buch-tip "die geschlossene gesellschaft"
#20095
06/12/02 12:07 PM
06/12/02 12:07 PM
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Yacin
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salamu 3alaikum, ich bereite gerade meinen umzug vor und dabei sind mir manche dinge in die hände gekommen. unter anderem fand ich in einem karton einen ordner aus meiner schulzeit. der ordner beinhaltet mitschriften und klausuren vom fach ethik. das klausurenheft habe ich überflogen und eine klausur ist mir besonders aufgefallen. das behandelte thema ist der "existentialismus". damals gefiel mir dieser sehr, da man in "depri-phasen" der "existentialismus-theorie" (motto: "das leben ist sinnlos") leicht glauben schenkt. einer der gründer des "existentialismus" war jean-paul sartre! einer meiner lieblingswerke sartres war "die geschlossene gesellschaft"! hausmeister krause:"bla, bla, bla yacin. nun komm zum punkt! was willst du uns sagen?" yacin:"oh, ja. sorry. sofort ..." also, aussagen möchte ich folgendes: 1) das buch "die geschlossene gesellschaft" empfehlen 2) kurz über den inhalt des buches informieren 3) etwas über den "existentlismus" und jean-paul sartre mitteilen 4) ein artikel sartres von 1972 und die parallelität zur heutigen zeit hausmeister krause:"mann oh mann! das ist arroganz ohne ende, yacin! unerhört. willst uns doch nur mitteilen, was für ein klasse typ du bist, nicht? willst hier das super-genie spielen und dich bei den leuten einschleimen. bist so was von lächerlich? yacin, langsam habe ich die faxen dicke. du bist keinesweges etwas besonderes. das, was du uns hier mitteilst, ist den meisten schön längst bekannt. verstanden?" yacin:"ja, ähm. ich dachte nur ..." hausmeister krause:" dachtest was???!" yacin:"ich dachte nur, hm .. äh ... ja genau, der jmxx, der hat mal behauptet, dass er sehr wenig marocs getroffen hat, die sich für kunst und kultur interessieren oder einen sprachkurs besuchen oder ..." hausmeister krause:"ja, und! wen interessiert schon, was jmxx schreibt?" yacin:"ja, also mich schon irgendwie. ich wollte sagen, dass auch marocs irgendwie sich für kultur und so interessieren. und ich bin maroc und "existentialismus" ist doch irgendwie kultur, oder? und das buch zeigt, dass man in einem raum (hölle) eingesperrt ist und mit den anderen klar kommen muss. und wir müssen doch auch irgendwie in diesem raum (forum) miteinander klar kommen? gut das forum ist keine hölle (oder doch?) und man kann jederzeit wieder raus, aber eine kitze kleine parallelität sehe ich schon" hausmeister krause:"naja, also, da drücke ich nochmal ein auge zu! aber vorsicht freundchen, halt dich an die board-regeln und fass dich kurz!" zu 1) das buch "die geschlossene gesellschaft" empfehlen zunächst das wichtigste: das buch kostet 4,50 €! hier amazon link: [URL=http://www.amazon.de/exec/obidos/ASIN/3499157691/domaincomwill-21/302-1953512-8602450 ]amazon[/URL] das taschenbuch vom rororo-verlag hat 66 seiten und ist in einer stunde gelesen! zu 2) kurz über den inhalt des buches informieren: Zwei Frauen, die reiche Estelle und die Postangestellte Ines, und der Journalist Garcin finden sich nach ihrem Tod in einem geschlossenen Raum der Hölle wieder. Außer einem zwielichtigen Kellner, der ihnen als Führer dient und sich bald verabschiedet, läßt sich keiner der Höllenbewohner blicken, vor allem nicht die befürchteten Folterknechte. Die drei Personen sind sich von Anfang an angstvoll der Tatsache bewußt, daß sie sich in der Hölle befinden, und sind auf das Schlimmste gefaßt. Tastend versuchen sie voneinander den Grund für die Höllenfahrt zu erfahren, ohne jedoch ihre eigene Schuld zu offenbaren. Sehr bald jedoch entdecken sie, daß sie zu ihren eigenen Folterknechten bestimmt sind, indem sie sich gegenseitig die Lebenslügen entreißen. Ein kurzes Aufflackern von Solidarität erlischt unter der Angst und