hallo izem,

bevor wir uns in geschichtlichen abenteuern verirren halten wir zunächst fest:

- der titel, wonach der könig an den mazighen scheitere ist so töricht wie weltfremd. wenn das von den berberisten nicht verwundert, ist die ergänzende schlussfolgerung interessanter: die mazighisten scheitern an sich selbst. im kontext der diskussion haben sie sich selbst aus einem prozess geworfen, an dem sie künftig nicht mehr beteiligt werden; fatal, wenn man weiss, dass keiner sie vermissen wird und das volk von solchen debatten und geschehnissen keine notiz nimmt.

- an den beispielen, die ich oben anfüge muss man, wenn man mutig ist, erkennen und anerkennen, dass in marokko einiges völlig friedlich erzielt werden konnte, was in anderen ländern nur nach blutvergiessen wenn überhaupt erreicht wird.

- in algerien, ist die frage von tamazight nicht einmal völlig befriedet. gestern noch drückte die algerische zeitung elwatan ihre verzweiflung mit folgenden worten:

Mettre fin aux stratégies du pire
Il est temps que la crise qui a secoué la région de Kabylie prenne fin. Il est inutile, voire scélérat de vouloir la prolonger indéfiniment. La menace de recourir encore une fois à la rue, de réactiver la protesta pour exprimer son rejet de l’accord signé entre le chef du gouvernement Ahmed Ouyahia, et une délégation des archs conduite par Belaïd Abrika, et qui porte sur l’application de la plateforme d’EI Kseur, me semble à plus d’un titre improductive, car politiquement injustifiée et moralement insoutenable.


http://www.elwatan.com/2005-03-26/2005-03-26-15948

das land steckt noch tief in der krise und auf dem hintergrund dieser wirklichkeit erscheinen die von dir oben aufgelisteten "errungenschaften" als desolates ergebnis von politschem kalkül und politischer bzw. tribaler gewalt.

- zieht man den hohen preis auf der einen seite (unruhen, viele tote und opfer, instabilität des landes, profunde risse in der gesellschaft etc…) und die verfügbaren petrodollars auf der anderen seite in betracht, ist das was bisher gemacht bzw. für tamazight "erreicht" wurde als extrem gering wenn nicht als beschämend zu subsumieren.

mehr als das interessiert mich der werdegang der kabylen, wie du zu schildern versucht, herzlich wenig. fakt ist das algerien bereits 1830 von frankreich besetzt wurde und dass diese besetzung die jahrhundertlange türkische ablöst, wobei die franzosen in dem territorium dessen, was wir algerien nennen, eine terra nullus erkannten, die sie nicht zögerten grossfrankreich als natürliches bestandteil anzuschliessen. das deutet daraufhin, dass das territorium von stämmen bevölkert war und über keine zentral organisierten machstrukturen verfügte. mit andren worten, die gegend, die man heute algerien nennt, kannte keinen eigenen staat und auch keine einheitliche identität. die kabylen darin waren mächtige stämme, die bis heute noch ihre politik aus der tribalen impuslion her leiten.

sollten ein paar von ihnen in 1830 bereits nach ihrer berberischen identität geschrien haben, ist dies kein wunder, wonach sollen sie schreien ? eine andere identität hatten sie nicht und einen staat schon gar nicht.

nur wenige marokkaner wissen, dass der algerische staat seit 1962 existiert und dass er seine heutigen grenzen dem kolonialismus verdankt.

marokko hingegen existiert bereits seit 791. seine identität wurde durch mazighische dynastien geprägt, die sich in zyklen ablösten (ibn khladoun) und als araber und moslems grossteile afrikas und andalusien unterwarfen. der kolonialismus war von sehr kurzer dauer im vergleich zu algerien und trat im form von einem protektorat auf, der die souveränität des landes, seines königs und seines staates weiterhin anerkannte und somit radikal anderer natur war als in algerien.

diese historischen tatsachen, die erklären, warum marokko und algerien diametral entgegen gesetzte gesellschaften und geschichtliche entwicklungen haben, verkennen die berberisten in ihrer ignoranz.

flüsse und gewässer können ähnlich aussehen und dennoch folgt jeder den eigenen strömmungen und der eigenen dynamik, auch dann, wenn sie sich zu berühren scheinen.

jede behauptung eines zusammenhangs zwischen dem jahrzehnte- und jahrhundertelangen kabylischen tribalen (natur) kampf und den aktuellen entwicklungen in marokko ist bodenlos.

diesen zusammenhang mit dem politischem kalkül eines hassan 2 und den zügen eines aherdhans beispielhaft begründen zu wollen zeigt wie realitätsfremd die berberisten sind.

tatsache ist, dass in 1980 die mazighische frage eine der weltfremdesten in marokko war. ich war im land und konnte aus aller nächster nähe die politischen geschehnisse beobachten. parteien, gewerkschaften und vor allem die studentenbewegung waren von einem linken und radikal linken diskurs quasi monopolisiert, der seine geistige orientierung in der kommunistischen und sozialistischen ideologie fand und – nach dem universalistischen posutlat - jede ethnizitische ideologie scharf verurteilte und bekämpfte. die sehr wenigen berberisten dieser stunde wirkten völlig verloren und man überhaupt die chance hatte einen berberisten anzutreffen, hatte man ihn bemitleidet.

diese linken wurden nach den politischen entwicklungen im land, in denen der zusammenbruch der berliner mauer, die RuRbanisierung des landes sowie die globalisierung eine rolle spielten, durch islamisten abgelöst, besonders dort, wo mazighisten eine chance vielleicht gehabt hätten ihre gedanken etwas zu verbreiten: an universitäten. doch wie man sieht sind islamisten der schreck der berberisten.

wenn die berberisten eine politische heimat haben, dann ist diese die zivilgesellschaft, die ab den 90er jahre wichtige entwicklungen kannte und immer noch kennt. doch hier wie davor hatten und haben sie kein nennenswertes politisches gewicht. ihr "kampf" ist inkoherent, sporadisch, amateurhaft und von pubertärer impulsion geprägt, und vor allem ohne irgendeinen halt im volk. sie spielen zwar nominell eine rolle in einigen aktivitäten für tamazight, doch sind diese eher der politischen öffnung und neuorientiereung marokkos generell zu verdanken. mit anderen worten, der staat kann jede zeit alle aktivitäten und initiativen für tamzight stoppen, ohne das irgendwas passiert und ohne, dass das volk dies überhaupt zur kenntnis nimmt. statt bewustsein dafür hat es einfach andere sorgen.


gruss
jm