Hallo Mohand Sroub,

danke für deinen Beitrag. Ich schätze es sehr, dass du deine Meinung hier offen kund tust, trotz möglicher Gefahren, die ja allgemein bekannt sind.
Dem verurteilten Journalisten gebührt Solidarität und Unterstützung. Ich hatte mal den Eindruck, die marokkanischen Medien seien „freier“ geworden. Aber dies scheint für gewisse Tabu-Themen oder für einen bestimmten unliebsamen Personenkreis immer noch nicht zu gelten.
Es ist traurig, dass der König und/oder die herrschende Klasse das nötig haben. Aber es wundert mich auch nicht allzu sehr. Denn wo auf der Welt haben Reiche und Mächtige je freiwillig auf ihren Reichtum und ihre Macht verzichtet?
Warum das so ist, ist eine schwierige – vielleicht anthropologische – Frage. Aber es bedeutet nicht, dass es sich deshalb nicht lohnt für seine Ideale (du nanntest Freiheit und Demokratie) zu „kämpfen“/bzw. einzutreten.
Was deine Einschätzung der Rolle des Islams anbelangt, so teile ich sie nicht ganz und sehe in deinem wie in anderen Beiträgen hier potentielle „Gefahren“ einer zu starken Verallgemeinerung.
Richtig, wie du schreibst, die Monarchie hat in den 70ern die islamistische Bewegung als Bollwerk gegen Linke wenn auch nicht „erfunden“, so aber doch entscheidend gestärkt. Auch stimmt es, dass ihm oder dem Innenministerium diese Bewegung „entglitten“ ist, nach dem Prinzip „Die Geister, die ich rief....“ – das ist uns auch aus Ägypten bekannt, wo Islamisten schließlich Sadat, der sie zuvor als Kraft gegen die Linke peppelte, ermordet haben.
Ich glaube nicht, dass der König (schon gar nicht der junge) mit den Islamisten „geflirtet“ hat. Sie stellen eine Gefahr für ihn dar, weil sie seine Legitimität in Frage stellen. Nicht umsonst hat Hassan II. schließlich jahrelang gewissen Personen Hausarrest erteilt.
Man kann nicht die Monarchie, die sich islamisch legitimiert und die Islamisten in einen Topf werfen, denn Islam ist nicht gleich Islam, oder wie du es ausgedrückt hast: Islam ist immer das, was Muslime (gerade, würde ich hinzufügen) daraus machen. [Und diesen Satz würde ich wieder und wieder allen entgegen halten, die glauben, sie hätten die alleinige Definitionsmacht über das, was Islam ist.]
So wichtig ich es finde, dass das Thema Islamismus in Marokko auf den Tisch kommt (und wenn das das einzige „Gute“ ist, was die Anschläge "bewirkt" haben), auch innerhalb des Islamismus muss man differenzieren lernen. Es wäre fatal nun alle über einen Kamm zu scheren und eine Hetzjagd gegen islamische Bewegungen (oder gar gegen den Islam) loszuschlagen.
Ohne dabei inhaltlich einen Vergleich ziehen zu wollen, meine ich, man kann auf politischer Ebene durchaus die Situation mit dem Problem der Neofaschisten in Deutschland. Wenn hier Asylantenheime brennen, kannst du nicht die CDU verbieten, obwohl die CDU für das politische Klima der damaligen Situation (Diskussion um "Schein"-Asylanten etc.) ganz offenkundig mitverantwortlich war. Was ich meine: Es ist wichtig - auch jenseits der militanten Gruppen (von denen es ja nur wenige in Marokko gibt) - auch über so etwas wie "geistige Brandstiftung" nachzudenken.
Aber es gehört leider auch zur Übung der Demokratie Meinungen gelten zu lassen, die einem selbst widerstreben (vorausgesetzt es gibt Kontrollinstanzen, die die Rechte derer schützen, die anderer Meinung sind).
Ich habe in Marokko sehr viele Menschen als sehr religiös erlebt. Ihre Art Islam zu leben (definieren wäre vielleicht etwas viel verlangt), widerspricht nicht unbedingt einer Demokratie.
Was die Haltung der marokkanischen Bevölkerung zu ihrem König und dessen islamischer Legitimation anbelangt, so habe ich unterschiedliche, auch widersprüchliche Eindrücke. Das mag natürlich auf die potentielle Gefahr von Repressionen zurückzuführen sein.

Salam