dem gegenseitigen Haß. Dabei überlagern sich allgemein menschliche mit erotischen Motivationen, so wenn sich Ines eindeutig Estelle nähert, diese jedoch sich Garcin an den Hals wirft. Diese Koaltionen zerbrechen jedoch sehr schnell wieder, da jeder zu sehr mit sich beschäftigt ist und die anderen nur zur Stärkung der eigenen Position benötigt. Völlig sinnlos dreht sich das Karussell gegenseitiger Erniedrigung und eigener Verzweiflung - "homo homini lupus". Nacheinander proben alle den natürlich vergeblichen Ausbruch aus diesem Gefängnis, indem sie schreien oder an die Tür schlagen. Als dann plötzlich die Tür sich öffnet, erschrecken sie alle vor der vermeintlichen Falle der Freiheit und drängen sich wieder aneinander - ein Symbol für die Unfähigkeit der Menschen, sich wirklich aus dem inneren Gefängnis zu befreien. Wenn nach eineinhalb Stunden die letzten Worte "also - weitermachen" verklingen, hat sich ihre Lage um kein Deut verändert. Sie werden ihre Notgemeinschaft schlecht und recht auf ewig aufrechterhalten, ohne wirklich voranzukommen. Natürlich ist diese Hölle nichts weiter als eine Metapher auf die menschliche Gesellschaft, die nichts aus ihren Katastrophen lernt und ohne Sinn und Ziel dahinvegetiert, jedoch wirkt diese Erkenntnis heute etwas altbacken wie der gesamte Existentialismus. Eine Erkenntnis im eigentlichen Sinne ist dem Stück nicht zu entnehmen. quelle: geschlossene gesellschaft aus dem buch: "drei personen, die im leben einander nie begegnet sind, werden nach ihrem tod für alle ewigkeit in einem hotelzimmer zusammensein. das ist die hölle." und "wenn meine beziehungen schlecht sind, begebe ich mich in die totale abhängigkeit von anderen. und dann bin ich tatsächlich in der hölle. und es gibt eine menge leute auf der welt, die in der hölle sind, weil sie zu sehr vom urteil anderer abhängen" (Jean-Paul Sartre)! leider habe ich mir nie das theaterstück angeschaut. die uraufführung war 1944 in paris. aus dem buch: "drei menschen, zwei frauen und ein mann, die sich nie in ihrem leben begegnet sind, werden für immer i einem zimmer zusammenbleiben. das ist die hölle. warum? weil jeder von ihnen davon abhängig ist, wie der andere ihn sieht, weil jeder durch den blick des andeen festgelegt wird, gefangen in dem bild, das der andere sich von ihm macht. daraus entsteht die neigung zur unaufrichtigkeit, zur täuschung des anderen, die versuchung, dem anderen gegenüber eine durch und durch verlogene rolle zu spielen. durch die völlige abhängigkeit vom anderen wird jeder für jeden zum peiniger. ein teufel ist in dieser hölle nicht nötig. wären nur zwei menschen zusammen, könnte sich eine sadomasochistische beziehung herstellen lassen, bei der jeder für den anderen die rolle spielt, die der andere vorgeführt bekommen möchte. das wäre eine gegenseitige befriedigung. auswegslos wird die situation erst durch die anwesenheit eines dritten, gegen den es kein bündnis geben kann, weil jetzt nicht nur jeder reihum jeden durch seine gegenwart ertarren läßt, sondern weil jeder dritte jede zweierbeziehung durch seinen blick zerstören kann. sartre glaubte jedoch nicht, daß alle menschlichen beziehungen zwangsläufig auf eine solche hölle hinauslaufen müssen. er meinte vielmehr:*in welchen teufelskreis wir auch immer sind, ich denke, wir sind frei, ihn zu durchbrechen. und wenn die menschen ihn nicht durchbrechen, dann bleiben sie, wiederum aus freien stücken, in diesem teufelskreis. also begeben sie sich aus freien stücken in die hölle.