Hallo zusammen,

nachdem aus der folgenden Analyse bereits 2 mal Teilbereiche hier im Forum zitiert worden sind und da der Artikel nicht direkt verlinkt werden kann sondern nur über eine Suchmaske gefunden wird, poste ich für Interessierte den Bericht der Bundesagentur für Außenwirtschaft, Servicestelle für potentielle Auslandsinvestoren des (deutschen) Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie, über die Einschätzung des marokkanischen Marktes.


Zitat:

"Wirtschaftsentwicklung Marokko 2006

Rabat (bfai) - Die marokkanische Wirtschaft wächst seit dem Jahr 2000, das Investitionsklima hat sich verbessert und der Ausbau der Infrastruktur kommt zügig und gut voran. Doch hohe Steuern, geringe Arbeitsproduktivität und die schwache Qualifikation der Arbeitnehmer behindern die weitere Entwicklung. Es bleibt abzuwarten, ob das Königreich nach den Parlamentswahlen im September weitere, nicht immer populäre Maßnahmen, wie die Streichung von Subventionen, durchsetzt.
Wirtschaftsstruktur und Wirtschaftslage
Kurzcharakterisierung der Wirtschaft des Gastlandes

Marokko ist seit seiner Unabhängigkeit im Grundsatz eine Marktwirtschaft mit liberaler Wirtschaftsverfassung. Der marktwirtschaftliche Charakter der Wirtschaft wird aber durch den großen Einfluss des Königs und der ihn umgebenden Herrschaftsstruktur ("Makhzen") eingeschränkt.

Marokko hat die Struktur eines Entwicklungslandes, das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt bei 1.460 Euro im Jahr. Zudem ist das Land gegenüber externen Schocks sehr empfindlich. Derzeit ist Marokko einem hohen Ölpreis, der zunehmenden Öffnung des Außenhandels und damit verbunden einem stark zunehmendem Konkurrenzdruck ausgesetzt. Hinzu kommt die hohe Klimaabhängigkeit der Landwirtschaft, die sich erneut im ersten Halbjahr 2007 zeigte, als die anhaltende Trockenheit die Wachstumsperspektiven der marokkanischen Wirtschaft bedroht.

Nach einem Wirtschaftswachstum vom 8,1% im vergangenen Jahr 2006 wird für das laufende Jahr 2007 nur noch mit einem Wachstum von 1,8% gerechnet. Dieser staatlichen Prognose des Office des Changes steht der pessimistischere Ausblick des privaten "Centre Marocain de la Conjoncture" entgegen, das von einer Stagnation bei nur 0,4% Wachstum ausgeht.

Weitere Schwächen des Wirtschaftsstandortes Marokko resultieren aus einem hohen Steuerdruck, nur durchschnittlicher Arbeitsproduktivität und der schwachen Qualifikation der Arbeitnehmer. Hinzu kommen geringe Forschungs- und Entwicklungsausgaben, eine Informations- und Kommunikationstechnologie die weiter entwickelt werden muss und der Technologietransfer, der ausgebaut werden muss. Als hinderlich wird von deutschen Unternehmen auch die unzureichende Transparenz der Wirtschaftsjustiz eingeschätzt.

Auf der anderen Seite ist die Infrastruktur (Straßen, Bahnstrecken,Häfen, Flughäfen) gut ausgebaut, es gibt viele Neubauprojekte und das Land öffnet sich nach außen. Auch die Investitionen in das Humankapital steigen. Nach einer Klassifizierung des "World Economic Forum" (2006) rangiert das Land unter den Investitionsstandorten auf Platz 70 von 125 untersuchten Ländern (Vorjahr Platz 76) hinter Jordanien und deutlich hinter dem wichtigen Konkurrenten Tunesien (Platz 30). Als besondere Schwachpunkte führt der Report für Marokko die Korruption, die geringe Spezialisierung der Wirtschaft, patriarchalisch geführte und damit wenig innovative Einzelunternehmen, fortdauernde soziale Ungleichheit und die hohe Analphabetenrate (47%) auf.

