Hallo jmxx,
im folgenden fasse ich einen Vortrag von Nehrkorn vor der Humboldt-Gesellschaft in den relevanten Punkten zusammen, die die ausgezeichnete Kongruenz der Luhmann'schen Systemtheorie mit dem "System" Islam belegen.
"Soziale Systeme als Reduktionszusammenhänge für gesellschaftliche Komplexität sind der für Luhmann einzig gangbare Weg zur Beschreibung sozialer Vorgänge in der modernen Gesellschaft. Systeme sind nicht nur mehr als die Summe ihrer Teile. Sie sind in der Systemtheorie etwas gänzlich anderes: Sie sind der "Mehrwert" sozialer Interaktion. [...] Das entscheidende Begriffspaar für die Theorie sozialer Systeme kristallisierte sich im interdisziplinären Theorienstreit zwischen Niklas Luhmann und Jürgen Habermas zu Beginn der 70er Jahre heraus: Habermas sieht eine Legitimationskrise der Gesellschaft in der Moderne. Dagegen sieht Luhmann eine Theoriekrise der Soziologie in der Moderne. Das Begriffspaar des bis heute aktuellen Theorienstreits lautet: adäquate Theorie contra Legitimation. Die Gegenüberstellung einiger Elemente der Habermas'schen Gesellschaftstheorie mit den Ansätzen der Luhmann'schen Systemtheorie dient der klareren Ausleuchtung des Luhmann'schen Theorieverständnisses. Sie wird dem Luhmann'schen Ansatz eher gerecht als dem Habermas'schen, welcher als "Kontrastmittel" genutzt wird. Diese Folie von vergleichbaren Antworten auf gesellschaftswissenschaftliche Fragen sollte im folgenden stets vor Augen bleiben, da sie in jedem Detail auf die Motivation der Systemtheorie verweist.
Habermas: Sprache als Träger der Vernunft
Luhmann: Sprache als wahrheitsindifferentes Vehikel der Kommunikation
Habermas: Begründung der Gesellschaft
Luhmann: Beschreibung sozialer Vorgänge
Habermas: Norm als zu akzeptierendes
Luhmann: Form als kontingent akzeptiertes
Habermas: Konsens der Individuen
Luhmann: Akzeptanz der Differenzen
(Anmerkung: die ersten 2 Punkte scheinen mir unter diesem speziellen Aspekt unstrittig, der 3. Punkt ist sicher diskussionswürdig, der vierte wiederum aus muslimischer Sicht eindeutig, wie die Diskussion im Forum zum Thema Gleichartig/gleichwertig zeigte.)
[...]Luhmann versucht mit seiner Theorie die moderne Gesellschaft in ihrer Selbstläufigkeit zu begreifen, sie in ihrem strukturierenden Funktionieren zu verstehen. (Anmerkung: ich beziehe diesen Satz nicht auf "Taliban-Regime" sondern auf eine moderne muslimische Gesellschaft.)
[...] Luhmann (ordnet) den Begriff der Funktion dem der Struktur vor und gewinnt damit die Möglichkeit, Strukturen selbst zu problematisieren. Damit wird es ihm möglich, den Begriff des Sozialen nicht-normativ zu fassen: Ein soziales System besteht demnach allein aus dem Zusammenhang der aufeinander bezogenen und verweisenden sozialen Handlungen. Luhmann löst mit diesem Perspektivwechsel die Dichotomie von Funktion und Struktur auf. Sein Augenmerk gilt DER Unterscheidung der Systemtheorie: System und Umwelt. (Anmerkung: nur auf den ersten Blick ein Widerspruch zu meinmer These: versteht man die in muslimischen Ländern im Alltag verbreiteten religiösen Handlungen ebenfalls als soziale Handlungen, wofür vieles spricht, erklärt sich hiermit der Konsens im Alltagsleben, der das System stabilisiert.)
[...]Systeme kann man in erster Näherung als einen Zusammenhang von Elementen beschreiben, deren Beziehungen untereinander quantitativ intensiver und qualitativ produktiver sind als ihre Beziehungen zu anderen Elementen. Element steht hier synonym für eine soziale Interaktion, nicht für Person! [...] . Gesellschaft ist für ihn nicht die Summe aller Menschen sondern Kommunikation. Diese Umorientierung wird auch als autopoietische Wende bezeichnet. [...] Systeme werden unter der Voraussetzung als autopoietisch bezeichnet, wenn sie die Elemente aus denen sie bestehen, durch die Elemente aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren.
[...]Unterscheidung ist eine wichtige Kategorie in der Systemtheorie. Die Unterscheidung schattet (systemimmanent) für das System nicht verknüpfbare Alternativen ab. Anknüpfbarkeit ist gleichbedeutend mit Sinn als fortlaufender Aktualisierung von Möglichkeiten. Nur ans Systeminnere anknüpfbare Alternativen sind für das System Information. Nichtanknüpfbarkeit ist für das System nur Rauschen. [...] Das Interesse Luhmanns gilt den Unterscheidungen, die im Moment der Beobachtung erst zur Beobachtung führen. Dabei verfahren Systeme mit dem Mittel der Fremdbeschreibung, die von außen - von anderen Systemen kommend - im System dupliziert und damit verständlich wird oder vom System selbst eingebracht werden kann (re-entry). Systeme haben keinen Umweltzugang, sondern konstituieren Umwelt entsprechend ihrer Systemimperative. [...] Systeme duplizieren Anknüpfbares, produzieren Sicherheit und reduzieren so Komplexität.
Allein Kommunikation - und nicht Personen! - bilden soziale Systeme. Sie ist die kleinste Einheit eines Systems.
[...] Die soziale Funktion eines Systems besteht darin, sich von seiner Umwelt abzugrenzen und dadurch seine Grenzen zu stabilisieren. Luhmann spricht von einer Doppelfunktion, da die zur Selbsterhaltung des Systems ständig zu reproduzierende Grenze das System auch nach außen unterscheidbar macht und damit Abgrenzungsoperationen anderer Systeme erleichtert.
[...] Systeme sind nicht nur mehr als die Summe ihrer Teile. Sie sind in der Systemtheorie etwas gänzlich anderes: Sie sind der Mehrwert sozialer Interaktion. Luhmann behauptet, dass jede soziale Handlung egal ob sie in großen (Gesellschaft) oder kleinen (Gespräch) Zusammenhängen beobachtet wird bei vertiefender Analyse an Komplexität gewinnt. Soziale Systeme reduzieren in ihrem Operieren Komplexität.
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Quelle