Hallo,

das Buch erschien im Mai 2005 - ein Plädoyer für die Befreiung der moslimischen Frauen - so der Untertitel

Ayaan Hirsi Ali ist Abgeordnete der rechtsliberalen VVD im niederländischen Parlament und kann nicht mehr ohne Polizeischutz leben; sie hat gewagt, offen die islamische Ordnung zu kritisieren. Sie erhebt aber auch einen Vorwurf gegenüber dem Multikulturalismus, dessen Idee sie für rassistisch hält.

Leseprobe:

Muslimische Frauen, fordert Eure Rechte ein!

Ich wurde in Somalia geboren und wuchs in einer islamischen Familie auf. Als muslimisches Mädchen wurde ich mit einem Cousin verheiratet und sollte danach mein restliches Leben als Hausfrau und Mutter in Isolation verbringen. Doch ich bin geflohen und in die Niederlande gekommen. Das war vor zehn Jahren. In den Niederlanden konnte ich studieren und arbeiten. Hier kann ich auch meine Meinung sagen. Doch diese Meinung wird nicht immer verstanden. Oft werde ich gefragt, warum ich gerade den Islam und die Stellung der Frauen im Islam so kritisiere. Mir wird vorgeworfen, in meinen Äußerungen und Bemerkungen diese Religion zu diskreditieren. Ich schaffe angeblich ein Bild, wonach alle muslimischen Männer »dumme und gewalttätige Rüpel sind, die ihre Frauen unterdrücken«. Weiter wird mir vorgeworfen, Populisten und Rassisten in die Hände zu spielen. Man sagt, sie würden meine Äußerungen mißbrauchen, um Muslime zu unterdrücken. So sehe ich mich genötigt zu erklären, warum ich die Behandlung der Frauen innerhalb der muslimischen Gemeinschaft kritisiere. Vier Gründe gibt es für meine Kritik:
Mit meiner Kenntnis des muslimischen Glaubens und meiner eigenen Erfahrung damit kann ich hoffentlich zur Beendigung der menschenunwürdigen Behandlung muslimischer Frauen und Mädchen beitragen. Ich bin fest von der universellen Gültigkeit der Menschenrechte überzeugt. Als Mitglied des Vorstands von Amnesty International erfüllt es mich mit Sorge, daß die große Mehrheit muslimischer Frauen immer noch dem Dogma der Jungfräulichkeit unterworfen wird. Es verlangt, daß Frauen völlig unerfahren in die Ehe eintreten. Erfahrungen mit Liebe und Sexualität vor der Ehe sind ein absolutes Tabu. Dieses Tabu gilt nicht für Männer. Generell haben Männer und Frauen keineswegs gleiche Rechte und Möglichkeiten innerhalb ihrer spezifisch muslimischen Kultur. Viele Frauen haben einfach keine Möglichkeit, ihr Leben unabhängig oder nach eigenem Gutdünken zu organisieren.
Ich verabscheue den Islam nicht. Mir ist bewußt, für welche edlen Werte die Religion eintritt, wie zum Beispiel Wohltätigkeit, Gastfreundschaft und Solidarität mit Armen und Schwächeren. Doch wenn es um Frauen geht, muß man klar sehen, daß die muslimische Religion nicht nur aus Güte und Friedfertigkeit besteht. Im Namen des Islam werden grausame und schreckliche Praktiken aufrechterhalten. Ist es nicht völlig normal, daß man sich als Bürger bemüht, solche Mißstände wie Frauenbeschneidung und Verstoßung an den Pranger zu stellen? Wenn eine angesehene Wissenschaftlerin wie Margo Trappenburg in ihrer Kolumne im NRC Handelsblad die frauenfeindlichen Vorhaben der Christdemokraten in der neuen Regierung kritisiert, wird sie kein rechtschaffener Mensch des Christenhasses bezichtigen.