Für Unternehmen werden zudem als problematische Faktoren der mangelnde Zugang zu Finanzierungsquellen, hohe Steuersätze und ein komplexes Steuersystem herausgestellt. Ähnliche Schlussfolgerungen zieht der "Economic Freedom Index" der Heritage Foundation von 2007. Dort werden Schwachpunkte in den Bereichen Eigentumsrecht, Korruption und Arbeitsrecht benannt. Nach einer Klassifizierung der Vereinten Nationen aus dem Jahre 2006 nimmt Marokko in der Rangliste der "menschlichen Entwicklung" den 123. Rang (von insgesamt 177 klassifizierten Ländern) ein. Damit hat sich Marokko zwar um zwei Plätze verbessern können, viele vergleichbare Länder konnten sich aber vor Marokko positionieren, zum Beispiel Jordanien auf dem 86. Platz, Tunesien auf Platz 87 oder Ägypten auf Platz 111.

Marokko ist wichtigster Empfänger von ENP-Mitteln im Rahmen der EuroMed-Partnerschaft und Partnerland der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Als bilaterale Geber spielen derzeit Frankreich, Spanien, Japan und Italien eine wichtige Rolle. Darüber hinaus soll noch vor den Wahlen im September ein Abkommen über ein signifikantes Engagement der USA im Rahmen des Millenium Challenge Account geschlossen werden.

Für die wirtschaftliche Entwicklung sind insbesondere Programme zur Modernisierung der Infrastruktur zur Finanzsektorentwicklung sowie zur Unterstützung der Modernisierung der marokkanischen Wirtschaft mit Blick auf die Marktöffnung von besonderer Relevanz. Mit der wirtschaftlichen Entwicklung steigt jedoch auch der Bedarf und die Nachfrage nach Maßnahmen im Bereich des Umweltschutzes. Durch die hohen Energiepreise gewinnen in jüngster Zeit darüber hinaus Programme zur Reform des Energiesektors sowie zur Nutzung erneuerbarer Energien und zur Förderung der Energieeffizienz an Bedeutung. Angesichts der dynamischen Entwicklung des Mikrofinanzsektors in Marokko rückt dieser mit Blick auf die zu erwartenden Armutswirkungen zunehmend in den entwicklungspolitischen Fokus.
Struktur der Wirtschaft

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Wirtschaftsstruktur Marokkos nicht grundlegend verändert. Der Anteil der Landwirtschaft am Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist von 1983 bis 2006 leicht von 15,2% auf 16,1% gestiegen. Demgegenüber fiel der Anteil der Industrie von 33,2% auf 31,8%. Der Anteil des Dienstleistungssektors (einschl. Staatssektor) fiel leicht von 51,6% auf 51%.

Die andauernde Bedeutung der Landwirtschaft resultiert daraus, dass rund 44% in der Beschäftigten in der Landwirtschaft arbeiten. Etwa 95% der marokkanischen Unternehmen sind kleine oder mittelgroße Firmen. Sie beschäftigen aber nur weniger als die Hälfte der Arbeitnehmer und sind mit 30% am marokkanischen Export und 40% an den Investitionen beteiligt.

Wichtigster Industriesektor in Marokko ist die Lebensmittelverarbeitung mit einem BIP-Anteil von 12,2%. Ein Viertel der marokkanischen Unternehmen ist in diesem Bereich tätig. Die langjährige Politik der Selbstversorgung mit Lebensmitteln ist der Grund dafür, dass in Marokko fast alle Bereiche der Lebensmittelverarbeitung existieren. Die Subventionierung von Grundnahrungsmitteln wird Stück für Stück aufgegeben.

Die Textilindustrie ist nach der Energieproduktion der drittgrößte Sektor in Marokko (4,7% des BIP), allerdings bei weitem wichtigster Arbeitgeber. 42% aller industriellen Arbeitskräfte sind hier beschäftigt. Mit dem Auslaufen des Multifaserabkommens Ende 2004 und der damit verbundenen massiven Verdrängungskonkurrenz der VR China auf dem wichtigen europäischen Markt hat ein Schrumpfungsprozess eingesetzt. Temporäre Beschränkungen der chinesischen Exporte nach Europa, Steuer- und Zollerleichterungen für die marokkanische Textilwirtschaft und gestiegene Marketinganstrengungen haben dazu geführt, dass der Rückgang der marokkanischen Textilexporte im Jahr 2005 auf 7% beschränkt werden konnte und im Jahr 2006 die Ausfuhr stabil blieb.