*" zu 3) etwas über den "existenzlismus" und jean-paul sartre (Zitate, die mir in Erinnerung geblieben sind): "der mensch definiert sich durch seine taten, nicht durch seine worte" "das leben hat keinen sinn" "jeder, der nicht gegen unrecht handelt, ist schuldig" (auch bezogen auf die Nazi-Zeit, wo viele Deutsche zugeschaut haben) "sartre lehnt jede art von religion und abhängigkeit ab" sartre wurde am 21.06.1905 in paris geboren. mit seinem 1943 erschienen hauptwerk "das sein und das nichts" wurde er zum wichtigsten vertreter des existentialismus und zu einem der einflussreichsten denker des 20. jahrhunderts. durch sein bedingungsloses humanitäres engagement, bsonders im französischen algerienkrieg und im amerikanischen vietnamkrieg, wurde er zu einer art weltgewissen. 1964 lehnte er die annahme des nobelpreises für literatur ab. sartre starb 1980 in paris! Jean-Paul Sartre (aus „Sartre über Sartre, Aufsätze und Interviews 1940 - 1976“ 1988 Rowohlt Verlag, Reinbek): [...] Wenn ich diese Theorie der Freiheit habe, so eben deshalb, weil ich nicht an Gott glaube. Bei verschiedenen Gelegenheiten habe ich die Aufmerksamkeit auf einen sehr interessanten Aspekt des christlichen Glaubens gelenkt. Nach den Kirchenvätern, insbesondere nach Augustinus, achtete Gott die menschliche Freiheit. Gott hat den Menschen als freien Menschen erschaffen; das bedeutet ein Respektieren dieser Freiheit. Also ist Gott nicht da, um den Christen für seine Entscheidungen zur Verantwortung zu ziehen. Er ist allein. [...] Gott hatte, zum Beispiel, nichts zum Algerienkrieg zu sagen. Es gab Geistliche, die sich wie anständige Menschen verhielten, und andere, die sich wie Schweine benahmen – die einen, weil sie eine wahrhaftige Moral, die anderen, weil sie die Interessen der etablierten Kirche im Auge hatten. [...] quelle: existentialisme der existentialismus: Der Existentialismus ist eine Weltanschauung, die die Existenz des Menschen – also sein Dasein – in den Mittelpunkt des Denkens rückt. Das Dasein soll befreit werden aus der Umklammerung des Soseins, also dessen, was unabänderlich so sein will, wie es ist – die Essenz. Der Mensch gewinnt seine Existenz im Kampf gegen die Essenz oder das Sosein. Er entwirft sein Dasein, indem er das daseinsfeindliche Sosein verwirft. Man kann ihn nicht in vorfabrizierte Schubladen stopfen, weil jeder anders ist. Der Mensch ist kein auswechselbares Fertigteil, sondern etwas unauswechselbar Einmaliges. Er verrät sich selbst, wenn er sich von gesellschaftlichen Zwängen und ideologischen Stanzmustern bestimmen lässt. Nur im Kampf gegen das Sosein verwirklicht er sich selbst. Nach Jaspers kommt der Mensch erst zur wahren Existenz in den "Grenzsituationen seines Lebens (Leiden, Tod, Schuld). Im Unterschied zum Marxismus ist der Existentialismus stärker individualistisch ausgerichtet: Der Mensch wird weniger als Glied der Gesellschaft, sondern als der einzelne gesehen. Der Mensch muss mit dem Nichts, in das er „geworfen „ ist, alleine fertig werden. Alles kann man dem Menschen nehmen, nur nicht den Stolz, kämpfend und nicht feige zu unterliegen. Die stolze Einsamkeit ist bezeichnend für den „absurden Helden" quelle: existentialisme 2 zu 4) ein artikel sartres von 1972 und die parallelität zur heutigen zeit Jene, die versichern, Israel sei ein souveräner Staat, und zugleich der Ansicht sind, die Palästinenser haben in gleicher Weise das Recht auf Souveränität und die palästinensische Frage sei grundlegend, sind gezwungen anzuerkennen, daß die Politik des israelischen Estabishments wahnsinnig ist und bewußt darauf abzielt, jede Möglichkeit der Lösung dieses Problems auszuschließen. Es ist also politisch richtig zu sagen, zwischen Israel und den Palästinensern bestehe ein Kriegszustand. Die einzige Waffe, über die die Palästinenser in diesem Krieg verfügen, ist der Terrorismus. Es ist eine schreckliche Waffe, aber die Armen und Unterdrückten haben keine andere. aus: Jean-Paul Sartre, Artikel Sartres in La Cause du peuple-J´accuse Nr 29 vom 15. Oktober 1972 Aus Überlegungen zur Judenfrage, Rowohlt Taschenbuchverlag Reinbek bei Hamburg, April 1994 Seite 208 (ISBN 3-499-13149-8) quelle: sartre ma'3asalama yacin hausmeister krause:"sagte ich nicht kurz fassen?!"
