Hallo Büchrwürmer!

Hier eine Besprechung aus der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG:
Die Früchte der Freiheit pflücken die Männer
Leila Abouzeid entwirft ein Frauenschicksal aus Marokko
Von der Welle deutscher Übersetzungen in den letzten Jahren wurden nicht alle marokkanischen Autoren erfasst. Das verwundert zumindest im Falle der 1950 geborenen Leila Abouzeid, die 1983 den in ihrer Heimat viel beachteten Roman «Jahr des Elefanten», arabisch: «'Am el-fil», vorlegte, von dem 1989 eine englische Fassung in den Vereinigten Staaten erschien; es war dies der erste auf Arabisch verfasste Roman einer Schriftstellerin aus Marokko, der in eine Fremdsprache übersetzt wurde. Seither erlebte die englische Ausgabe des Buches sechs Auflagen, und es fand Aufnahme in die Lehrpläne marokkanischer, afrikanischer und amerikanischer Universitäten. Jetzt endlich liegt der Roman unter dem Titel «Eine Verstossene geht ihren Weg» auch in einer gelungenen deutschen Übersetzung vor.
Im Zentrum des Romans steht Zahra, eine Frau um vierzig, die von ihrem Mann verstossen wurde: «Ich werde dir deine Papiere zukommen lassen, mit dem, was das Gesetz vorsieht.» Die Ich-Erzählerin, völlig auf sich gestellt, kehrt nach zehn Jahren Abwesenheit in ihr Heimatdorf in der Nähe von Fes zurück. Der Dorfscheich, der sich ihrer annimmt, flösst ihr Selbstvertrauen ein: «Der Scheich ist ein Quell des Guten in einer Zeit, in der selbst Prediger jede Moral verloren haben.» Als Erbe ist ihr lediglich ein armseliger Raum im Elternhaus geblieben; für 100 Tage und Nächte reicht der gesetzlich vorgeschriebene Unterhalt, und wie schon Scheherazade beginnt Zahra, ihre Nächte zu zählen; gleichzeitig aber lässt sie ihr bisheriges Leben Revue passieren.
Vom Revolutionär zum Bourgeois
Zahra heiratet in den fünfziger Jahren, fast noch ein Kind, einen Französischlehrer. Sie folgt ihm nach Casablanca, Marokkos Finanz- und Handelsmetropole. In einem luxuriösen Appartement führt sie, im Unterschied zu den anderen Frauen in ihrem Dorf, ein materiell angenehmes, aber langweiliges Leben. 1953 hebt mit der Verbannung von Sultan Sidi Mohamed Ben Jussef nach Madagaskar die heisse Phase des marokkanischen Unabhängigkeitskampfes an: «Wir begannen, ihn im Mond zu sehen. Er nahm im Exil das Schicksal Frankreichs in Marokko in die Hand – nicht umgekehrt.» Zahra und ihr Mann schliessen sich der Widerstandsbewegung an. Die Protagonistin, die Seite an Seite mit Männern kämpft, verteilt Flugblätter, organisiert Alphabetisierungskurse für Frauen und schmuggelt Waffen. Im November 1955 kehrt der Sultan zurück, und ihr Mann bekommt, als Dank für sein antikolonialistisches Engagement, einen hohen Posten in der neuen Verwaltung.
Zahra, die nie lesen und schreiben gelernt und ihm bisher keinen Stammhalter geboren hat, genügt von nun an den bourgeoisen Ansprüchen ihres Mannes nicht mehr. «Gefällt es dir nicht, dass ich mit der Hand esse? Soll das die Unabhängigkeit sein? Passt es dir nicht, dass ich mich mit den Bediensteten zusammensetze? In ihrem Namen haben wir den Kolonialismus bekämpft – und jetzt denkst du wie die Kolonisatoren!» Seine Antwort ist kurz und bündig: Er verstösst sie.
Es hat den Anschein, als ob Zahra in ihrem Heimatdorf menschlich und sozial auf der Strecke bleibt. Doch bald begreift sie: «Die Vergangenheit ist Illusion. Was zählt, ist die Wirklichkeit.» Ihr Unglück begann mit der Unabhängigkeit. Alle Fortschritte, die sich die Frauen während des Befreiungskampfes eroberten, wurden auf dem Altar der alten Traditionen und der ungebrochenen Dominanz der französischen Sprache, Kultur und Lebensweise geopfert. Es gibt keinen Zweifel: Die postkolonialen Eliten sind in die Fussstapfen der ehemaligen Kolonialherren getreten.
In einer langen Reihe von Gesprächen, die Zahra mit dem geduldigen Dorfscheich führt, findet sie zu sich selbst. Sie kehrt ihrem Heimatdorf den Rücken, um in die Stadt zurückzukehren: «Ich hatte das Gefühl, in eine längst vergangene Epoche zu fahren, erneut in der Vergangenheit zu leben, als hätte sich nichts geändert. Aber für mich hatte sich alles geändert!» In Casablanca findet sie – Ironie des Schicksals – eine bescheidene Stelle im französischen Kulturinstitut. Doch entscheidend ist, dass sie ihre individuelle Freiheit gefunden hat. Ausser einigen verblassten Erinnerungen ist von ihrem Kummer – Alleinsein, Scheidung und Entfremdung von ihrem Heimatdorf – nichts geblieben, und an ihren einstigen Wohlstand erinnert sie sich nur vage.

Fortwirkende Vergangenheit
Dieser erstaunliche Roman, der mit sensibler Aufmerksamkeit das individuelle Schicksal wie auch die historische Epoche registriert, ist auch als ein Gleichnis auf den sich stets gegen sein Verhängnis auflehnenden Menschen zu lesen. Die Schilderung des teilweise fast mittelalterlich anmutenden, bunten Marokko der fünfziger Jahre, dessen Zauber heute fast schon der Vergangenheit angehört, verleiht diesem kleinen grossen Roman, der in einer bildkräftigen und poetischen Sprache voller eigenwilliger Metaphern geschrieben ist, dichterische Intensität.
Das Buch, das sich gleichermassen durch literarische Qualität wie handwerkliches Können der Autorin auszeichnet, macht besser als jede Analyse deutlich, wie verhaltensprägend und mächtig die überlieferten Traditionen Marokkos nach wie vor sind und wie Vergangenheit in der gelebten Kultur immer präsent ist. So gut haben das bisher wenige Marokko-Romane vermocht.
Mourad Kusserow
Leila Abouzeid: Eine Verstossene geht ihren Weg. Aus dem Arabischen von Imke Ahlf-Wien. Verlag Donata Kinzelbach, Mainz Neue Zürcher Zeitung, 5. Oktober 2005, Ressort Feuilleton