Zunehmende Bedeutung erlangt die Zulieferindustrie in den Bereichen Informationstechnologie, Automobile und Luftfahrt. Die Produktion des Dacia Logan in Casablanca und die Ansiedlung französischer und amerikanischer Zulieferbetriebe für die Luft- und Raumfahrt sind hier die wichtigsten Impulsgeber.

Das größte marokkanische Unternehmen (nach Umsatz und Beschäftigtenzahl) ist der ehemalige Staatsmonopolist Maroc Télécom. Fünf der zehn größten Unternehmen sind in den Bereichen Energie und Kraftstoffe tätig (SAMIR, ONE, Shell, Afriquia, Total). Drei Unternehmen unter den größten zehn sind weiterhin staatlich (ONE, Royal Air Maroc, Office Cherifien des Phosphates), vier sind teilweise oder vollständig privatisierte ehemalige Staatsunternehmen (Maroc Télécom, SAMIR, Regie des Tabacs, Lydec).

Wichtige Beteiligungen an den Top Ten halten an erster Stelle Frankreich (Maroc Télécom, Régie des Tabacs, Lydec, Total), Spanien (Régie des Tabacs) und Saudi-Arabien (SAMIR).
Wirtschaftsklima

Die marokkanische Wirtschaft wächst seit dem Jahr 2000. Auf dem marokkanischen Markt existieren zahlreiche Monopole und Oligopole, vielfach mit engen Verbindungen zum Königshaus.

Das Investitionsklima in Marokko hat sich weiter verbessert. Die abgeschlossenen und in Kraft getretenen Freihandelsabkommen, die Liberalisierung des Telekom- und Energiesektors und auch das Luftverkehrsabkommen mit der EU haben daran ihren Anteil.

Der marokkanische Staat gibt verschiedene Investitionsanreize, auch für ausländische Unternehmen. So können Unternehmen die umgerechnet mindestens 18 Mio. Euro investieren, mehr als 250 dauerhafte Arbeitsplätze schaffen, in ausgewählten Provinzen investieren, Technologie transferieren und zum Umweltschutz beitragen, nach staatlicher Genehmigung von verschiedenen Anreizen profitieren: Beteiligung des Staats an bis zu 20% der Bau- und Investitionssumme, Beteiligung an bis zu 5% der notwendigen Infrastrukturinvestitionen und Beteiligung an bis zu 20% der im Investitionsplan vorgesehen Fortbildungsausgaben.

In ausgewählten Branchen (Textil, Automobil- und Luftfahrtzulieferer, Feinmechanik) können diese Fördersummen noch überschritten werden. Umweltschutzmaßnahmen in bestehenden Betrieben werden mit bis zu 20% der anfallenden Kosten bezuschusst.

Besondere Wirtschaftszonen mit off-shore Charakter wurden ausgewiesen. Die größte bestehende ist die Wirtschaftszone bei Tanger. In Casablanca entsteht ein Industriepark für ausgelagerte Dienstleistungen ausländischer Unternehmen (Nearshore Park Casablanca),bei Rabat entsteht eine Industriezone, die sich speziell der Nanotechnologie widmen soll.

Die Investitionen in Marokko steigen. Die Bruttoinvestitionsquote betrug im Jahr 2006 29,4%. Sie legte damit zum vierten Mal in Folge zu und bleibt nur noch knapp unter dem Schnitt der Schwellenländer von 30%. Die öffentlichen Investitionen, die zwei Drittel der Gesamtinvestitionen ausmachen, entwickeln sich dynamischer als die privaten Investitionen.
Offenheit gegenüber der Weltwirtschaft

Die wirtschaftliche Öffnung Marokkos setzt sich weiter fort. Marokko hat zahlreiche Freihandelsabkommen abgeschlossen, darunter das Assoziationsabkommen mit der EU aus dem Jahre 2000. Mit dem allmählichen Zollabbau wurde begonnen und bis 2012 sollen alle Zollschranken fallen. Das Fischereiabkommen mit der EU ist inzwischen in Kraft. Derzeit werden Abkommen über die Liberalisierung von Agrarprodukten und Dienstleistungen verhandelt.

