Migration
Sturm auf Europa
Von Paul Ingendaay, Madrid


03. Oktober 2005 Jedes Bild, jede Einzelheit dieser Nächte im Nordwestzipfel Afrikas müßte in irgendeiner literarischen Phantasie schon ersonnen worden sein:


die schnellen Bewegungen, die selbstgefertigten langen Leitern, die gespenstische Choreographie der Gestalten, die um drei Uhr morgens alle zugleich aus dem Dickicht hervorbrechen, um den ersten der beiden Zäune zu erklimmen und möglichst schnell auf die andere Seite zu gelangen, wo das viel schwierigere Hindernis wartet, der zweite Zaun.


„Glückliche”, die es über den Zaun nach Europa geschafft haben
Dann die Uniformierten hinter ihnen und vor ihnen. Die Schreie, die Leuchtgeschosse, der brennende Schmerz, wenn ihnen der Stacheldraht ins Fleisch dringt. Und am Ende nur die Frage, ob sie auf marokkanisches Territorium zurücksinken oder jenseits des zweiten Zauns nach vorn fallen, auf spanischen Boden, der Sicherheit verspricht. Diesen Boden, der bedeutet: nicht als Verlierer, verletzt, hungrig und gedemütigt, die Heimreise antreten zu müssen. Jene, die es geschafft hatten, so hieß es, seien „wie Besessene” durch Melilla gerannt.

Brutalisierung der Methoden

Es gibt für das, was sich in der vergangenen Woche in den spanischen Enklaven Ceuta und Melilla abgespielt hat, keine literarischen Bilder. Selbst die großen Meister der Parabel, ob sie nun Jose Saramago oder J. M. Coetzee heißen, haben sich den verzweifelten, dabei sorgfältig geplanten Ansturm von weit mehr als tausend Schwarzafrikanern auf die hochgerüsteten Außenposten der europäischen Wohlstandsgesellschaften kaum vorstellen können.


Den meisten bleibt Europa aber verschlossen
Dabei entspricht diese Befestigungsanlage ziemlich genau dem, was sich die Erste Welt als Schutzwall gegen die Dritte Welt einfallen ließ. Migrationsforscher und Menschenrechtsorganisationen benennen schon seit längerem unseren ganz normalen Umgang mit dem „Flüchtlingsproblem”: abschotten, bewachen, umzäunen.

Und sollte doch einer durchschlüpfen, ab ins Lager mit ihm. Manchen könnten die Immigranten an das Heer der Orks bei Tolkien erinnern, das sich zum Angriff auf Mittelerde in Marsch setzt. Je weniger lösbar das Problem erscheint, desto bereitwilliger nehmen wir die Brutalisierung der Methoden hin.

Die „Vermehrungsmeute” als literarische Idee


Europa schützt sich - das Militär wurde aufgestockt
Die spanische Rechtslage hat dafür gesorgt, daß die Auffanglager für Immigranten fast gleichbedeutend mit einem künftigen Arbeitsaufenthalt in Europa sind. Von hier kann kaum jemand abgeschoben werden, wenn seine juristische Lage nicht geklärt ist, und da die Immigranten nicht mit gültigen Papieren kommen und ihre Personenangaben kaum nachprüfbar sind, verwandeln sich die überfüllten Lager in das heißersehnte Ziel der Elendsmärsche.

Und es hört nicht auf: Am frühen Montagmorgen haben abermals 650 Immigranten in Melilla den Ansturm gewagt und gleich den Zaun niedergerissen; dreihundert von ihnen befinden sich jetzt nach Angaben von „El Pais” auf spanischem Boden.


Ein Arbeiter repariert den beschädigten Grenzzaun
Wenn es für dieses monströse Geschehen am Südrand Europas schon keine literarische Gestaltung gibt, vielleicht hilft ja eine literarische Idee. Es ist Elias Canettis Begriff von der „Vermehrungsmeute” aus seinem großen Essay „Masse und Macht”. Der Mensch, heißt es dort, mußte sich im Kampf gegen die Tiere immer seiner spärlichen Nachkommenschaft, also seiner numerischen Unterlegenheit, bewußt bleiben.

Masse als Waffe

Dasselbe galt für den bewaffneten Konflikt. „Im Kriege wollte man stärker als die feindliche Horde sein”, schreibt Canetti. „Jeder Tod aber, den man zu beklagen hatte, besonders wenn es um einen erfahrenen und tätigen Mann ging, war ein ganz einschneidender Verlust. Die Schwäche des Menschen war seine geringe Zahl.”