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Re: buch-tip "die geschlossene gesellschaft"
#20096
06/12/02 02:22 PM
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@yacin, fine, dass du dich von krause retten konntest! yacin, ich bin kein sehr sehr guter kenner des exitenzalismus, aber ich denke, dass es kaum philospohen gibt, die zu sovielen missverständnissen wie jean-paul sarte und albert camus geführt haben. das mag vor allem daran liegen, dass der frz. existenzialismus - im gegenteil zur deutschen exitenzphilosophie - sich in bereichen des gesellschaftlichen lebens außerhalb von philosphie un wissenschaft, also literatur, kunst, theater, politik und politischer widerstand etc., engagierte. dieses phänomen begrenzt sich nicht nur auf den exitenzialismus, sondern auf nahezu alle bereiche der intelektuell-wissenschenftlichen welt in frankreich. der vor kurz verstorbene soziologe und anthropologe pierre bourdieu war dort eine star des öffentlichen lebens, während die deutschen und weltgrößen jürgen habermas oder nicklas luhmann außerhalb der grenzen von universitäten und forschungsinstituten in deutschland kaum wirklich bekannt sind. beide philosophen, sartre und camus, haben zwar werke, die ihre philophischen kernideen wiedergeben, verfasst, ihre theaterstücke, romane und vor allem normativen aussagen zu politik und gesellschaft (wie bei dir zitiert) ziehen jedoch weit mehr leser an. so trifft man nicht oft leute, die “l'etre et le nean” (das sein und das nichts) von sartre oder “l'homme revolté” (der mensch in der revolte) von camus in der tat gelesen und ein stückweit mitverfoglt haben. etwas bekannt ist allerdings le “mythe de sysiphe” (der mythos von sysiphus - auch von krause mal zitiert), weil es ein dünnes einfach verfasstes werk ist. versteht man die ideen dieser werke etwas, begreifft man die symbole und allusionen der literarsichen werke viel besser. liest man diese ohne die ersten, stochert man defintiv im dunkel und man nimmt solche aussagen wie “der mensch definiert sich durch seine taten, nicht durch seine worte" und "das leben hat keinen sinn" sicher verzerrt wahr. ich würde dir daher, um den frz. existenzialismus und darüber hinaus eine höchst interessante, faszinierende aber auch tödlich tragische gedanken- und ideenwelt zu explorieren, die lektüre der beiden werke (sein und nichts / mensch in der revolte) empfehlen. es gibt auch zusammenfassungen und kritiken, die wenn sie glücken, einem die langwierige und komplexe lektüre vermeiden. was mich allerdings dazu bewegt, dieses posting zu schreiben, ist der titel. nicht fern von der exitenzphilosophischen auffassung der welt und des geschehens, aber auf einem fernen handlungsplanetten als die existenzialisten und existenzphilosophen, veröffentlicht karl raymond popper mit die offene gesellschaft und ihre feinde, ein kritisches rationales pladoyer gegen den totalitarismus und gegen essenzialistische ideologien und denkströmmungen und ihre gefahren, die in marokko aktuell vor allem in der form des islamismus aber auch in einer gewissen hinsicht berberismus (mazighismus) lauern. vor allem hier sind seine ideen mit dem gedanken der (maßvollen) revolte statt der (maßlosen) revolution von camus und seinen abrechnungen mit den nihilismen, historizismen und totalitarismen unserer welt interessanterweise sehr vereinbar und würden gegen die teilweise extrem nihilistischen ansichten von startre sich richten. "Popper versteht unter offenen Gesellschaften die diversen Formen der Demokratie, vom klassisch-demokratischen Athen bis hin zu den modernen Gesellschaften der 'western civilization', im Unterschied zu den geschlossenen (statischen) Gesellschaften der Stammeskulturen, der antiken Diktaturen und Tyranneien, bis hin zu den diktatorischen Regimen unseres Jahrhunderts."