Die im Jahr 2004 abgeschlossenen Freihandelsabkommen mit den USA, der Türkei und den "Agadir-Partnern" Jordanien, Ägypten und Tunesien sind inzwischen ratifiziert und im Jahr 2007 im Falle von "Agadir" mit zahlreichen Ausnahmeregelungen

in Kraft getreten.

Doch die außenwirtschaftliche Liberalisierung Marokkos wird nicht durch eine wachsende Wettbewerbsfähigkeit der kleinen und mittelständischen Unternehmen begleitet. Es wird immer wieder hinterfragt, diese marokkanischen Unternehmen im internationalen Wettbewerb bestehen können.

Nach einer Phase der Konsolidierung in den Jahren 2001 und 2002 hat sich das Handelsbilanzdefizit Marokkos in den vergangenen beiden Jahren wieder deutlich erhöht. 2006 belief es sich auf 16,7% des BIP, nach 15,7% im Jahr zuvor. Die Importe haben sich 2006 wertmäßig um 11% erhöht und erreichten 41,9% des BIP (Vorjahr: 39,7% ). Nachdem im vergangenen Jahr der Import von Erdöl um 64,8% erhöht hatte, hat sich die Lage im Jahr 2006 mit einem erneuten Anstieg von rund 5% wieder beruhigt.

Der Import von Halbfertigprodukten (Importanteil 23,5%) stieg im Berichtsjahr 2006 um 19,1%. Maschinen, Anlagen und Ausrüstungsgüter erreichten einen Importanteil von 20,8%. Ihre Importe legten um 15,8% zu. Der Import von Konsumgütern stieg um 8%.

Die marokkanischen Exporte haben sich 2006 mit einem Plus von 11,2% erneut erfreulicher als im Vorjahr (7,4%) entwickelt. Die Exporte erreichen nur 22,6% des BIP (Vorjahr 20,8%). Der Exportanteil von Konsumgütern betrug 31,3% der marokkanischen Exporte (Vorjahr.: 32,4%).

Besonders erfreulich entwickelte sich der Export von Bekleidung - des wichtigsten Exportgut Marokkos - mit einem Zuwachs von 16,9% und einem Exportanteil von 18,7%. Halbfertigprodukte erreichten einen Anteil von 28,4% und nahmen um 18% zu.

Die Ausfuhr von Lebensmitteln, Getränken und Tabak (Exportanteil 19,2%) stieg um 10,7%. Wichtigste Produkte in diesem Bereich waren Fischkonserven und Schalentiere, diese Bereiche verzeichneten ein Plus von 16% respektive 6%.

Der Export von Investitionsgütern blieb mit einer Quote von 8,6% (Vorjahr 6,4%) schwach. Ein Grund dafür sind die geringen komparativen Vorteile Marokkos (die mangelhafte Ausbildung, relativ hohe Lohnstückkosten) in der Industrie.

Die EU ist wichtigster Lieferant (49%) und vor allem Kunde (70%) Marokkos. Spitzenreiter ist weiterhin Frankreich vor Spanien mit einem Importanteil aus marokkanischer Sicht von 17,1%, nach 18,2% im Vorjahr. An zweiter Stelle steht Spanien mit einem Anteil von 11,5% (nach 11,0% im Vorjahr. Deutschland rangiert auf Platz sechs, Saudi-Arabien, Italien und die VR China auf den Plätzen drei, vier und fünf. Der deutsche Anteil am marokkanischen Außenhandel beträgt 4,6%. Die deutschen Exporte nach Marokko sind im Vergleich zum Vorjahr um 18,2% gestiegen.

Die ausländischen Direktinvestitionen sind in Marokko stark von der Privatisierung des Staatsvermögens abhängig. Die gesamten ausländischen Direktinvestitionen sind im Jahr 2006 auf 2,65 Mrd. Euro gestiegen. Die wichtigsten Investoren sind im Berichtsjahr Frankreich mit 807 Mio. Euro und Spanien mit 669 Mio. Euro. Bemerkenswert ist der rapide kleiner werdende Abstand zwischen Frankreich und Spanien.

