Hallo Elvire,
ich find´s schön, dass Du´s auch schön findest, von mir zu hören, wenn ich hier von Zeit zu Zeit mal viele Infos abliefere

- das hab ich doch sicher richtig verstanden, hm?
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Zum Thema „Besatzungskinder“ möcht ich noch `was nachliefern:
Du schreibst, dass es Dich berührt hat, wie sehr die in dem Film gezeigte Tochter eines marokk. Vaters unter ihrem „Anderssein“ gelitten habe. War´s das „Anderssein“, worunter sie litt? Hätte sie unter dem „Anderssein“ auch dann gelitten, wenn diese spezielle Art des Andersseins in der Gesellschaft der Nachkriegsjahre in Westösterr. – eine sehr katholische, sehr konservative, patriarchalische und rassistische Gesellschaft - weniger negativ bewertet worden wäre? Das Schmerzhafte am „Anderssein“ war unter diesen Bedingungen vielfach, dass es auf Ausgrenzung hinauslief und auf Verachtetwerden, u. zwar – ein wenig überspitzt - als a) „Negerkind“ einer b) ledigen Mutter, die sich c) für Schokolade, Butter oder Zigaretten mit den „Franzosen“, also d) den Mördern des Tiroler Nationalhelden Andreas Hofer eingelassen hatte.
@Blandina hat oben die Vergewaltigungen im Schwäbischen erwähnt - damit hier kein falscher Eindruck entsteht: Es hat auch in A massenweise Vergewaltigungen gegeben – allerdings in der sowjetischen Besatzungszone (Ostösterreich). Aus den Besatzungsgebieten der „Westmächte“ sind nur wenige Einzelfälle bekannt. Das lag auch daran, dass Amerikaner, Briten u. Franzosen interessiert waren, von der österr. Bevölkerung nicht als Feinde oder Unterdrücker oder als Rächer für die Schandtaten der Nazis wahrgenommen zu werden, sondern als Befreier und Helfer, und dass sie bei der Schaffung der dafür erforderlichen Voraussetzungen - ob Disziplinierung der Truppen, ob Marshallplan-Hilfe - recht erfolgreich waren. Dem gegenüber hatte die Armee Stalins erhebliche Probleme, in den eigenen Reihen der Erkenntnis zum Durchbruch zu verhelfen, dass Propaganda allein nicht reichen würde, um die ÖsterreicherInnen geneigt zu machen, an die vielen Vorteile des kommunistischen Systems gegenüber dem besiegten faschistischen bzw. dem von den Westmächten propagierten demokratischen zu glauben, falls diese Propaganda, wenn schon nicht von einer „Charmeoffensive“, so doch zumindest vom Verzicht auf Übergriffe, wirtschaftliche Ausbeutung und Brutalitäten (und die Vergewaltigungen erwiesen sich als dem Image der Russen in A besonders abträglich) begleitet sein würde.
Die Marokkaner lagen auf der Skala der Beliebtheit weit vor den Russen, aber auch weit hinter den Amerikanern.
Im Vorwort zu „Mein Vater ist Marokkaner“ schreibt Hamid Lechhab (die Textstellen in Anführungszeichen sind übersetzte Zitate aus historischen Quellen, hauptsächlich aus den Archiven des französischen Aussenministeriums):
Die Truppen der ersten französischen Armee, die Anfang Mai 1945 von Norden her kommend Vorarlberg befreiten, bestanden zum Großteil aus Einheiten mit farbigen Soldaten. Neben Teilen der 5. Panzerdivision unter General Schlesser und anderen Kräften war die gesamte 4. Marokkanische Gebirgsdivision unter General de Hesdin am Einmarsch in Vorarlberg beteiligt. Diese Division stellte dann im Sommer 1945 das wichtigste Element der Besatzungstruppen. Diese waren überall „mit Sympathie und Wärme begrüßt“ worden. Sehr bald konnten auch „Verbindungen zwischen der weiblichen Bevölkerung und den Besatzungstruppen festgestellt werden“; dabei scheinen gerade diese Farbigen „das Objekt einer gewissen Vorliebe“ gewesen zu sein.
„Im September 1945 wurde die 4. Marokkanerdivision abgezogen und durch die 27. Gebirgsdivision unter General Molle abgelöst“. „Schon Ende Juli hatte die zuständige Direktion im französischen Außenministerium auf die Tatsache aufmerksam gemacht, dass die Anwesenheit von farbigen Truppen in Österreich bei der Bevölkerung zunehmend auf Vorbehalte stoße“. „Dabei“, so hieß es in diesem Bericht, „handelt es sich nicht um einen Vorbehalt oder um Ängste, die auf handfesten Tatsachen beruhen. Die Disziplin der farbigen Truppen scheint in Österreich nicht besonders negativ beurteilt zu werden. Es handelt sich dabei vielmehr um eine Art psychologisches Vorurteil, dem man mit keinerlei Propaganda entgegenwirken kann [...].“
Wie den Berichten des französischen Nachrichtendienstes zu entnehmen ist, gab es bei der Bevölkerung generell „Ablehnung“, „schlechte Laune“, ja z.T. massive Repressalien gegen Frauen, die „galante Beziehungen“ mit Franzosen unterhielten.[...]
Beide, Mütter und Kinder, haben viel gelitten, wurden manchmal auch körperlich angegriffen. Darüber spricht man aber ganz selten.[...]
Seit ich in Vorarlberg lebe, sind mir immer wieder Geschichten über diese Kinder und ihre Mütter zu Ohren gekommen. Ich konnte mit vielen von ihnen persönlich sprechen und spürte und teilte ihren Schmerz. Mit vielen habe ich längere Kontakte aufgebaut und wir versuchten, die Väter oder deren Familien in Marokko zu finden. [...]
Vor 60 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Die Mütter und Väter dieser Besatzungskinder sind zum Großteil bereits gestorben, und die Kinder stehen gerade vor der Pensionierung. Nun, im Alter, wenn sie Zeit haben, werden sie wieder vermehrt mit ihrer Geschichte konfrontiert. Sie beschäftigen sich intensiv mit der Suche nach ihren Wurzeln. Und ich denke, der Wunsch, seinen Ursprung zu erfahren, sollte ein Menschenrecht werden. Denn die Nachkommen werden bestimmte psychische Problematiken in die folgende Generation mitschleppen, wenn die erste Generation ihr Schicksal nicht abklärt und aufarbeitet.Wenn es in Westösterreich gelungen ist, Politiker zu überzeugen, dass mit Beträgen, die im Vergleich mit den für die Gedenkfeiern ausgegebenen geradezu lächerlich gering sind, etwas Sinnvolles getan werden kann, indem man die Besatzungskinder bei der Suche nach ihren familiären Wurzeln in Marokko unterstützt, dann müsste das doch andernorts auch möglich sein, oder?
Gruß
Helias