hier die stellungnahme von günter grass zur irak-krise. ich konnte aus technischen gründen nicht den link zum betreffenden artikel setzen! hier der text:
Hamburg: Plädoyer eines Moralisten
Günter Grass über den «gewollten» Krieg der USA: Es geht ums Öl
Günter Grass ist nicht nur ein berühmter
Schriftsteller, sondern auch eine moralische
Instanz in Deutschland.Seine Worten haben
Gewicht und werden auch immer wieder
vom Bundeskanzler vernommen. Der
Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass wirft
in einem Exklusiv-Beitrag für die Deutsche
Presse-Agentur (dpa) den USA und ihren
Verbündeten im Irakkonflikt Heuchelei vor.
«Dieser drohende Krieg ist gewollt», schreibt
Grass in dem am Donnerstag übermittelten
Text. «Es geht wiederum ums Öl.» Seine Erfahrung sage ihm, «daß diesem
gewollten Krieg weitere Kriege aus gleichem Antrieb folgen werden».
Nachfolgend das Plädoyer des Günther Grass:
«Das vergebliche Warnen vor drohender Kriegsgefahr gerinnt mittlerweile zur
Routine; und dennoch gilt weiterhin zählebig, was Matthias Claudius zu seiner
Zeit reimte:
"'s ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre, Und rede Du darein! 's ist leider
Krieg - und ich begehre Nicht schuld daran zu sein!"
Viele Ausrufzeichen stützen die erste Strophe dieses Gedichtes, dem die
Vergeblichkeit seiner Warnung Dauer garantiert hat. Deshalb, weil es so viele
Schlachten überdauert hat, setze ich es an den Anfang meiner Warnung - "Und
rede Du darein!" -, die als Dreinrede, wie ich befürchte, überhört werden wird.
Krieg droht. Wieder einmal droht Krieg. Oder wird nur mit Krieg gedroht, damit es
nicht zum Krieg kommt? Bedeutet das einschränkende Wort "nur", daß der seit
Wochen auf der Arabischen Halbinsel und im Roten Meer inszenierte Aufmarsch
nordamerikanischer und englischer Truppen und Flottenverbände, der die Medien
mit Bildern militärischer Überlegenheit füttert, eine bloße Drohgebärde ist, die
schließlich - sobald der eine von zwei Dutzend weltweit herrschenden
Diktatoren sich ins Exil verkrümelt hat oder wünschenswert tot ist - als
friedenssichernde Machtdemonstration verbucht und abgeblasen werden kann?
Wohl kaum. Dieser drohende Krieg ist gewollt. In planenden Köpfen, auf den
Börsen aller Kontinente, in wie vordatierten Fernsehprogrammen findet er bereits
statt. Der Feind als Zielobjekt ist erkannt, benannt und eignet sich, neben
anderen noch zu erkennenden und benennenden Feinden auf Vorrat, für die
Beschwörung einer Gefahr, die alle Bedenken nivelliert. Wir kennen die Machart,
nach der man sich einen Feind, sollte er fehlen, erfindet. Bekannt ist gleichfalls
jene bildgesättigte Spielart des Krieges, nach der zielgenau daneben getroffen
wird. Geläufig sind uns die Wörter für Schäden und Verluste an Menschenleben,
die als unvermeidbar hinzunehmen sind. Es ist uns üblich geworden, daß nur die
relativ wenigen Toten der herrschenden Weltmacht gezählt und betrauert
werden, während die Masse der toten Feinde samt deren Frauen und Kindern
ungezählt bleibt und keiner Trauer wert ist.
Also warten wir auf den Wiederholungsfall. Diesmal sollen neue
Raketensysteme noch genauer danebentreffen. Ein uns als Bildauswahl
vertrauter Krieg droht. Weil wir seine vom detaillierten Schrecken gesäuberte
Bilderflut kennen und auch die Fernsehrechte an den uns bekannten Sender der
drei abkürzenden Buchstaben vergeben sind, erwarten wir eine Fortsetzung
des Krieges als Seifenoper, unterbrochen nur von Werbespots für friedliche
Konsumenten. Am Rande geht es zur Zeit allenfalls darum, wer beim schon
stattfindenden kommenden Krieg lautstark oder halbherzig mitmacht oder nur ein
bißchen dabei sein mag, wie die Deutschen, denen zwangsläufig das
Kriegführen vergangen ist oder sein sollte.
Gegen wen wird dieser Krieg, der so tut, als drohe er nur, geführt? Es heißt:
Gegen einen schrecklichen Diktator. Aber Saddam Hussein war, wie andere
Diktatoren auch, einst Waffenbruder der demokratischen Weltmacht und ihrer
Verbündeten. Stellvertretend - und mit Hilfe des Westens hochgerüstet - führte
der Irak acht Jahre lang Krieg gegen den Iran, weil im Nachbarland des Diktators
ein Diktator herrschte, der dazumal Feind Nummer eins war.
Aber, heißt es weiter, Saddam Hussein verfügt - was nicht bewiesen ist -
mittlerweile über Massenvernichtungsmittel. Das sagt der Westen, der - was zu
beweisen wäre - über Massenvernichtungsmittel verfügt. Zudem wird
versprochen: Nach dem Sieg über den Diktator und sein System soll im Irak die
Demokratie eingeführt werden. Doch die dem Diktator benachbarten Länder
Saudiarabien und Kuwait, die dem Westen verbündet sind und ihm als
militärische Aufm******asis dienen, werden gleichfalls diktatorisch beherrscht.
Sollen diese Länder Ziel der nächsten demokratiefördernden Kriege sein?
Ich weiß, diese Fragen sind müßig; die Arroganz der Weltmacht gibt Antwort auf
jede. Doch jederman kann wissen oder ahnen, daß es ums Öl geht. Oder
genauer: Es geht wiederum ums Öl. Das Gespinst der Heuchelei, mit dem die
zuletzt verbliebene Großmacht und der Chor ihrer Verbündeten ihre Interessen
zu verdecken pflegen, ist im Laufe der Zeit so verschlissen, daß sich das
Herrschaftsgefüge nackt zeigt; schamlos stellt es sich dar und gemeingefährlich
in seiner Hybris. Der gegenwärtige Präsident der USA gibt dieser
Gemeingefährlichkeit Ausdruck.
Ich weiß nicht, ob die Vereinten Nationen standhaft genug sind, dem geballten
Machtwillen der Vereinigten Staaten von Amerika zu widerstehen. Meine
Erfahrung sagt mir, daß diesem gewollten Krieg weitere Kriege aus gleichem
Antrieb folgen werden. Ich hoffe, daß die Bürger und die Regierung meines
Landes unter Beweis stellen werden, daß wir Deutschen aus
selbstverschuldeten Kriegen gelernt haben und deshalb Nein sagen zu dem
fortwirkenden Wahnsinn, Krieg genannt.
"Was sollt' ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen Und blutig, bleich und blaß
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen, Und vor mir weinten, was?"
Diese Frage stellt die zweite Strophe des Gedichtes "Kriegslied" von Matthias
Claudius. Eine Frage, die wir im Rückblick auf unsere Kriege und deren
"Erschlagne" bis heute nicht gültig beantwortet haben. Jener ferne, drohende
Krieg, der bereits stattfindet, der nie aufgehört hat, stellt sie uns abermals.
"'s ist leider Krieg - und ich begehre nicht schuld daran zu sein."»