Natürlich verhalten sich keineswegs alle muslimischen Männer respektlos oder gewalttätig gegenüber Frauen. Ich kenne unzählige wunderbare muslimische Männer, die ihre Mütter, Schwestern und Frauen anständig behandeln. Außerdem sind die Männer genauso Opfer dieses Kultes der Jungfräulichkeit, wenn auch nur indirekt. Sie werden dadurch nicht von einer gesunden, ausgeglichenen und gebildeten Mutter erzogen, was wiederum einen Nachteil in Hinsicht auf Bildung, Beschäftigung und soziale Entwicklung darstellt.
Wegen der unverhältnismäßig starken Betonung von »Männlichkeit« in der muslimischen Erziehung und wegen der physischen und geistigen Trennung der Geschlechter haben Männer kaum Gelegenheit, die für ein harmonisches Familienleben erforderliche Kommunikationsfähigkeit zu erwerben. Daher überrascht es nicht, daß zahlreiche muslimische Frauen in den Niederlanden sich beklagen, daß ihre Männer selten mit ihnen sprechen. Die Ehen, welche die Familien für die noch sehr jungen Töchter im voraus arrangieren, erlegen dem Mann eine schwere Verantwortung auf, die er nicht selbst gewählt hat – für ein Mädchen, das er kaum kennt. Das alles führt häufig zu mangelndem Verständnis, Wut und einem Gefühl der Ohnmacht. Wenn man als Mann darüber hinaus mit der Vorstellung aufgewachsen ist, daß man eine Frau schlagen darf, ist es nur noch ein kleiner Schritt zur Anwendung von Gewalt. Gegenwärtig haben Frauenhäuser in den Niederlanden einen großen Zustrom von muslimischen Frauen zu verzeichnen. Es wurden sogar eigene Frauenhäuser für muslimische Mädchen eingerichtet, die aus ihrem Elternhaus fliehen.
Ironischerweise wird die Unterdrückung von Frauen zu einem großen Teil von anderen Frauen aufrechterhalten. Hier ist ein Zitat von Fatma Katirci, einer türkischen Imama in Amsterdam, über den Vers im Koran, der Männern das Recht einräumt, ihre Frauen zu schlagen: »Ja, aber nicht in einem Streit darum, was an diesem Abend auf den Tisch kommt. Es muß um eine ernsthaftere Sache gehen, etwa um eine Frage der Ehre, wie zum Beispiel Untreue. Wenn eine Frau mit ihrem Verhalten den Ruf der Familie schädigt ... Wissen Sie, manche Frauen lernen schon aus einem guten Gespräch. Andere ändern ihr Verhalten erst, wenn die Betten getrennt werden, und manche verhalten sich wirklich neurotisch. Bei den letzteren kann ein kleiner Klaps das letzte Mittel sein, um ihnen den Fehler in ihrem Verhalten einsichtig zu machen. Sie dürfen mich nicht mißverstehen: Ich bin dagegen. Schlagen ist entwürdigend, doch wenn es wirklich keine Alternative gibt, muß es sein.«
Diese Äußerung macht deutlich, daß auch gebildete Frauen oft Probleme haben, Vorstellungen aufzugeben, die ihnen von Kindheit an eingeimpft worden sind. In den traditionell ausgerichteten muslimischen Gemeinschaften sind es oft die Mütter, die ihre Töchter unter ihrer Fuchtel halten, und die Schwiegermütter, die ihren Schwiegertöchtern das Leben unerträglich machen. Cousinen und Tanten tratschen endlos übereinander und über andere und tragen mit dieser sozialen Kontrolle zum Erhalt ihrer eigenen Unterdrückung bei.
Der zweite Grund für meine kritische Haltung ist die Gefahr, daß ohne die Emanzipation der muslimischen Frauen die soziale Benachteiligung der Muslime andauern wird. Ich sehe eine direkte Verbindung zwischen der schlechten Stellung muslimischer Frauen auf der einen Seite und der Rückständigkeit der Muslime in der Bildung und auf dem Arbeitsmarkt, der hohen Rate von Straffälligkeit unter den Jugendlichen und ihrer starken Inanspruchnahme von Sozialeinrichtungen auf der anderen Seite. Tatsächlich verweigert die Erziehung den muslimischen Mädchen Unabhängigkeit und Eigenverantwortlichkeit – Werte, die von wesentlicher Bedeutung für das Vorankommen in den Niederlanden sind.
