Guten Abend,
das Thema "Auffanglager" nimmt an Aktualität und Brisanz seit ein paar Tagen wieder zu. Nunmehr wird eine "kosmetische" Korrektur angebracht, indem nur noch von "Zentren" gesprochen wird.
Heute abend las ich eine Reportage von dem portug. Journalisten Paulo Moura, die ich hier erstmal auszugsweise poste. Möge sich jeder seine eigenen Gedanken machen....
"Über ein Lager afrikanischer Flüchtlinge vor der Festung Europas - Im Wald von Missnana (Oujda)
Im Wald von Missnana
Ein Lager afrikanischer Flüchtlinge vor der Festung Europa
Zweite Folge einer zweiteiligen Reportage in Publica, dem Magazin der Tageszeitung Publico, Lissabon 2003
Juliete, die Schwester des Pastors, hat heute bereits fünfmal Eis auf ihre Perücke gelegt. Fünfmal den blauen Lidschatten aufgefrischt, sich einparfümiert, die tief dekolletierte Bluse aus- und wieder angezogen, desgleichen die engen, mit Flitter besetzten Jeans und die schrägen Plateausandalen. Sie tritt aus der Pension und steht mitten im Getümmel, Prostituierte und Drogendealer drängen sich auf dem Platz. Sie macht ein paar ungelenke Schritte auf ihren Sandalen, wirkt, als sei sie nicht ganz da. Es regnet. Sie ist 19 und weiß nicht, warum man sie in diese Stadt gebracht hat.
Livingstone und Benjamin waschen sich wortlos mitten im Wald von Missnana. "Ein versteckter Ort", hatten sie erklärt, bevor sie sich mit Wasserflaschen ins Dickicht schlugen, um sie an einer Quelle zu füllen. Sorgsam seifen sie ihre schwarzen muskulösen Körper ein, nackt und selbstbewusst, wie Leute, die sich ihrem Schicksal stellen, ziehen ihre ebenfalls gewaschenen Kleider wieder an und gehen zurück in ihre zanga, ein anderes Versteck.
"Von den 56, die hier waren, ist nicht einer mehr da, so ein Pech aber auch. Wären Sie nur früher gekommen. Sie haben sie schon mitgenommen", sagt der Mann im Leichenschauhaus. Gegen ein Trinkgeld hätten wir uns die Leichen ansehen, sie photographieren können. "Aber morgen kommen wieder welche rein. Jeden Tag eigentlich."
56 Personen, zu viele, in der Wirklichkeit wie im Traum. Ungewollt in Afrika wie in Europa, waren sie zum Abschaum geworden. Man hatte sie schnell in ein Massengrab geworfen, um Platz zu schaffen. 56 schwarze Leichen waren am Vormittag in das Leichenschauhaus von Tanger eingeliefert worden, und es war folgerichtig, stand außer Frage und spielte auch keine Rolle mehr, dass sie bis zur Unkenntlichkeit entstellt, nur noch Sand und Salz, Wasser und Blut waren: Es kam ohnehin keiner, um sie zu identifizieren. Und so verscharrte man sie am späten Nachmittag.
Livingstone und Benjamin folgen in ihren löchrigen Schuhen und abgetragenen Hosen, tadellos gewaschen und blitzsauber, einem "geheimen Pfad" zwischen den Pinien. Benjamin ist klein und stämmig, Livingstone groß und schmal. Erst geht es einen steilen Fels hinauf, dann einen mit Kiefernnadeln bedeckten Hügel hinab und anschließend gebückt mitten hinein in ein Dornengestrüpp. "Unser Unterschlupf", sagt Livingstone, "hier leben wir." Ein dichtbewaldetes, unebenes, wie terrassiertes Gelände. "Wollt ihr meine zanga sehen?"
Benjamin führt uns zu dem Loch, in dem er und Livingstone einen Teil des Tages verbringen und schlafen - ein Loch als Lebensraum. zanga heißt, wie sie sagen, in marokkanischem Arabisch "Zelt". Eines der wenigen Worte ihres Gastlandes, das sie sich angeeignet haben. Vielleicht aus einer gewissen Dankbarkeit den wenigen Marokkanern gegenüber, die ihnen helfen und freundlich zu ihnen sind. Sie selbst bezeichnen sich als camarades in der Überzeugung, es sei Arabisch und bedeute "Ausländer".
