hallo Ulla,
die praxisnähe dessen, was du schreibst, kann ich nicht beurteilen, da ich nicht im süden lebe. in bayern mag dies zutreffen und in der form auch geschehen. meiner persönlichen erfahrung und der vieler marokkanischen und arabischen freunde in nrw entspricht es keineswegs.
ich mag nicht über mein privatleben berichten, aber in meinen früheren kontakten mit deutschen frauen befand ich mich regelmäßig in der umgekehrten situation. meine freunde und ich - hin und wieder tauschten wir uns aus - hatten es oft mit ewig "besorgten" eltern unserer freundinnen zu tun. viele unter ihnen waren sehr konservativ und fromm, verbrachten ihren urlaub wenn überhaupt in österreich oder der nordsee, und egal wie man zugang zu ihnen suchte, beharrten sie auf ihre standpunkte und fragten auch einen dauernd nach dem islam und co., auch wenn man mit ihnen ein frisches bier teilte. das verhältnis bestand aus dauernder rücksicht, so daß ich bei der familie einer früheren freundin - ende der 80 er jahre etwa - regelmäßig meinen ohrring vor dem besuch abmachen und mich auch sonst „adrett“ anziehen mußte ! mittlerweile tragen auch bankangestellte ohrringe.
wenn viele der marokaner fromm sind, ist es längst nicht so, dass alle nach deutschland und europa mit einem gebetsteppich unter dem arm kommen. ich beaobachte oft, viel öfter als du meinen magst, das gegenteil. die jungen leute meinen einem gesellschaftlichen druck in marokko zu entkommen und in deutschland - sie verwechseln das land mit dem rest europas - spass, freie liebe, action und abenteuer zu finden, so wie es ihnen in medien, werbung und mtv und viva vorgestellt wird. sie werden dann eines besseren belehrt und man kann ihnen, uns, den vorwurf machen, daß wir uns nicht vorher gut über das informieren, worauf wir uns eigentlich in so einem land wie deutschland gefasst machen sollten.
so landen viele in öden, kontaktarmen und wenig lebensfrohen gegenden, stellen fest, dass sonntage auch in einer deutschen großstadt pietistisch und deprimierend still sind, müssen sich wegen ihrer herkunft und einer religion, die sie - wenn überhaupt - nur praktizieren, weil sie sie praktizieren, rechtfertigen. sie werden mit dem koran und penniblen interpretationen ihres kultes konfrontiert und unter der sanktion des vorwurfs von doppelmoral daran gemessen, was im buche buchstänlich geschrieben steht, dinge, die sie in marokko nicht kennen.
wenn es endlich passiert, dass sie ein deutsches mädel treffen, stellen sie fest, dass es so locker und cool wie in mtv oder viva gar nicht ist, und dass die verhältnisse zwischen frauen und männern in deutschland - aufgrund einer individualisierten gesellschaft und eines aggressiven feminismus - auch sonst überall verminnt und alles andere als knisternd sind. sie beginnen einen unerotischen prozess von diskussionen, debatten, berücksichtigungen von "sorgen" und rechtfertigungen, wobei sie von ihrer seite sich nicht selten wunderen, dass trotz des abiturs oder möglicherweise eines akademischens weges ihrer angebeteten, diese doch noch denkmuster pflegt, die den erwarteten weltoffenen und urbanen einstellungen und atittüden nicht entsprechen. themen wie ordnung, putzen, wer ist dran mit kehren am samstag, sowie adrette familienbesuche am sonntag rücken in den vordergrund und werden wichtig, sobald sich die beziehung festigt und der alltag einkehrt.
es ist dennoch so, dass viele es schaffen ihre beziehung mit kampf und geduld erfolgreich zu führen. da sie sich oft von ihrer - in deutschland per se - rechtfertiger position nicht emanzipieren können, (ein unterfangen, welches nur manchen einheimischen und redegewandten muttersprachlern wenn überhaupt gelingen würde), und von ihrer deutschen partnerin wegen ihres aufenthaltstatuts mindestens jahrelang abhängig sind, sehen sie von ethlichen nachteilen ab, welche mündige deutsche männer nicht in kauf nehmen würden. wenn ihre beziehung dennoch scheitert, sind sie in erster linie verantwortlich, denn, wenn die beziehung aufgrund iher bikutulturellen eigenschaft "sowieso zum scheitern verurteilt war", scheitert sie doch nicht - wie auch und auf keinen fall - wegen der einstellung ihrer partnerin (!??)
die international zu lasten von deutschland ausgetragene diskussion um das sorgerecht, auf die ich oben mit einigen links hinwies, führt vor augen nur, wie besessen die deutschen von ihren standpunkten und von ihrem subjektiven recht sind, und dass es die intervention von großmächten samt ihrer höchsten regierungsstellen und mächtigen medien bedarf, um sie vielleicht und erst nach jahren zu einsicht zu bringen, dass man nicht immer recht haben kann, auch wenn gegenüber ein marokkaner steht, der so "opportunistisch" und "pragmatisch" sein leben organiseren will bzw. muß.
mit dem was du einen "familienrat" bei marokkanern nennst, sprichst du allerdings einen wichtigen aspekt, der oft ehen und familien auch deutsch-marokkanische vor trennungen und scheidungen rettet, zumal wenn die gründe wie oft im leben doch nur bloße mißverständnisse und dickköpfigkeiten sind, was bikulturellen ehen u.a. halt gibt und gegenüber deutsch-deutschen ehen und beziehungen eine längere lebensdauer beschert. ich würde was neues lernen, wenn es diesen "rat" in einer institutionalisierten form gäbe, aber es ist nichts ungewöhnliches in der marokkanischen gesellschaft, dass die familie bei konflikten einschreitet und rügend den einen oder anderen partner, oft den eigenen sohn, zurück zum "richtigen weg", also zur familie und zu den kindern zwingt. etwas, was im westen kaum noch existent ist, und in marokko auch, nicht zuletzt aufgrund seiner "verwestlichung" almählich schwindet.