Eine für die Emanzipation muslimischer Frauen gefährliche Entwicklung ist die Tatsache, daß das Alter für die Verheiratung junger Mädchen in den letzten Jahren gesunken ist. Jemanden zu verheiraten bedeutet, ein Mädchen oder eine junge Frau einem unbekannten Mann zur Verfügung zu stellen, der sie dann sexuell ausnutzen kann. Je jünger die Braut, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß sie Jungfrau ist. Tatsächlich handelt es sich hier um eine mit Zustimmung der gesamten Familie arrangierte Vergewaltigung. Die Verheiratung bedeutet normalerweise, daß das Mädchen seine Ausbildung nicht abschließen kann oder darf. Leider werden immer noch zahlreiche muslimische Mädchen dieser Praxis unterworfen.
Mädchen, denen es nicht gelingt, ihre Jungfräulichkeit zu bewahren, oder die befürchten, daß sie in ihrer Hochzeitsnacht nicht bluten (obwohl sie noch nie Sex hatten), lassen sich ihr Jungfernhäutchen operativ wiederherstellen. Etwa 10 bis 15 solcher Operationen werden jeden Monat in niederländischen Krankenhäusern durchgeführt. Durch die Tabuisierung des Themas Sex – und auch der Sexualerziehung – werden muslimische Mädchen und Frauen ungewollt schwanger oder infizieren sich mit sexuell übertragbaren Krankheiten. Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche nimmt wegen des Zustroms marokkanischer und türkischer Frauen zu.
Der dritte Grund, warum ich meine Stimme erhebe, ist der, daß kaum einmal jemand muslimischen Frauen zuhört. Die offiziellen Interessenvertreter sind fast durchweg Männer. Bedenkt man, in welchem Ausmaß die Betroffenen leiden, gibt es zu wenige soziale Einrichtungen und politische Parteien, die sich aktiv für eine Verbesserung des Schicksals muslimischer Frauen einsetzen. Sprecher muslimischer Organisationen, zugewanderte Politiker mit muslimischem Hintergrund sowie andere Fürsprecher für die Rechte bestimmter Gruppen überbieten sich darin, die enormen Probleme muslimischer Mädchen und Frauen im Westen zu leugnen, zu trivialisieren oder auszublenden.
In einem Interview sagte die Parlamentsabgeordnete Khadija Arib von der (sozialistischen) Partij van de Arbeid folgendes zur Stellung muslimischer Frauen: »Man glaubt anscheinend, zugewanderte Frauen wollen den ganzen Tag isoliert zu Hause sitzen. Das tun sie aber hauptsächlich deshalb, weil sie nicht wissen, wohin sie gehen sollen.«
Bei der Eröffnung einer Mutter-und-Kind-Krippe im Amsterdamer Vorort Bos en Lommer in diesem Frühjahr schlug sie eine spezielle Einrichtung vor, wo Frauen sich den ganzen Tag beschäftigen können. Damit leugnet sie den Kern des Problems. In einem großen Teil der muslimischen Gemeinschaft existiert immer noch die Vorstellung, Frauen sollten nicht die Freiheit haben, sich außerhalb des Hauses zu bewegen oder zu arbeiten. Eine deutliche Kritik dieses Gedankenguts würde den muslimischen Frauen mehr nutzen als die Schaffung spezieller »Beschäftigungszentren« für Frauen.