Die Verletzten werden versorgt - auf europäischer Seite
Und das eben ist das Schockierende der Ereignisse von Ceuta und Melilla: Die Schwäche des Menschen, seine geringe Zahl, war für die afrikanischen Zaunstürmer aufgehoben, ja bewußt in ihr Gegenteil verkehrt worden. Die Immigranten waren so viele, daß die Wachsoldaten der Masse nicht Herr werden konnten. Die Leitern wurden gleichzeitig geworfen, die Menschen stiegen alle gleichzeitig hinauf, sie warfen sich alle zugleich gegen das Hindernis und nahmen dabei in Kauf, daß eine gewisse Anzahl von ihnen auf der Strecke blieb.

Stärker noch als die heimliche Landung an europäischen Küsten per Schlauchboot betont dieser Ansturm, daß Menschen das einzige sind, wovon die armen Länder Afrikas genug haben: Deshalb sind manche ein ganzes Jahr oder länger unterwegs. Deshalb verfangen sie sich im Stacheldraht und werden von anderen einfach überklettert, fallen unbeachtet zurück, reißen sich Fleischfetzen aus dem Körper oder werden von Kugeln getötet.

Individuen spielen keine Rolle

Weil die Bedrohung, die von der afrikanischen „Vermehrungsmeute” ausgeht, unmittelbar an ihre ungeheuerliche Zahl gebunden ist, bleiben auch die hektischen Gegenmittel notwendig an Zahlen gebunden. Rund zehn Kilometer Grenzlinie sind an den spanischen Enklaven in Marokko jeweils zu bewachen. An den Stellen, wo die Höhe des Schutzzauns nur drei Meter betrug, soll sie demnächst sechs Meter betragen.

Wo vorher ein paar Dutzend Wachsoldaten Dienst taten, schaffen jetzt einige Hundertschaften des spanischen Militärs Abhilfe. Soweit die Zahlen. Was die Verantwortung für die Todesopfer betrifft, will es keine Seite gewesen sein, und zur entscheidenden Frage ist geworden, ob die Kugel sich im Körper der Leiche linksherum oder rechtsherum gedreht hat. Auf diese Weise unterscheiden Ballistiker spanische Geschosse von marokkanischen.

Auch die Journalisten sind zahlenfixiert. Sie machen die noch verbliebenen Flüchtlinge auf marokkanischer Seite ausfindig, jene, deren Chance nicht mehr kommen wird, und recherchieren ihr Schicksal, bis die Zahl verbraucht und auch die Allerletzten aufgegriffen worden sind. Es ist typisch, daß die fünf Toten von Ceuta und die beiden Opfer von Melilla für uns hartgesottene Elendszeugen ohne Gesicht und Identität bleiben: Ob es je ein Foto von ihnen gab, ist fraglich; ihre Namen, wären sie bekannt, könnten erfunden sein; ihre individuellen Züge spielen keine Rolle.

Zwei Jahre für einen Traum

Was aber sind die wahren Ziffern hinter der verzweifelten Aktion, von der wir trotz der sattsam bekannten Bilder aus Italien, Albanien oder Malta glauben, sie bedeute die neue Stufe eines alten Konflikts? Die wahren Ziffern stammen aus den Prognosen zur globalen Bevölkerungsentwicklung, und sie sind so fürchterlich, daß die Vermutung zur demographischen Gewißheit wird: Es wird alles noch schlimmer kommen.

Nehmen wir den Immigranten Mario, fünfundzwanzig Jahre alt, dessen Geschichte soeben in der spanischen Zeitung „El Mundo” stand. Um in Melilla den drei Meter hohen Zaun zu überwinden, hat Mario dreitausend Kilometer in extremen Temperaturen zurückgelegt, den Überfall von Banditen überlebt, bei einem Autounfall seinen Freund verloren, sechs Wochen im Gefängnis gesessen und sieben Länder durchquert.

Im Mai 2003 brach er in Guinea-Bissau an der afrikanischen Westküste auf. Weiter ging es durch den Senegal, Mauretanien, Mali, Algerien, Libyen, wieder Algerien bis nach Marokko. Zwei Jahre für einen Traum.