(amzon.de) unten eine kurze zusammenfassung: jm – in eile --- >> quelle: http://www.uni-tuebingen.de/uni/phs/hopo/tr23.2.html Zum Tode von Karl Popper: "Wider Tyrannei und Unvernunft" "Arbeite lieber für die Beseitigung konkreter Mißstände als für die Verwirklichung abstrakter Ideale", so lautet eine der Formulierungen von Poppers philosophischer Quintessenz. Karl Popper, eine der großen Gestalten dieses Jahrhunderts, starb am 17. September 1994 im Alter von 92 Jahren in London. […] Der zweite Bereich, auf den Popper seine Grundidee anwendete, war der von Staat und Gesellschaft. Auch hier gilt, daß wir die Wahrheit prinzipiell nicht erkennen können. Daher ist das Handeln immer nur ein Versuch, mit dem Risiko des Irrtums behaftet. Deshalb muß eine offene Gesellschaft ständig darauf achten, daß der Irrtum korrigiert werden kann. Für Popper ist dies der wichtigste Grund, der Staatsform der Demokratie den Vorzug zu geben: man kann Regierungen gewaltlos abwählen, wenn sie Irrwege gehen. Deshalb trat Popper für eine pragmatische Politik der kleinen Schritte ein -- denn je kleiner ein politischer Schritt ist, um so geringer ist, wenn er korrigiert werden muß, der Schaden. Nicht zuletzt deshalb fand er in Helmut Schmidt in den 70er und 80er Jahren einen wichtigen Anhänger. Popper s erbarmungslose Kritik galt nicht nur dem Führerkult und der Diktatur des Proletariats, sondern auch Hegels Weltgeist und Platons Philosophen-Königen. In seinem wohl berühmtesten Werk "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde", das 1945 erschien, rechnet Popper mit dem Zauber Platons, seiner geschlossenen, erstarrten Gesellschaft und dem dazugehörigen Totalitarismus ab. Ebenso radikal lehnt er Hegels und Marxens orakelnde Philosophie des Historizismus ab. An ihre Stelle setzt er eine Gesellschaft, in der sich Individuen persönlichen Entscheidungen gegenübersehen - die offene Gesellschaft. "Es ist eine Last, die von allen getragen werden muß, die in einer offenen und teilweise abstrakten Gesellschaft leben und die sich bemühen müssen, vernünftig zu handeln, zumindest einige ihrer emotionalen und natürlichen sozialen Bedürfnisse unbefriedigt zu lassen und für sich und andere verantwortlich zu sein."( Die offene Gesellschaft und ihre Feinde I, Kap.\ 10 II) Damit prägte er den "Kritischen Rationalismus". Platon warf er vor, der Vernunft feindlich gegenüber zu stehen und mit seinem Tiefsinn alle Intellektuellen zu verzaubern. Popper haßte Utopien und Ideologien. "Wir müssen ins Unbekannte, ins Ungewisse, ins Unsichere weiterschreiten und die Vernunft, die uns gegeben ist, verwenden, um, so gut wir es eben können, für beides zu planen: nicht nur für Sicherheit, sondern zugleich auch für Freiheit." ( Die offene Gesellschaft und ihre Feinde I, Kap. 10 VIII) Ein wichtiges Merkmal von Karl Popper, das hervorgehoben werden muß, ist seine Fähigkeit, sich in einer einfachen Sprache klar verständlich zu machen. Er verabscheute "Hegels schwulstiges und mystifizierendes Kauderwelsch" ( Die offene Gesellschaft und ihre Feinde II, Kap. 12 I). Oft genug hat er seine Zunft ob ihrer prätentiösen Sprache gegeißelt und sich daurch seinem Publikum empfohlen. Als der "Positivismusstreit" 1961 Popper und Adorno in Tübingen zusammenbrachte, sagte Popper über seinen Kontrahenten: "Es scheint, daß Adorno nichts zu sagen hat und daß er dies mit Hegelschen Worten sagt." Michael Thorwart
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Re: buch-tip "die geschlossene gesellschaft"
#20098
06/12/02 05:17 PM
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HAllo jmxx, hallo zusammen, während die deutschen und weltgrößen jürgen habermas oder nicklas luhmann außerhalb der grenzen von universitäten und forschungsinstituten in deutschland kaum wirklich bekannt sind. das liegt bei nicklas Luhmann sicher auch an seinem anstrengend zu lesenden Sprachstil. Allerdings sind seine soziologischen Erkenntnisse epochal gewesen und geradezu revolutionär. Meines Erachtens sind seine System-Theorien gerade für die islamische Gesellschaft ein ausgezeichnetes Modell, das es auch einem Außenstehenden ermöglicht, Funktionsweisen und Strukturen zu verstehen. Luhmann hat seine Theorie meines Wissens schwerpunktmäßig am Rechtssystem entwickelt, noch viel plausibler erscheint sie mir im Zusammenhang mit dem Islam. Eine seiner Kernthesen "structure follows function" veranschaulicht gut das, hier in soziologischem Sprachgebrauch so bezeichnete, "Innenleben" des Islam, bzw. muslimischer Gesellschaften. Grüße N.