Deutsche Unternehmen haben im vergangenen Jahr rund 80 Mio. Euro investiert, zumeist waren es Erweiterungsinvestitionen deutscher Großunternehmen. Damit landete Deutschland an neunter Stelle (Vorjahr Platz 3) unter den Investoren. Der deutsche Anteil an den Auslandsinvestitionen in Marokko betrug 3%.

Seit den neunziger Jahren ist die Präsenz ausländischer Investoren in Marokko wieder deutlich gestiegen. Ganze vorne liegt Frankreich mit Beteiligungen in fast allen Wirtschaftsbereichen. Rund 500 französische Unternehmen beschäftigen 75.000 Menschen. Sie erreichen einen Anteil von 10% an der gesamten marokkanischen Wertschöpfung. Prominenteste französische Beteiligung in Marokko ist die Anteilsmehrheit von Vivendi am ehemals staatlichen Monopolisten Maroc Telecom. Eine große Rolle spielen französische Unternehmen inzwischen im Bereich öffentlicher Dienstleistungen.

Seit einigen Jahren engagieren sich immer mehr spanische Firmen. Flagschiff ist die Aktienmehrheit von Telefonica am zweiten Mobilfunkanbieter Méditélecom, der Anfang Juli 2005 auch den Zuschlag für die zweite Festnetzlizenz erhalten hat. Spanische Unternehmen haben auch substantiell im Textilbereich investiert.

Die Hafenreform und der Bau des Großhafens Tanger Méditerranée zwischen Tanger und Tetúan sollen existierende logistische Engpässe im Außenhandel beheben. Das deutsche Unternehmen Eurogate ist Konsortialführer beim Bau und Betrieb des zweiten Teils des Containerterminals in Tanger Méd.

Öffentliche Ausschreibungen sind transparenter geworden, bleiben aber bei manifesten inländischen oder auch französischen Interessen schwierig. Die Verletzung intellektuellen Eigentums und Schmuggel schmälern das Image Marokkos als Handelspartner. Viele unverzollte Güter aus den spanischen Exklaven Ceuta, Melilla und aus Algerien (trotz offiziell seit 1994 geschlossener Grenze) landen auf den Märkten in Casablanca und anderen marokkanischen Großtädten. Die marokkanische Patentbehörde OMPIC nimmt keine materielle Prüfung der vorgelegten Patentanträge vor, das "patent grabbing", die missbräuchlichen Anmeldung von Patenten, kann so nicht verhindert werden.
Aktuelle Wirtschaftsentwicklung, konjunkturelle Lage

Im Berichtszeitraum 2006 ist die Wirtschaft um 8,1% gewachsen, nach 1,7% im Jahr 2005. Das hohe Wirtschaftswachstum ist vornehmlich dem Anstieg der landwirtschaftlichen Produktion um 30,1% zu verdanken. Der Beitrag der Landwirtschaft zum Wirtschaftswachstum betrug 3,8 Prozentpunkte, nachdem er im Vorjahr mit einem Minus von 1,9 Punkten negativ war.

Die Entwicklung der Landwirtschaft beeinflusst das Wirtschaftswachstum nicht nur direkt und indirekt, da wichtige Industriezweige (Nahrungsmittelindustrie, Agrochemie) und Teile des Dienstleistungssektors von ihr abhängig sind. Die Regierung wirbt um ausländische Investoren, um die Modernisierung des Agrarsektors voranzutreiben.

Das Wachstum der Wirtschaft außerhalb der Landwirtschaft betrug 5,2% nach 4,8% im Vorjahr. Marokko hat es geschafft, dass dieses Wachstum nun seit einigen Jahr um die 5% oszilliert. Der sekundäre Sektor (Industrie, Bauhauptgewerbe, Energie) ist mit 4,3% etwas weniger als im Vorjahr (6%) gewachsen. Grund dafür ist die schwache Entwicklung der Bereiche Energie und Minen (+ 1,1%).

