Hallo an alle!
Anders als im deutschsprachigen Raum, wo meines Wissens bislang kaum Fälle von Ausbeutung minderjähriger Dienstmädchen (in MA „petites bonnes“ genannt) afrikanischer u. arabischer Herkunft bekannt wurden, sind in Frankreich im letzten Jahrzehnt private Organisationen gegründet worden, die dieses Problem in der Öffentlichkeit thematisieren u. den Betroffenen Hilfestellung anbieten, so z.B. das 1994 gegründete Comité contre l´esclavage moderne (Komitee gegen die moderne Sklaverei), das sich seither einiger hundert solcher Fälle angenommen hat.
Viele dieser Mädchen u. jungen Frauen stammen aus Marokko, etliche davon wurden von in Frankreich ansässigen marokkanischen Familien via „Kefala“ (in F „einfache Adoption“ = Kinder sind nicht erbberechtigt, nehmen nicht den Namen der Adoptivfamilie an, in D würde man eher von „Pflegekindern“ sprechen) ins Land geholt und dann gezwungen, schwere Arbeit unter menschenunwürdigen Bedingungen zu verrichten. Ältere „Haussklaven“ werden angelockt, indem man ihnen einen regulären Arbeitsplatz in Aussicht stellt. Sind sie dann im Land, werden die Jobversprechungen nicht gehalten, statt dessen wird ihnen Unterkunft u. ein bisschen Geld für Schwarzarbeit im Haushalt angeboten. Als Druckmittel werden dann vom Arbeitgeber ihre Papiere konfisziert.
In allen Fällen typisch: Um das Bekanntwerden des Missbrauchs zu verhindern, wird von den Arbeitgebern mittels Einschüchterung, Erpressung, teils auch physischer Gewalt der Kontakt der Betroffenen mit der Außenwelt weitestgehend unterbunden.
Die Hinweise und Anzeigen an das Komitee stammen in nahezu allen Fällen von Nachbarn oder anonymen Dritten, nachdem die eingeschüchterten u. in sozialer Isolation gehaltenen Opfer nach oft jahrelangem Leiden irgendwann dann doch bei ihren raren Aufenthalten „draußen“, etwa beim Einkaufen, ein auffälliges Verhalten zeigen oder sich, wenn schon nicht der Polizei, so doch Privatpersonen anzuvertrauen wagen.
Zwei Fallbeispiele:
http://www.telquel-online.com/109/sujet5.shtml Dazu ein TV-Tipp: Do., den 29. April 22h15 auf ARTEGERAUBTE JUGEND
Dokumentation · 56 MIN · VPS 22.15
Die zwei jungen Marokkanerinnen Hajiba und Soumia sind illegal nach Frankreich gekommen und wurden als Dienstmädchen marokkanischer Familien wie Sklaven gehalten. Bruno Ulmer begleitete die beiden ein Jahr lang durch ihren Alltag, indem sie unter anderem Ängste und Schuldgefühle überwinden müssen.
Dokumentation, Frankreich 2003, ARTE F, Erstausstrahlung Von: Bruno Ulmer
Bruno Ulmer hat Hajiba und Soumia, zwei junge Marokkanerinnen, in Marseille in einem Heim der Organisation "Esclavage Tolérance Zéro" (dt. "Null-Toleranz für Sklaverei") kennen gelernt. Die beiden Minderjährigen waren illegal nach Frankreich gekommen und wurden als Dienstmädchen marokkanischer Familien wie Sklaven gehalten. Bruno Ulmer hat die beiden nach ihrer "Befreiung" fast ein Jahr lang durch ihren Alltag begleitet. Ein Jahr, um Lesen und Schreiben zu lernen, sich wieder an den eigenen Namen zu gewöhnen; ein Jahr, um sich mit dem Gedanken anzufreunden, gegen seine "Arbeitgeber" mit der Unterstützung einer Rechtsanwältin vorzugehen, sich neu zu definieren, Schuldgefühle und Ängste zu überwinden, sich frei zu fühlen, Gefallen am neuen Leben in Freiheit zu finden. Die Dokumentation begleitet die Marokkanerinnen bei ihrem langen und schwierigen Prozess der Identitätsfindung und zeichnet ein sensibles und fesselndes Porträt der beiden jungen Frauen.In Marokko sind mittlerweile einerseits etliche Projekte zum Schutz u. zur Alphabetisierung der minderjährigen Hausmädchen angelaufen, z.B.
http://www.unicef.de/download/PR027.pdf andererseits zeigt eine neuere, behördlicherseits in Auftrag gegebene Studie für den Raum Casablanca, dass die Zahl der petites bonnes dort eher im Zu- als im Abnehmen begriffen ist
http://www.lematin.ma/rech/rsarticle.asp?tb=article&id=32705 Für Interessierte hier noch ein Bericht über die petites bonnes auf Deutsch...
http://www.marokko-portal.de/modules.php?name=News&file=article&sid=57 ...und aktuelle Infos auf Französich
http://www.lematin.ma/rech/rsarticle.asp?tb=article&id=33058 http://www.lematin.ma/rech/rsarticle.asp?tb=article&id=33059 http://www.lematin.ma/rech/rsarticle.asp?tb=article&id=33049 Was ich noch gern wüsste: Hat jemand von Euch schon mal von ähnlich gelagerten Fällen in der BRD (CH, A) gehört oder gelesen?
Gruß
Elisabeth