Wie sehen es die Libanesen?

Ein Statement eines Libanese!

Die Zerschlagung der Hisbollah, dass ich nicht lache. Sowas kann nur jemand behaupten, der sich nie im Südlibanon aufgehalten hat und sonst nicht viel Kenntnis über die dortigen Verhältnisse besitzt. Die Hisbollah ist nicht nur eine Miliz, oder eine Partei, oder eine karitative Einrichtung, sie ist alles zugleich und noch viel mehr, denn die Hisbollah ist die Kultur des gesamten Südlibanon. Sie ist in den Köpfen und den Herzen der Schiiten, die meisten von ihnen würden ihr Leben und das ihrer Liebsten für Hassan Nassrallah opfern-was auch nicht selten geschehen ist. Wenn die Hisbollah wirklich ausradiert werden soll, dann muss Israel einen Genozid an alle libanesischen Schiiten durchführen.

In ein oder zwei Wochen werden die Israelis ihre Angriffe einstellen, nachdem der internationale Druck zu stark geworden ist und die USA intervenieren muss, um nicht noch ihre letzten Verbündeten im Nahen Osten zu verbittern. Die Hisbollah wird aus dem Ganzen als Sieger hervorgehen, als einzige Macht im Land, die den israelischen Aggressionen trotzen, ja als einzige Macht im ganzen Nahen Osten, die den zionistischen Staat dermaßen in Angst und Schrecken versetzen konnte. Ich sehe die Bilder vor mir, wie die Hizbollah-Milizionäre durch die Straßen getragen werden. Es wird ein moralischer Sieg über Israel, vor allem dann wenn die Israelis wieder einen Versuch einer Bodenoffensive starten und kläglich scheitern, so wie es heute morgen der Fall war. Nassrallah und seine Anhänger werden nicht mehr nur von den Schiiten im Libanon verehrt, sondern von allen Moslems auf der ganzen Welt. Für den Libanon bedeutet das eine zusätzliche Schwächung der Regierung, die eigentlich auf einen guten Weg war, der Hisbollah die Waffen abzunehmen. Es hätte sicherlich noch etwas gedauert, aber das war den Amerikanern und den Israelis wohl nicht schnell genug, sie bevorzugen die raschen und pragmatischen Lösungen, so wie z.B. im Irak.

Eine rasche Entwaffnung der Hisbollah wäre ein Affront gegenüber den Schiiten, es ist ein sehr sensibles Thema. Dass es überhaupt soweit gekommen ist, dass die Regierung seit einem Jahr darüber verhandelt hat, war schon ein erfreulicher Schritt in die richtige Richtung, wenn man die Rahmenbedingungen und den Rückhalt der Bevölkerung für die Hisbollah berücksichtigt. Vor allem seit dem Abzug der Syrer im letzten Jahr verlor der militärische Flügel der Partei zunehmend seine Legitimationsgrundlage, sie fühlten sich in die Enge getrieben, einerseits von der internationalen Gemeinschaft und andererseits von den moderaten Kräften im Libanon. Wenn ich mit Leuten aus dem Südlibanon darüber gesprochen habe, brachten sie mir das Argument vor, dass man sich unbedingt gegen israelische Aggressionen verteidigen können muss. Ich entgegnete dem stets, dass Israel nicht mehr angreifen werde, und daher die Waffen überflüssig sind und abgegeben werden müssten. Seit der letzten Woche wissen wir wer Recht hatte, und tatsächlich, die Hisbollah rettet die Ehre der Nation, nicht nur die der Schiiten, sondern aller Libanesen. Sicher wird von nicht wenigen Libanesen Kritik an der Entführung der Soldaten ausgeübt, doch je länger die Kämpfe anhalten, umso entschlossener steht das Volk hinter der “Partei Gottes”, konfessionsübergreifend.