Der Energieverbrauch ist im Jahr 2006 um 9,2% gestiegen. Dieser Verbrauch wurde vornehmlich durch stark angestiegene Stromimporte aus Spanien und Algerien befriedigt.

Nach offiziellen Angaben betrug im Berichtszeitraum die Arbeitslosigkeit 9,7% (Vorjahr

11,0%). Besonders bemerkenswert ist der Rückgang der städtischen Arbeitslosigkeit von 18,4% auf 15,5%. Die Regierung schätzt, dass im Jahr 2006 mehr als 300.000 Arbeitsplätze geschaffen wurden, davon mehr als 90% in den Städten. Neue Arbeitsplätze entstanden vor allem im Dienstleistungssektor (215.000), im Bauhauptgewerbe (107.000) und in der Industrie (22.000).

Auf dem Land beträgt die offizielle Arbeitslosenrate lediglich 4%. Allerdings ist hier mehr als ein Drittel der Arbeitsplätze im weitesten Sinne als unbezahlte Familienarbeit einzustufen. Die genannten Zahlen können zudem nur als Anhaltspunkt dienen, da 46,8% aller Arbeitsplätze im nicht-landwirtschaftlichen Bereich im informellen Sektor angesiedelt sind. Nach einer gemeinsamen Studie der Weltbank und des marokkanischen Industrieministeriums beträgt der Anteil des informellen Sektors 36% des BIP.

Die Preissteigerungsrate hatte 2006 mit 3,3% den höchsten Stand seit zehn Jahren erreicht. Für 2007 wird eine Inflationsrate von 2,6% erwartet.
Chancen für deutsche Unternehmen

Deutsche Produkte besitzen in Marokko ein ausgezeichnetes Image. Große deutsche Unternehmen haben daher eine zufrieden stellende Marktpräsenz, kleinere und mittlere Unternehmen tun sich aber schwer, da ihnen vielfach Markt- und französische Sprachkenntnisse fehlen.

Deutsche Firmen beteiligen sich unzureichend an öffentlichen Ausschreibungen, die transparenter geworden sind. Marokko ist noch nicht hinreichend im Fokus deutscher Unternehmen. Besondere Chancen ergeben sich in der Energieversorgung, der Wasserwirtschaft und der Müllentsorgung. Auch bei Infrastrukturprojekten, in der Nahrungsmittelindustrie, bei Haushaltsgeräten und in der Informationstechnologie sowie in Land- und Fischwirtschaft und im Tourismus gibt es gute Möglichkeiten. Insgesamt rückt Deutschland zunehmend in den Fokus von Entscheidungsträgern der marokkanischen Wirtschaft.
Wirtschaftspolitik
Fiskalpolitik

Die marokkanische Steuerpolitik ist durch hohe Steuersätze (35% Körperschaftsteuer, 44% Spitzensteuersatz bei der Einkommensteuer ab einem Monatseinkommen von über 450 Euro) und zahlreiche Ausnahmetatbestände gekennzeichnet. Die Vereinfachung des Steuersystems ist zwar angestrebt, wurde aber noch nicht vollständig umgesetzt. Kurzfristig ist eine Vereinheitlichung der Mehrwertsteuersätze geplant.

Seit dem Jahr 2000 haben die Steuereinnahmen einen Anteil von durchschnittlich 81% an den Staatseinnahmen. Der Anteil indirekter Steuern beträt 32,2% der Gesamteinnahmen. Unter den Spezialsteuern dominieren die Mineralölsteuer und die Tabaksteuer. Aus sozialpolitischen Gründen wird einfacher Dieselkraftstoff weiter massiv subventioniert. Die Einnahmen aus direkten Steuern haben sich sehr positiv entwickelt. Seit dem Jahr 2004 liegt der Anteil direkter Steuern über dem Anteil indirekter Steuern und erreichte 2006 37,4% (+16%).