Explosionsartiger Bevölkerungsanstieg

Bleiben wir bei den Zahlen, an ihnen hängt alles: Wo Mario herkommt, ist nicht einmal ein Fünftel des Landes landwirtschaftlich nutzbar. Dafür liegt das Durchschnittsalter bei knapp neunzehn Jahren (in Deutschland bei zweiundvierzig), und die Fertilitätsrate beträgt 4,93 (in Deutschland 1,39).

Da für eine stabile, nicht schrumpfende Nachkommenschaft eine Fertilitätsrate von 2,1 erforderlich ist, steht der sinkenden (und statistisch stetig alternden) Bevölkerungszahl in Deutschland eine steigende Bevölkerungszahl in Guinea-Bissau gegenüber. Das ist, in einer Nußschale, das Verhältnis des alten Europa zum jungen Afrika: In Deutschland die demographische Stagnation - in Afrika ein Bevölkerungswachstum von zwei bis vier Prozent.

Man muß hier noch gar nicht vom Referenzbeispiel Jemen sprechen, einem Land, für das sich dank eines Durchschnittsalters von 16,5 Jahren und einer Fertilitätsrate von 6,6 innerhalb weniger Jahrzehnte ein explosionsartiger Bevölkerungsanstieg voraussagen läßt, und das in einem Wüstenstaat, in dem nur drei Flüsse das ganze Jahr hindurch Wasser führen.

Afrika verjüngt sich - Europa altert

Schweigen wir erst recht vom sprunghaften Anwachsen muslimischer Bevölkerungen in Palästina, Afghanistan, im Irak oder in Pakistan. Es reicht, Marios Wanderung zu verfolgen, und das Muster wird konsistent:

Die afrikanischen Länder verjüngen sich, und ihre anwachsende Bevölkerung wird immer schlechter versorgt, während die europäischen Länder sich aufgrund ihrer unaufhaltsamen Überalterung, einer abnehmenden Bevölkerung und der Krise ihrer Sozialsysteme hinter immer höhere Mauern zurückziehen müssen, um ihren stetig schrumpfenden Wohlstand zu verteidigen.

Der Strandüberfall von Immigranten auf Badeurlauber bei Lissabon im vergangenen Sommer war möglicherweise der Vorbote ganz anderer Konflikte. Gibt es irgend jemanden, der unser Durchschnittsalter von zweiundvierzig Jahren jung findet? In Eritrea beträgt es 17,5 Jahre (und die Fertilitätsrate 5,61), in Somalia ebenfalls 17,5 Jahre (Fertilitätsrate 6,84), und der durchschnittliche Bewohner von Mauretanien ist sogar unter siebzehn Jahre alt.

Leichen werden zur Regel

Nach einer amerikanischen Schätzung wird die arabische Welt zwischen 2000 und 2030 rund 149 Millionen, der afrikanische Kontinent dagegen 402 Millionen neue Arbeitskräfte hervorbringen, ein Drittel von ihnen in der Altersgruppe der Fünfzehn- bis Dreißigjährigen. Fünfzehn oder sechzehn Jahre, so alt sind viele der Immigranten, die es jetzt in Marokko probiert haben: Afrikas Zukunft. Auch schwangere Frauen waren dabei.

Nur Zyniker bringen gegen diese Ziffern den gewaltigen Aderlaß von Millionen Menschenleben ins Spiel, den Hunger, Bürgerkrieg, Despotismus und das Aids-Virus für den afrikanischen Kontinent im kommenden Jahrzehnt bedeuten. Aids tötet viele erwerbsfähige Männer und Frauen und wird manche afrikanische Volkswirtschaft so nachhaltig ruinieren, daß dadurch weitere Flüchtlingsströme verursacht werden. Alles spricht also dafür, daß die europäische Einwanderungspolitik noch mehr als bisher mit Wachtürmen und Nachtsichtgeräten gemacht wird.

Spanien hat es nur noch nicht gemerkt. Schon zwei Tage nach den Ereignissen der letzten Woche waren die Immigranten wieder von den Titelseiten verschwunden. Auch die fünf Toten und vierzehn Vermißten, die am Wochenende von den Küsten der Kanarischen Inseln gemeldet wurden, dürften keine Spur hinterlassen. Leichen und noch mehr Leichen sind längst die Regel geworden. Und kein Ende des Militäraufgebots, der Sechs- oder Zwölfmeterzäune, der links- oder rechtsdrehenden Geschosse.


Text: F.A.Z., 04.10.2005
Bildmaterial: AP, REUTERS, picture-alliance/ dpa/dpaweb


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