unserem feministischen Dogma, daß es kein Glück geben kann, das nicht ein selbstbestimmtes Glück wäre, also keine Liebesheirat, sondern das familienpolitische Kalkül des Vaters? Sind diese durchwegs ungeschiedenen Frauen inmitten ihrer Familien nur zu wenig aufgeklärt oder hatte dieser eine Vater nur ein besonders glückliches Händchen beim Verkuppeln seiner Töchter oder ist es nicht vielleicht möglich, daß unsere westliche Liebesarithmetik manches über Bord geworfen hat, was sie besser nicht über Bord geworfen hätte?

Und was ist denn dieser Feminismus genau? Ist er nicht auch diese Trauer, die ich spüren kann, wenn ich mit einer Kollegin meines Alters durch Marokko reise und sie vor ihrem inneren Auge die zurückliegenden Jahre Revue passieren lässt, als hochdotierte Managerin und als Alleinerziehende. Wie trostlos dieses eine kleine Wort doch ist, wie schrecklich, wie das ganze Ausmaß an Opfermut von Frauen darin liegt und wie stolz sie in ihren wichtigsten Jahren darauf waren, niemals ihre Weiblichkeit, ihre Mütterlichkeit als Grund dafür benützt zu haben, einen einzigen Tag nicht voll einsatzfähig gewesen zu sein: um die Sonne zu sehen im Sommer, um im Freien zu Atmen im Winter - und um dem einen Kind noch weitere hinzuzufügen, was natürlich nicht möglich ist, wenn man alleine ist. Was für ein unsagbarer Verzicht und welche Verschwendung von Lebenskraft, weil ein Unternehmen vergesslich ist und grausam, ein Kind aber notfalls die Hand halten kann, wenn sie keiner sonst mehr hält.

Ich rede jetzt nicht von den Töchtern, weder von meinen eigenen noch von denen meines Mannes und auch nicht von denen der Schwestern und Brüder meines Mannes. Da hat sich das oben beschriebene Dilemma noch um ein Vielfaches verschränkt und verknotet und man kann kaum noch auseinanderhalten, wo was beginnt und wo was aufhört: gerade erst habe ich einen marokkanischen Kollegen in einer gelösten Stimmung bei sich zu Hause erlebt, mit der schönsten Frau, die ich jemals in meinem Leben gesehen habe und den anmutigsten Kindern mit dem Satz auf den Lippen "ja, ich bin ein sehr glücklicher Mann" - und was noch weniger zu glauben war, ein Seitenblick hat genügt und ich musste meinen deutschen Kollegen unter dem Tisch gegen das Schienbein treten und ihm zuzischen, daß er aufhören solle zu glotzen und ihn im übrigen davon abhalten chauvinistische Sätze wie den folgenden vom Stapel zu lassen, daß sich so etwas in Deutschland kein Mann mehr zu sagen traue, aber jeder ihn beneiden würde....Tatsache ist, daß er ungeniert prahlen konnte (mein marokkanischer Kollege), daß diese wunderschöne Frau ihm praktisch ganz alleine gehört, daß er nach Hause kommt und alles geordnet vorfindet (auch den Sex, die Emotionen und das Geld), daß sie grade mal 17 Jahre alt war, als er sie geheiratet hat und daß sie dazu still vor sich hingestrahlt hat, sich ihres Reichtums voll bewußt.

Das alles hat mindestens zwei Seiten und man weiß nie so genau, wem man grade zuprosten sollte, aber so einfach über einen Kamm scheren und ein-für allemal eine Vorgehensweise festlegen, was fortschrittlich, emanzipiert und glücksbringend für Menschen, Frauen dazu, wäre - das würde ich mir nicht mehr zutrauen. Weder in diesem, noch in einem anderen Lager (abgesehen davon, daß man "Diplomaten"-Gattinnen nie ganz trauen kann).

Josi