Weltbank, Internationaler Währungsfonds und die Europäische kritisieren das strukturelle Budgetdefizit Marokkos .Die teilweise Abdeckung dieses Defizits durch Privatisierungseinnahmen ist nicht nachhaltig. Dennoch sind Verbesserungen auszumachen, im Jahr 2006 hätte das Defizit ohne Privatisierungseinnahmen 2,1% des BIP (Vorjahr: 5,3%) betragen. Unter Einschluss von Privatisierungseinnahmen lag das Defizit bei 1,7%, im Vorjahr waren es 4%. Die großen Privatisierungsvorhaben sind inzwischen abgeschlossen (Regie des Tabacs, Maroc Telecom, Comanav)

Einige für Investoren interessante Staatsunternehmen wie Royal Air Maroc sind noch nicht privatisierungsfähig, andere wie der Wasserversorger Onep und der Elektrizitätsversorger One sind derzeit nicht zur Privatisierung vorgesehen.

Gelungen ist die Umschichtung der Staatsschulden von externer auf interne Finanzierung. Die Staatsverschuldung lag im vergangenen Jahr bei 66,8%, sie ist seit 2001, als sie 74,4% des BIP betrug, rückläufig. 14,7% der Staatsausgaben entfallen auf die Befriedigung der Staatsschuld.

Die Staatsausgaben sind im vergangenen Jahr 2006 um 2% gewachsen. Die Steuereinnahmen haben sich im gleichen Zeitraum sehr positiv entwickelt: Körperschaftsteuer plus 28%, Einkommensteuer plus 4,6%, Umsatzsteuer plus 20,2%. Im Jahr 2007 steigen die Steuereinnahmen weiter: In der ersten drei Monaten wurde bei der Körperschaftsteuer ein Plus von 21,5%, bei der Einkommensteuer ein Plus von 16,4% und bei der Umsatzsteuer ein Plus von 29,1% verzeichnet. Diese Entwicklung ist auch auf eine höhere Effizienz der marokkanischen Steuerbehörden zurückzuführen.
Geldpolitik

Der Finanzsektor wird seit Juli 2003 durch eine kräftige Überliquidität gekennzeichnet. Ein Grund dafür sind die Überweisungen der Auslandsmarokkaner in Höhe von 4,3 Mrd. Euro im Jahr 2006, nach 3,6 Mrd. Euro im Jahr zuvor. Dabei kamen im Jahr 2006 160 Mio. Euro aus Deutschland. Auch die Privatisierung von Staatseigentum und die Zurückhaltung der Privatbanken bei der Kreditvergabe tragen zur Überliquidität bei. Der Liquiditätsgrad der marokkanischen Ökonomie ist im Jahr 1006 von 98,7% auf 105,8% des BIP gestiegen.

Trotz günstiger Refinanzierungsmöglichkeiten der Banken, der Interbankensatz lag 2006 im Durchschnitt bei 2,58% nach 2,77% im Vorjahr, beträgt der Durchschnittszins für Kredite an kleinere und mittlere Unternehmen um die 8%. Das Kreditvolumen legte im Berichtsjahr deutlich zu, bei den Immobilienkrediten wurde ein Plus von 33,3% verzeichnet, bei den Investitionskrediten ein Plus von 20,7%.

Der große Unterschied zwischen Aktiv- und Passivzinsen resultiert aus der großen Kreditnachfrage des Staates, der Kurzfristigkeit der Einlagen (80% der Einlagen werden auf Sicht gehalten), Informationsassymetrien und dem mangelnden Vertrauen in die dauerhafte Solvenz kleinerer und mittlerer Firmen. Die Zentralbank, die Bank al-Maghrib, versucht einheitliche Berichtsstandards bei der Kreditvergabe durchzusetzen.

Der Anteil notleidender Kredite ist im vergangenen Jahr von 19,4 auf 15,7% gefallen. Dies ist vor allem auf die Sanierungsbemühungen der Regierung bei den beiden staatlichen Banken "Credit Immobilier et Hotelier" (CIH) und "Credit Agricole" (CA) zurückzuführen, deren Kreditportfolio mit einen hohen Anteil notleidender Kredite belastet war.