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Re: buch-tip "die geschlossene gesellschaft"
#20099
06/12/02 06:43 PM
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@anja,
die muckis, die tun manchmal weh : ). aber k.r. popper meine teure nicht zu kennen ist völlig normal, denn im deutschsprachigen (kultur-) raum ziehen sich wissenschaftler und intelektuelle gewöhnlich zurück, und man stoplert eher über sie, als dass man von ihnen gezerrt wird. der einzige, der von sich ein wenig reden läßt – und da sind wir noch im expressiven bereich der literatur – ist günther grass (sieht man einmal von marcel reich ranicki ab).
@dolphin,
beide, habermas und luhmann haben einen sehr anstregenden schreibstil. das kritisert auch k.r. popper, der sich durch seine einfache und hin und wieder anekdotische art zu zu schreiben, auszeichnet. luhmann kann auch als bielfelder westfale "trocken witzig' sein und sich "alltagsthemen' (liebe, beziehung mann/frau …) durchaus widmen.
aber die essaistischen seiten von sartre und bourdieu sind auch keine einfachen und konfortablen lektüren. und um l'homme revolte von camus beispielsweise durchzulesen muß man zumindestens einen guten (wirklich guten) überblick über die philosophien und denkstörmmungen der geschichte haben.
der unterschied liegt m.e. in dem radikal verschiedenen verständnis von wissenschaftlern und intelektuellen in frankreich und deutschland.
davon abgesehen hast du recht, denn gerade die deutsche soziologie bietet hervoragende mittel und methoden, um auch eine marokkanische bzw. arabische oder moslemische gesellschaft, sei es nur teilweise, etwas zu begreifen und einige ihrer mechanismen nachzuvollziehen. ob hier gerade luhmann sich eignet? seine soziologie bezieht sich auf komplexe differenzierte soziale systeme und er würde die arabisch-silamische welt wahrscheinlich für nicht oder nur in teilen soweit erklären.
luhmann baut auf durkheim auf, den man mittlerweile für den vater der soziologie eher als max weber hält. man weiß aber wie kritisiert die ersten arbeiten von durkheim über die kabylen in algerien sind und zwar u.a deswegen, weil er die kabylischen stämme – zurecht - für segmentäre gemeinschaften und nicht diffrenzierte moderne gesellschaften hält.
wie dem auch sei, zum viel gepriesenen technology transfer sollte man einen transfer des wissens vor allem fördern, denn wie wir mit dem islamismus (und zu einem eher geringen maß dem mazighimus, ohne die polemik von woanders hierhin zerren zu wollen) sehen, haben wir in marokko in der tat einen extrem hohen bedarf an analyse und (werturteilsfreier) denkvernunft (wenn ich mir diesen ausdruck erlaube).
in diesem sinne habe ich die gelgenheit ergriffen, um hier auf popper und seinen kritischen rationalismus hinzuweisen. denn, ich finde nicht nur seine methodischen ansichten von großer bedeutung. der kritische (nicht sozialkritische) geist, den er propagiert, lehnt sich gegen normatives, utopische und totalitäres denken, welches sich in unserer gesellschaft schnell sich verbreitet.
im aktuellen marokko können seine gedanken und die von albert camus, sofern man die beiden in verbindung so dilletantisch bringen darf, große gültigkeit haben: kleine schritte von revolten, bürgerlicher ungehorsam, zivilcourage, öffentlicher mut, kritischer pragmatismus, viriler aber solidarischer individualismus und syndikalsmus usw. statt muffiger ideologien, urknalls von revolutionen und utopischen paradisvorstellungen vom ende der zeit, wie es uns die marxsche und marxistische welt beibringt.
jm gott und die hier erwähnten wissenschaftler mögen mir diesen dilletantismus verzeihen!
