Hallo Dolphin,
bei " Tasir Mudschahed" handelt es sich nicht um einen Korangelehrten, dieser Begriff kommt aus islamischen Rechtswissenschaft (fqih).
Bei Rechtsfragen, für die im Quran und Sunna keine Vorschriften vorhanden waren. Für diese gibt es in der Rechtswissenschaft zusätzlich zu den drei primären Quellen, Quran, Sunna und Idschma, noch eine weitere Quelle für die Rechtsfindung. Der Itschtihad (Urteil) bzw. der Qijas (Analogieschluß) ist die vierte wichtigste Quelle. Mittels dieser Quelle können bei neu auftauchenden Fragen die Rechtsgelehrten 4 (Mudjtahid, Plural Mudjtahidun) mit selbständiger Geistesfähigkeit auf der Grundlage von Quran und Sunna ein eigenes sachkundiges Urteil
finden. Tauchen Fragen auf, deren Beantwortung weder im Quran noch in der Sunna eindeutig enthalten sind, bilden die Gelehrten (Mutschtahid) ein eigenes Urteil anhand von analogen Fällen im Quran bzw. in der Sunna. Man führt dabei ein aktuelles Problem auf eine Regel zurück, die führ einen gleichartig oder ähnlich gelagerten Fall gemacht worden war. Dieses wird Qijas genannt. Zur Beantwortung von Fragen, für die es weder im Quran noch in der Sunna eindeutige Auskünfte noch analoge Fälle gibt, wird der Itschtihad angewendet.
Was die vier Rechtsschulen anbelangt, so sind diese in einer Zeit entstanden (8. + 9. Jahrhundert), in der die Muslime die Herrschaft bzw. die Mehrheit der Bevölkerungen ausmachten und räumlich gebunden waren, deswegen kann man viele der Rechtsprechungen auf die heutige Zeit bzw. auf die in Europa lebenden Muslime nur schwer übertragen. Die fünfte Rechtsschule Mutazilla, die während der Abassiden-Zeit auch Staatsreligion war, wurde später von den anderen Rechtschulen als ketzerisch bezeichnet und abgeschafft bzw. nicht mehr anerkannt (weil Sie auf der Vernuft des einzelnen Menschens aufbaute).
Überhaupt scheint man mit dem Begriff Kezerei/Unglaube sehr leichtfertig umzugehen. Lieber Ibno, wußtest Du das sogar der große muslimische Gelehrte Ibn Rushd, hier bekannt als Averroes (dessen Namen Du ja als Nick trägst, auch als Ketzer vorurteilt wurde, deshalb mußte er dann auch Cordoba verlassen und nach Marrakech ins Exil gehen.
Der Vorwurf des Unglaubens wurde schon immer dazu benutzt, um andere Menschen mundtod zu machen und um sich der Diskussion zu entziehen. Eine Welt die entweder schwarz oder weiß ist, ist eine einfache, oder ?
Wie dem auch sei, auch Rechtsgelehrte können irren und nur Allah ist allwissend.