Die Währungsreserven haben sich im Jahr 2006 um 22,6% auf 17,4 Mrd. Euro erhöht, sie decken ein Importvolumen von 13 Monate und drei Wochen ab. Seit dem Jahr 2004 ist auch die Unabhängigkeit der Zentralbank gestärkt. Sie will bis 2010 die volle Konvertibilität des marokkanischen Dirham.
Strukturpolitik

Wichtige Projekte der Regierung waren 2006 die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der Exportwirtschaft, der Ausbau von Freihandels-und Offshoringzonen und die Verbesserung der beruflichen Bildung im Lande sowie der Ausbau des Mikrofinanzsektors .

Die marokkanische Regierung hat die öffentlichen Investitionen in die Infrastruktur gesteigert. Bis 2007 soll der erste Teil des neuen Mittelmeerhafens "Tanger Méditerranée" fertig gestellt sein. Im April 2007 ist die Autobahn von Casablanca nach Marrakesch eröffnet worden. Ende vergangenen Jahres war die Autobahn von Casablanca nach El Jadida eröffnet worden. Auch der Bau der Autobahnstrecken von Fez nach Oujda an der algerischen Grenze und von Marrakesch nach Agadir ist begonnen worden.
Außenwirtschaftspolitik

Das hohe Handelsbilanzdefizit erhöht den Druck der Wirtschaftsverbände auf die Regierung schwache Branchen zu stützen. Gleichzeitig aber ist die Diskussion um eine Abwertung der heimischen Währung verebbt.

Marokkanische Produkte sind nicht spezialisiert genug. Im Textilbereich ist die Markenbildung nur unzureichend. Auch das viel zu geringe Forschungs- und Entwicklungsbudget marokkanischer Unternehmen, aber auch des Staates bleibt eine Hürde bei der Entwicklung exportfähiger Produkte.

Marokko bemüht sich, seine Handelsbeziehungen zu Europa weiter auszubauen und neue Märkte zu erschließen, zum Beispiel in Osteuropa und in Westafrika. Die staatliche Fluggesellschaft Royal Air Maroc expandiert in diese Regionen.

Ende Dezember 2005 hat das Industrieministerium das Programm Émergence vorgestellt. Es konzentriert sich auf zwei große Bereiche, zum einen auf Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Wachstum und zum anderen auf die Förderung des Außenhandels. Basierend auf Studie der Unternehmensberatung Mc Kinsey wurden ein Strategieprogramm für sieben Sektoren in Marokko entwickelt: Offshoring, Automobilindustrie, Flugzeugtechnik, spezialisierte Elektronik, verarbeitete Agrarprodukte, Meeresprodukte und Textilindustrie.

Erfolge sind bislang beim Aufbau von Callcentern und in der Automobilindustrie mit dem Bau des Dacia Logan in Casablanca verzeichnet worden. Auch die Exporte nach Europa und die Luftfahrtuzlieferindustrie entwickeln sich positiv.

Steuerpräferenzen und die Förderung beruflicher Bildung sollen das Programm "Emergence" unterstützen. Auch hier können erste Fortschritte benannt werden: Firmen im offshore-Bereich, die 70% ihres Umsatzes im Export erzielen, können mit erheblichen steuerlichen Entlastungen und mit einer Beteiligung an den Ausbildungskosten des einheimischen Personals rechnen.
Zusammenfassende Bewertung

Marokko steht unter großem Druck, die Herausforderungen der Handelsliberalisierung zu bestehen und die Modernisierung der Wirtschaft zu einem Erfolg zu führen. Viele Maßnahmen werden diskutiert und initiiert.

Marokko ist außerhalb seiner klassischen Exportmärkte Frankreich, Spanien, Italien noch zu wenig präsent. Im laufenden Jahr wird mit einem sehr schwachen Wachstum zwischen 0,4% und 1,6% gerechnet. Gerade in einem Wahljahr, die Parlamentswahlen finden am 7. September 2007statt, dürfte die Regierung höhere Wachstumsraten wünschen.

Während das Land im Bereich der physischen Infrastruktur Vorbildliches leistet, müssen die Wirtschaftsreformen und die Modernisierung von Staat und Gesellschaft noch weiter forciert werden. Unpopuläre wirtschaftliche Reformen sind vor dem Urnengang nicht zu mehr zu erwarten."

http://www.bfai.de/DE/Navigation/Datenba...erkte-node.html