Der Ramadan in Deutschland ist sicherlich nicht zu vergleichen mit dem Ramadan in einem islamischen Land. Zunächst liegt es einfach daran, daß wir in weiten Teilen Deutschland nicht auf die gleiche Art im öffentlichen Leben an den Fastenmonat erinnert werden. Hier fehlt das optische Bild des besonderen Monats. Die Straßen sind zu bestimmten Zeiten überfüllt, tagsüber werden Besorgungen für das Essen gemacht, während des Iftar/Fastenbrechens sind sie wie leergefegt, am Abend sind sie wiederum überfüllt, weil Muslime vermehrt in die Moschee gehen, um das Tarawih-Gebet in der Gemeinschaft zu verrichten, oder aber einfach, um durch die Souks zu ziehen, spazieren zu gehen etc. Diese Festtagsstimmung hält bis in die frühen Morgenstunden an. Akustisch ist der Ramadan allgegenwärtig, man hört nicht nur die alltäglichen Gebetsrufe des Muezzins, sondern auch Signale (Kanonenschüsse, Trommeln etc.), die das Fastenbrechen bzw. das Einstellen des Essens ankündigen, ebenso hört man vermehrt Koranrezitationen über Lautsprecher. Zudem sind die Arbeitszeiten, die Geschäfts-/Öffnungszeiten und der Alltag auf den Ablauf eines Fastentages abgestimmt. Diese Gesamtwahrnehmung erlebt man in einem islamischen Land. In Deutschland bemühen sich Muslime sehr um die Schaffung einer besonderen Atmosphäre im Ramadan, und dies zeigt sich in den Moscheen, in islamischen Vereinen (auch an der Uni) wo oft oder täglich ein gemeinsamer Iftar stattfindet. Das zeigt sich auch in dem exklusiven Warenangebot arabischer, türkischer und anderer internationaler Lebensmittelgeschäfte. Leider muß man hier immer genau auf den „Gebets-/Ramadankalender“ schauen, um zu wissen, wann Sonnenuntergang und wann Sonnenaufgang ist, abgesehen von den Gebetzeiten, da es ja keine akustische Erinnerung daran gibt. Das Tarawih-Gebet kann man auch in D. in einer Moschee verrichten. Darüber hinaus ist es besonders in den Großstädten üblich, daß die arabischen und türkischen „Männercafés“ länger geöffnet sind als zu anderen Zeiten.
Ich persönlich habe mit ca. 7/8 Jahren mit dem Fasten angefangen und freue mich seit meiner Kindheit auf den Ramadan. Obwohl ich bis auf einen alle Fastenmonate in Deutschland erlebt habe, habe ich die besondere Atmosphäre wahrgenommen. Die Veränderung des Alltags hat überwiegend in meiner Familie und meinem Verwandten- und Bekanntenkreis stattgefunden, so daß dies ausgereicht hat, um die besondere, nahezu andächtige, beruhigende und verbindende Zeit zu genießen. Mir fällt auf, daß es keine künstliche oder erzwungene Stimmung ist, sondern, daß sie sich schon vor dem Ramadan einstellt und man folglich mehr in sich kehrt, die religiösen Pflichten wie das Gebet, die man üblicherweise routiniert verrichtet, bewußter und ruhiger ausübt. Es ist eine Empfindung während des Ramadans, die m.E. von innen kommt und nicht von außen erfolgt.
Da ich viele muslimische Freunde habe, die ohne Familien in D. leben, weiß ich auch, daß der Ramadan nicht für alle Muslime in D. so positiv oder als etwas Besonderes erlebt wird wie es bei mir der Fall ist. Für diese Leute gibt es aber fast immer die Möglichkeit, sich anderen Muslimen anzuschließen, in Moscheen, Vereinen, Freundschaftskreisen. Die Gastfreundlichkeit ist im Ramadan besonders lobenswert, weshalb gerade Leute, die hier ohne Familie leben, besonders Studenten, aufgerufen werden, zum Iftar in die Moscheen zu gehen, oder aber von hier ansässigen Familien zum gemeinsamen Essen eingeladen werden.
In Marokko habe ich noch keinen Ramadan erlebt, was ich unbedingt nachholen möchte, ich habe aber einen Ramadan in Syrien verbracht, und dort war es unvergleichlich schön, selbst für mich, die in D. genügend soziale Kontakte zu Muslimen hat und insofern auch hier einen schönen Ramadan erlebt. In einem muslimischen Land den Ramadan zu verbringen ist etwas Besonderes, weil dort überall der Ramadan „sichtbar und hörbar“ ist.
Yacin, ich verstehe Deine Erfahrung als fastendes Kind oder Jugendlicher in der Schule, wenn Du der Einzige warst. Ich war als fastendes Kind so stolz auf mich, daß ich es auch erzählt habe. Insbesondere gegenüber den um meine Konzentrationsfähigkeit besorgten Lehrern habe ich stolz bewiesen, daß ich fasten konnte und mich in meinen Leistungen keinesfalls negativ verändere. Einige pädagogisch kompetente Lehrer haben dies hingegen schließlich auch als positives Beispiel für Disziplin aufgezeigt und mich darin bestärkt. Durch mein frühes Fasten habe ich bisher nie Beeinträchtigungen in meinem (deutschen) Alltag (weder in der Schule, noch auf der Uni, bei Prüfungen, noch bei der Arbeit) erfahren.
Es gibt natürlich auch Erscheinungen während des Ramadans, die man kritisch diskutieren muß, ich denke dabei an das Programmangebot vieler arabischer/türkischer u.a. Fernsehsender, an die Verschwendung von Essen, an die Vernachlässigung bedürftiger Menschen, an merkwürdige Verhaltensweisen (tagsüber fasten und abends Alkohol trinken; fasten, aber nicht beten etc.) Diese Dinge können wir gerne bei Interesse aufgreifen.
Zum guten Schluß wünsche ich allen Muslimen einen gesegneten und frohen Ramadan. Möge Gott unsere Gebete erhören, unser Fasten annehmen, uns unsere Fehler vergeben, unser Bemühen belohnen, und den Ungerechtigkeit und Hunger leidenden Menschen beistehen.
Ramadan Mubarak!