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Re: buch-tip "die geschlossene gesellschaft"
#20100
06/12/02 07:54 PM
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Hallo jmxx, im folgenden fasse ich einen Vortrag von Nehrkorn vor der Humboldt-Gesellschaft in den relevanten Punkten zusammen, die die ausgezeichnete Kongruenz der Luhmann'schen Systemtheorie mit dem "System" Islam belegen. "Soziale Systeme als Reduktionszusammenhänge für gesellschaftliche Komplexität sind der für Luhmann einzig gangbare Weg zur Beschreibung sozialer Vorgänge in der modernen Gesellschaft. Systeme sind nicht nur mehr als die Summe ihrer Teile. Sie sind in der Systemtheorie etwas gänzlich anderes: Sie sind der "Mehrwert" sozialer Interaktion. [...] Das entscheidende Begriffspaar für die Theorie sozialer Systeme kristallisierte sich im interdisziplinären Theorienstreit zwischen Niklas Luhmann und Jürgen Habermas zu Beginn der 70er Jahre heraus: Habermas sieht eine Legitimationskrise der Gesellschaft in der Moderne. Dagegen sieht Luhmann eine Theoriekrise der Soziologie in der Moderne. Das Begriffspaar des bis heute aktuellen Theorienstreits lautet: adäquate Theorie contra Legitimation. Die Gegenüberstellung einiger Elemente der Habermas'schen Gesellschaftstheorie mit den Ansätzen der Luhmann'schen Systemtheorie dient der klareren Ausleuchtung des Luhmann'schen Theorieverständnisses. Sie wird dem Luhmann'schen Ansatz eher gerecht als dem Habermas'schen, welcher als "Kontrastmittel" genutzt wird. Diese Folie von vergleichbaren Antworten auf gesellschaftswissenschaftliche Fragen sollte im folgenden stets vor Augen bleiben, da sie in jedem Detail auf die Motivation der Systemtheorie verweist. Habermas: Sprache als Träger der Vernunft Luhmann: Sprache als wahrheitsindifferentes Vehikel der Kommunikation Habermas: Begründung der Gesellschaft Luhmann: Beschreibung sozialer Vorgänge Habermas: Norm als zu akzeptierendes Luhmann: Form als kontingent akzeptiertes Habermas: Konsens der Individuen Luhmann: Akzeptanz der Differenzen (Anmerkung: die ersten 2 Punkte scheinen mir unter diesem speziellen Aspekt unstrittig, der 3. Punkt ist sicher diskussionswürdig, der vierte wiederum aus muslimischer Sicht eindeutig, wie die Diskussion im Forum zum Thema Gleichartig/gleichwertig zeigte.) [...]Luhmann versucht mit seiner Theorie die moderne Gesellschaft in ihrer Selbstläufigkeit zu begreifen, sie in ihrem strukturierenden Funktionieren zu verstehen. (Anmerkung: ich beziehe diesen Satz nicht auf "Taliban-Regime" sondern auf eine moderne muslimische Gesellschaft.) [...] Luhmann (ordnet) den Begriff der Funktion dem der Struktur vor und gewinnt damit die Möglichkeit, Strukturen selbst zu problematisieren. Damit wird es ihm möglich, den Begriff des Sozialen nicht-normativ zu fassen: Ein soziales System besteht demnach allein aus dem Zusammenhang der aufeinander bezogenen und verweisenden sozialen Handlungen. Luhmann löst mit diesem Perspektivwechsel die Dichotomie von Funktion und Struktur auf. Sein Augenmerk gilt DER Unterscheidung der Systemtheorie: System und Umwelt. (Anmerkung: nur auf den ersten Blick ein Widerspruch zu meinmer These: versteht man die in muslimischen Ländern im Alltag verbreiteten religiösen Handlungen ebenfalls als soziale Handlungen, wofür vieles spricht, erklärt sich hiermit der Konsens im Alltagsleben, der das System stabilisiert.) [...]Systeme kann man in erster Näherung als einen Zusammenhang von Elementen beschreiben, deren Beziehungen untereinander quantitativ intensiver und qualitativ produktiver sind als ihre Beziehungen zu anderen