in vielem gebe ich dir durchaus recht. die sichtweise der marokkaner auf europa ist verzerrt. übrigens: die sichtweise der früheren ddr-bürger auf die brd war auch verzerrt. dabei lebten sie ja eigentlich tür an tür. ja, wie sollen sich dann erst die marokkaner ein reales bild machen?

du sagst, dass marokko facharbeitermangel hat. meine gegenfrage: wer in marokko bildet aus? gibt es staatliche ausbildungsförderungen? wie sieht es mit den schulen aus? was folgt nach dem "normalen" schulabschluss. ich höre, dass es in marokko, angelehnt an das französische schulsystem einen polytechnischen unterricht gibt, bei dem grundwissen vermittelt wird. und dann?

marokko ist ein agrarland. einmal abgesehen von den zentren casa, rabat, agadir, marrakesch, fes und tanger...was machen die jungen menschen, die in ländlichen gebieten gross werden? haben sie die möglichkeit, sich zu facharbeitern weiterbilden zu lassen? wo?

gibt es staatliche wohnheime, in denen junge menschen während ihrer ausbildung kostenfrei wohnen können? gibt es zuschüsse für die fahrten zum arbeitsplatz, wenn er weiter entfernt ist?

warum erreicht man bis heute immer noch dörfer auf den rücken von eseln? welche zukunft hat ein junger mensch, der das nächste dorf nur auf dem rücken eines esels erreichen kann?

ich habe es immer als einen skandal in marokko empfunden, wie dieses land mit ihrer jugend umgeht. nur ein kleiner teil hat wirklich die chance auf einen arbeitsplatz.

und wie sieht das dann aus? ohne bezahlung an den patron keine arbeit. ob es im hotel oder der fabrik ist. jeder hält seine hand auf. ohne beziehung geht nichts.

da wachsen dann generationen um generationen heran, die nur noch den fatalismus kennen, ihren traum von einem besseren leben in eurpoa träumen, oder sich politisch radikalisieren lassen. wer nichts mehr zu verlieren hat, dem ist schliesslich alles egal.

nein - anders wird ein schu draus: die energie ist zu bewundern, sich aus seiner ausweglosen existenz zu befreien und sich auf den weg zu machen - und sei es nach spanien, auf die tomatenplantagen. etwas besseres als den tod findet man allemal, oder?

dass sie ihr elend mit einem neuen tauschen? ja sicher. sie wissen es nur nicht, wenn sie sich auf den weg machen.

abschliessend denke ich, dass du sehr aus der sicht eines menschen argumentierst, der mit marokko geschäftliche kontakte unterhält und dringend auf verlässliche und qualifizierte mitarbeiter angewiesen ist. über die verlässlichkeit von marokkanern könnte ich dir einiges erzählen. sie dienen, machen ihren buckel krum, malochen und malochen für ihren patron, werden rumgeschubst, mal hier und mal da hin. und sie machen alles mit, weil sie eine familie zu ernähren haben.und das weiss auch ihr patron!

ich spreche hier bewusst vom "patron". denn eine interessenvertretung der arbeiter in marokko...wo ist sie? wer setzt die löhne fest? den urlaub? der patron. wenn er gerade in guter stimmung ist.

rolf