Um sich in die ganze Situation einfühlen zu können, sollte man als Europäer einige Denkschablonen in Bezug auf Nationalstaat, Regierungssystem und Demokratie ablegen. Die libanesische Regierung glich bis vor dem Abzug der Syrer vor einem Jahr einer Mafia-Bande. Es kam rein, wer Syrien passte, und es wurde aus dem Leben gebombt wer aufmuckte. Die Korrupter saßen stets fest im Sessel und bereicherten sich nach nach Gutdünken an dem Geld des libanesischen Volkes. Ein Korruptionsskandal übertraff den anderen, bis es zur Normalität geworden ist. Die Autobahn von Beirut in den Südlibanon konnte zeitweise nicht mehr weitergebaut werden, da der Parlamentspräsident den Bauauftrag an die Firma seines Sohnes vergeben hatte, die für einen Autobahnkilometer ein Vielfaches von den angefallenen Kosten in Rechnung gestellt hatte. Der letztes Jahr von den Syrern ermordete Ex-Ministerpräsident Rafik Hariri betrieb über Umwege die Mobilfunkgesellschaft LibanCell, die offiziell einen Vertrag mit der libanesischen Regierung abgeschlossen hatte. Sie bekam die Rechte über die Frequenzen, während sie dafür die Infrastruktur aufbauen musste. Nach einigen Jahren sollte sie dann den Staat an den Gewinnen beteiligen. Letzendlich schröpften sie die handyverrückten Libanesen mit Preismodellen, die die deutschen Mobilfunkbetreiber wie Wohltäter erscheinen lassen. Später ließ das Unternehmen durch gefälschte Bilanzen verlauten, dass man nicht genug Gewinne erzielt hätte, um der Regierung ihren versprochenen Anteil abzugeben. Das waren nur zwei Beispiele von vielen (Stichwort Al Madina-Bank, staatliches Elektrizitätswerk etc..). In diesem ganzen Sumpf aus Korruption, Betrug und weiteren mafiösen Eigenarten konnte sich das Volk, insbesondere die Unterschicht und die niedere Mittelschicht stets auf die Hisbollah verlassen. Es gab nie auch nur den Verdacht von Korruption oder Betrug, den man der Hisbollah und ihren Mitgliedern anlasten konnte, sie traten stets als ehrenwerte Männer (bzw. Frauen) auf, die sich aktiv um das Leid der Ärmsten kümmerten. Sie bauten Krankenhäuser auf, überwiesen den Kriegsopfern und ihren Familien regelmäßig Geld, ohne das sie für ein Bettlerdasein verdammt gewesen wären, sie gaben der Unterschicht eine Stimme, eine Identifikation, sie gaben ihnen ihre Ehre und ihren Stolz zurück, zwei Dinge, deren Stellenwert in der arabischen Welt nicht überschätzt werden kann.

Dann kommt eines Tages die so verachtete Regierung und will die Hisbollah entwaffnen. Wie bereits gesagt, eine ganz brenzlige Situation, wie soll man all den Anhängern klarmachen, dass innerhalb von nur einem Jahr sich das Gesicht der Korrupter im Parlament gewandelt haben sollte. Sicher hat die Regierung seit dem Abzug einen Weg des Wandels eingeschlagen, doch es wird noch Jahre brauchen bis diese das jahrzehntelang aufgebaute Misstrauen in Vertrauen ummünzen kann. Bis es soweit ist, setzt das Volk sein Vetrauen in die Alternativkräfte, und die ehrlichste unter ihnen ist nunmal die Hisbollah. Eine Entwaffnung von heute auf morgen ist illusorisch, es muss Schritt für Schritt gehen, je mehr Vertrauen die Regierung mit der Zeit bei der Bevölkerung genießt, umso mehr muss die Frage nach der Entwaffnung in den Vordergrund gestellt werden. Jedoch ist dabei die Hilfe der internationalen Gemeinschaft unverzichbar, denn nur von diesen ließe sich die Hisbollah von weiteren Aktionen an der Grenze abhalten.

Schlußendlich möchte ich eine Passage aus einem Spiegel-Online-Interview mit dem Historiker Tom Segev wiedergeben:
SPIEGEL ONLINE: Möglicherweise will Premier Ehud Olmert zeigen, wer der Starke ist, um das Abschreckungspotential zu erhöhen. Wird ihm dieser Beweis gelingen?
Segev: Olmert ist ein schwacher Politiker, und auch die Regierung ist schwach. Nur eine starke Regierung wäre in der Lage gewesen, den Israelis klar zu machen, dass die Entführung von zwei Soldaten keinen Krieg wert ist.


So wie man die Strahlen der Sonne nicht zudecken kann,
so kann man auch das Licht der Wahrheit (Al Hakk) nicht auslöschen.

Israelitisches Sprichwort