Elementen. Element steht hier synonym für eine soziale Interaktion, nicht für Person! [...] . Gesellschaft ist für ihn nicht die Summe aller Menschen sondern Kommunikation. Diese Umorientierung wird auch als autopoietische Wende bezeichnet. [...] Systeme werden unter der Voraussetzung als autopoietisch bezeichnet, wenn sie die Elemente aus denen sie bestehen, durch die Elemente aus denen sie bestehen, selbst produzieren und reproduzieren. [...]Unterscheidung ist eine wichtige Kategorie in der Systemtheorie. Die Unterscheidung schattet (systemimmanent) für das System nicht verknüpfbare Alternativen ab. Anknüpfbarkeit ist gleichbedeutend mit Sinn als fortlaufender Aktualisierung von Möglichkeiten. Nur ans Systeminnere anknüpfbare Alternativen sind für das System Information. Nichtanknüpfbarkeit ist für das System nur Rauschen. [...] Das Interesse Luhmanns gilt den Unterscheidungen, die im Moment der Beobachtung erst zur Beobachtung führen. Dabei verfahren Systeme mit dem Mittel der Fremdbeschreibung, die von außen - von anderen Systemen kommend - im System dupliziert und damit verständlich wird oder vom System selbst eingebracht werden kann (re-entry). Systeme haben keinen Umweltzugang, sondern konstituieren Umwelt entsprechend ihrer Systemimperative. [...] Systeme duplizieren Anknüpfbares, produzieren Sicherheit und reduzieren so Komplexität. Allein Kommunikation - und nicht Personen! - bilden soziale Systeme. Sie ist die kleinste Einheit eines Systems. [...] Die soziale Funktion eines Systems besteht darin, sich von seiner Umwelt abzugrenzen und dadurch seine Grenzen zu stabilisieren. Luhmann spricht von einer Doppelfunktion, da die zur Selbsterhaltung des Systems ständig zu reproduzierende Grenze das System auch nach außen unterscheidbar macht und damit Abgrenzungsoperationen anderer Systeme erleichtert. [...] Systeme sind nicht nur mehr als die Summe ihrer Teile. Sie sind in der Systemtheorie etwas gänzlich anderes: Sie sind der Mehrwert sozialer Interaktion. Luhmann behauptet, dass jede soziale Handlung egal ob sie in großen (Gesellschaft) oder kleinen (Gespräch) Zusammenhängen beobachtet wird bei vertiefender Analyse an Komplexität gewinnt. Soziale Systeme reduzieren in ihrem Operieren Komplexität. [...] Quelle
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Re: buch-tip "die geschlossene gesellschaft"
#20103
10/12/02 12:01 AM
10/12/02 12:01 AM
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Uschen
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Hallo, Sartre´s Hauptwerk " l´Etre et le Neant " bewegt sich zwischen Bewußtsein und Realität. Die ersten Arbeiten von J.P Sartre setzen sich mit Edmund Husserls auseinander. Sartre interpretiert Husserls auf seiner Art und Weise. Einige behaupten er hätte ihn mißverstanden. Der zweite wichtigere Philsoph, der Sartre beeinflust hatte, war Martin Heidegger. Wer das Werk " Sein und Zeit " von Heidegger kennt, wird das Begriffspaar, das auch Sartre verwenedte, also " An-sich " und " Für-sich ", dort entdecken. Es ist auch kein Zufall, dass auch Martin Heidegger sich Jahrelang mit Husserl´s Phänomenologie beschäftigte. Ich würde jedem empfhelen immer die Autoren selbst zu lesen anstatt die Interpreten. Wenn man den Existentialismus verstehen will, muß man Sartre direkt lesen. Ist der Existentialismus ein Humanismus ? Ist der Titel eines Buches von Sartre. Dort findet man eine kurze und einfache " Verteidigung des Existentialismus " ( Seite 5 bis 18 ). Das Buch wurde Bei Europa Verlag Zürich 1947 veröffentlicht.
Tidt n umya!
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