Im Krankenhaus von Tanger liegt eine junge Frau im Sterben. Sie ist schwarz, allein und scheint Aids zu haben, aber keiner weiß es genau oder will es wissen. Keiner, bis auf eine Nonne aus dem Orden der Mutter Theresa, besucht sie. Sonst niemand. Kein Arzt und keine Krankenschwester, und das schon seit langem. Wozu auch? Es lohnt nicht. "Sie kümmern sich nicht um sie, weil sie schwarz ist", sagt die Nonne. "Ich sehe hin und wieder nach ihr und wasche sie."
Die junge Frau ist Nigerianerin. Zu Fuß, ohne Begleitung und vom Tod gezeichnet, war sie ins Krankenhaus gekommen. Aus Missnana. Wollte hier geheilt werden oder sterben. Jetzt dämmert sie vor sich hin, halb verhungert, nackt, mit Wunden übersät, im eigenen Kot und Urin.
Sie ist als einzige übriggeblieben von all den jungen Schwarzafrikanern, die hier lagen. Aber es werden neue kommen.
Die zanga bietet kaum genügend Platz für zwei ausgestreckte Körper. Die von Benjamin hat eine Decke als Bodenbelag und ein paar Zweige als Dach. In einer Ecke die noch warme Asche eines niedergebrannten Feuers. "Wir haben es die ganze Nacht an, wegen der Moskitos", erklärt Livingstone. "Aber es darf nur glimmen. Flammen oder Rauch verraten uns." Nur im Winter gibt es hier keine Moskitos. Doch dann kommt der Regen. Und es wird kalt. Wie ist das dann mit dem Schlafen? "So wie jetzt. Nur dass wir nass werden." Und wie werdet ihr wieder trocken? "Das kannst du vergessen. Da ist nichts zu machen." Und die Kälte? "Furchtbar, wir werden krank." Und wer hilft euch dann? "Keiner. Viele sterben."
Die zangas bieten kaum Schutz. Wenn es regnet, verwandeln sie sich in eisige Schlammlöcher. Aber für diese Menschen ist die zanga der einzige Ort, an dem sie sich aufhalten können. Dabei ist sie ein Un-Ort. Zu einer "Unterkunft" wird sie nur durch ihre "Bewohner". An einem Zipfel der Decke erscheint eine riesige Ratte, sichtbar uninteressiert an den anderen Arten, die ihren Wald bevölkern. Sie umrundet die zanga zweimal, ehe sie zwischen den Büschen verschwindet.
"Diese Leute verlassen Missnana nur, wenn sie am Ende sind. Dann kommen sie und bitten um Hilfe", erzählt die Ordensschwester. Die einen klopfen beim Kloster, in der Altstadt, an. Die anderen wenden sich an Krankenhäuser oder versuchen, zu einer internationalen Organisation oder einer Botschaft vorzudringen. Vor ein paar Tagen starb ein Mann direkt vor der italienischen Botschaft. Viele sterben unterwegs, kommen nie irgendwo an.
"Sie haben Lungenentzündung, Tuberkulose, Durchfälle, Hepatitis und Aids", erzählt die Nonne. Anfangs machten die Krankenhäuser mit jedem Schwarzafrikaner einen HIV-Test. Alle waren positiv. Ausnahmslos. Jetzt haben sie die Tests eingestellt.
Viele Frauen kommen in die Stadt, um abzutreiben. Sie hatten sich mit dem Ziel schwängern lassen, auf diese Weise einer Abschiebung in Europa wenige Monate vor ihrer Niederkunft zu entgehen. Bringen sie in Spanien ein Kind zur Welt, können sie es registrieren lassen und somit für sich selbst das Aufenthaltsrecht erwerben. Ein höchst riskantes Vorhaben, das meist scheitert. Die Schwangerschaften nähern sich oftmals ihrem Ende, und den Frauen fehlt noch immer das Geld für die illegale Überfahrt nach Spanien, die in der Regel in einem patera, einem windigen Holzboot, geschieht, oder einem zodiac.
"Manchmal treiben sie noch im siebten oder achten Monat in irgendeiner dieser Pensionen ab. Die meisten sterben dabei", erzählt die Nonne. Und unabhängig davon, ob die Mütter sterben oder überleben, werden die Kinder fast immer ausgesetzt.
(Fortsetzung folgt)