Mein letzter Grund ist die feste Überzeugung, daß die Betonung einer muslimischen Identität und der entsprechenden Rechte für bestimmte Gruppen nachteilig für muslimische Frauen wäre. 1999 begann die Feministin und Professorin für Politologie Susan Moller Okin in den Vereinigten Staaten eine Diskussion zwischen den Fürsprechern des Multikulturalismus, welche die Förderung und den Erhalt islamischer (und anderer) Gruppenkulturen wünschen, und den Gegnern des Multikulturalismus, zu denen Okin selbst zählt. Ihrer Ansicht nach steht die Politik zahlreicher westlicher Regierungen, die auf den Erhalt dieser Gruppenkulturen ausgerichtet ist, in Konflikt mit ihrer Verfassung: Schließlich sind darin die Prinzipien der Freiheit des einzelnen und die Gleichwertigkeit von Mann und Frau verankert. Unter anderem kritisiert sie, daß die Multikulturalisten das Privatleben in den von ihnen verteidigten Kulturen vernachlässigen. Doch genau hier zeigen sich die Unterschiede in der Machtverteilung und die Unterdrückung der Frauen am deutlichsten.
Letztendlich werden muslimische Frauen in den Niederlanden von der herrschenden westlichen Kultur, der die Mehrheit der Bevölkerung folgt, eher profitieren. Sie bietet ihnen gute Chancen, ihr Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Ich bin der lebende Beweis dafür. Deshalb fühle ich mich auch verantwortlich dafür, das demokratische System, dem ich persönlich so viel verdanke, zu erhalten und zu beschützen. Im Prinzip haben auch alle niederländischen Muslime dieselben Menschenrechte, doch überholte religiöse Ansichten hindern sie größtenteils, diese Rechte umzusetzen. Daß das hauptsächlich Frauen betrifft, erfüllt mich mit Sorge.
Meiner Ansicht nach sollten die, die denselben Glauben haben wie die unterdrückten Frauen und die in der niederländischen Gesellschaft erfolgreich sind (ihre Zahl ist übrigens nicht sehr groß), sich mehr für ihre Schwestern und Brüder einsetzen. Ich möchte Frauen wie die Schriftstellerin Naima El Bezaz, die offen über Frauen und Sexualität schreibt, ermuntern, religiöse Barrieren zu überwinden und den Kult der Jungfräulichkeit (Koran, Hadith: Traditionen und die daraus folgenden Praktiken) in Frage zu stellen, anstatt die etablierte Tradition einfach weiter hinzunehmen. Das würde ihnen selbst und ihren Schicksalsgenossinnen nutzen, die bislang weniger Gelegenheit hatten, sich zu entwickeln. Ich erinnere Volksvertreter wie Khadija Arib, Nebahat Albayrak, Naima Azough und Fatima Elatik an ihre Verantwortung. Wir müssen Prioritäten setzen, das heißt, die wichtigsten Dinge zuerst zu erledigen. Weniger wichtige Themen wie »das Image des Islam« müssen deshalb zurückstehen. Ist die Vorstellung nicht absurd, Allah in all seiner Größe sorge sich um sein Image?
Ich lade die Fürsprecher der multikulturellen Gesellschaft ein, sich mit den Leiden der Frauen vertraut zu machen, die im Namen der Religion zu Hause versklavt werden. Müssen sie erst selbst schlecht behandelt, vergewaltigt, eingesperrt und unterdrückt werden, damit sie sich in die Situation anderer hineinversetzen können? Ist es nicht Heuchelei, solche Praktiken zu verharmlosen oder zu tolerieren, während man selbst in Freiheit vom Fortschritt der Menschheit profitiert?
Ministerpräsident Balkenende erinnere ich an sein Versprechen, das er im Vorfeld der Parlamentswahlen im Mai 2002 gegeben hat, daß eine multikulturelle Gesellschaft für ihn kein Ziel an sich sei. Was will er gegen die islamische Erziehung und all die anderen Organisationen tun, die zur eigenen Absonderung führen und so zur Fortdauer einer aussichtslosen Tyrannei über Frauen und Kinder beitragen? Oder waren seine Worte nur Wahlrhetorik?

Textauszug aus: Ayaan Hirsi Ali, Ich klage an – Plädoyer für die Befreiung der muslimischen Frauen