Nach dem 11. September wuchs das Interesse an den Islamwissenschaften. Warum sie dennoch nicht zum Massenfach werden

von Arnfrid Schenk

Der Anfang ist einfach: Ein Strich von oben nach unten - fertig ist das Alif, der erste Buchstabe des arabischen Alphabets. Nur wenig später aber zeigen sich Tücken. Das Sin beispielsweise, ein s, gibt sich als auf dem Rücken liegende Drei mit schwungvollem Schlussbogen. Und schreibt sich natürlich von rechts nach links. Schon hier wird dem Erstsemester der Islamwissenschaften schmerzlich bewusst: Arabisch lernen heißt leiden lernen. Dabei ist die Schrift noch das geringste Übel: Das Fürchten lehrt die Grammatik. Dazu kommt eine Aussprache, die Rachen, Zungenspitze und -rücken sowie dem Halszäpfchen alles abverlangt. "Vielleicht sollten Sie mal zum Hals-Nasen-Ohren-Arzt gehen", raten da augenzwinkernd Professoren, denen nach jahrzehntelangem Training diese Laute lockerer von den Lippen gehen.

Tatsachen, die viele Studenten offenbar ignoriert haben, die in diesem Wintersemester die Seminare an den Universitäten überrannten. Der 11. September hatte ungewohntes Interesse am Islam geweckt, das Orchideen- schien sich in ein Massenfach zu verwandeln. In Berlin waren die Vorlesungen und Einführungsveranstaltungen voll wie nie, das gleiche Bild bot sich in Hamburg und Bochum. In Köln gingen in den Seminarräumen die Stühle aus, statt wie üblich 40 drängten sich gleich 80 Lernwillige in den Arabisch-Anfängerkursen, und auch in Freiburg frohlockten Professoren über verdoppelte Studentenzahlen.

Die Freude war von kurzer Dauer. Schon vor Weihnachten lichteten sich die Reihen in den Arabisch-Kursen, und jetzt, am Ende des Wintersemesters, sind es in vielen der rund 30 Institute nicht mehr Studenten als in den Jahren zuvor.

Dass der Boom kurz sein würde, hatte Roswitha Badry, Islamwissenschaftlerin an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, schon vermutet. Nach der Islamischen Revolution im Iran 1979 und während des zweiten Golfkrieges 1990/91 gab es ein ähnlich kurzlebiges Interesse an dem Nischenfach. "Die Leute wollen schnell Arabisch lernen, und wenn sie merken, dass das nicht geht, springen sie wieder ab", sagt Badry. "Arabisch, das ist in diesem Fach der Ersatz für den Numerus clausus", erklärt Gernot Rotter, Professor an der Universität Hamburg.

Die Kunst des Bogenschießens

Das Studium ist hart. Islamwissenschaften, Islamkunde, Orientalistik, Arabistik, die verschiedenen Namen bezeichnen im Grunde doch eine Disziplin: die Forschung über die muslimische Welt. Das ist ein weites Feld. Geografisch betrachtet, reicht es von Westafrika bis auf den indischen Subkontinent, vom Sudan bis nach Kasachstan. Zwischen 1,2 und 1,3 Milliarden Menschen sind muslimischen Glaubens, fast ein Fünftel der Menschheit.

In den ersten Semestern lernen die Studenten Grundlagen aus Geschichte, Kultur und Religion. Hören, wie der Kaufmann Muhammad aus Mekka um das Jahr 610 als 40-Jähriger erste Visionen hatte. Zum Propheten, Religionsstifter und politischen Führer wurde, dessen Anhänger ein Weltreich eroberten. Erfahren, wie der Koran "herabgesandt" und die 114 Suren angeordnet wurden. Wie Ali, der Schwiegersohn Muhammads, eine Partei gründete, aus der die Schiiten hervorgingen und was diese von den Sunniten unterscheidet. Sie lernen, wie der Idschtihad, die Rechtsfindung, funktioniert, wie die Scharia, das Gesetzsystem, aufgebaut ist und warum eine Fatwa nicht immer gleich ein Todesurteil sein muss. Sie lesen, wie die Kalifen von Bagdad hellenistische und iranische Literatur- und Wissenschaftstradition zur Grundlage der klassischen islamischen Kultur machten.

Arabisch ist dabei Pflicht. Dazu kommt eine weitere Fremdsprache, man hat die Wahl zwischen Persisch und Türkisch. Englisch und Französisch werden vorausgesetzt. "Man sollte im ersten Semester neben Arabisch nichts anderes machen, sonst schafft man das nicht", sagt Christian Meier, Fachschaftsvertreter der Hamburger Islamwissenschaftler. Die arabischen Verben haben zehn Stämme und geben sich gern schwach. Vertraut klingende Vokabeln gibt es kaum. Und, die wohl größte Hürde: Kurze Vokale werden nicht geschrieben. Das Wort erschließt sich lediglich aus der Kombination der Konsonanten. Dementsprechend ist das Arabisch-Lexikon nicht alphabetisch geordnet, sondern etymologisch. Das heißt, der Student wird darin erst fündig, wenn er die Grammatik intus hat. Durchgehend mit Vokalzeichen versehen, kleinen Strichen und Häkchen über oder unter den Konsonanten, ist nur der Koran.

Die Themen im Hauptstudium hängen ab von der Ausrichtung der Institute. Die einen haben den Schwerpunkt in der Philologie, die anderen bevorzugen sozialwissenschaftliche Ansätze. Das Spektrum reicht von Fundamentalismus über moderne arabische Literatur bis zu alten Handschriften und Religionsgeschichte. Die Islamwissenschaftlichen Seminare sind Kleinstinstitute, meist mit nur ein bis zwei Lehrstühlen. Was im Hauptseminar angeboten wird, hängt häufig ab von den Vorlieben der Professoren. So kommt es vor, dass man sich mit den mathematischen Feinheiten des islamischen Erbrechts auseinander setzen oder sich ein Semester lang mit der Kunst des Bogenschießens bei den Mamelucken herumschlagen muss.

"Manche Seminare waren schon etwas weltfremd", erinnert sich Arian Fariborz, der in Hamburg Islamwissenschaften studierte. Er vermisste gegenwartsbezogene Themen. Stattdessen musste er in Koranseminaren zählen, wie oft in einer Sure das Wort Rasul, Gesandter, vorkommt. Durchgehalten hat er trotzdem, heute arbeitet er als Redakteur bei der Deutschen Welle in Köln.

"Man hat mit der Hinwendung zur Moderne zu lange gezögert", sagt Gernot Rotter. Dafür gebe es noch zu wenig Lehrangebote. Aber das heißt noch lange nicht, dass man deshalb auf die klassische Islamkunde verzichten kann. Denn wer mit Quellen wie Koran und Hadith, den überlieferten Berichten von Muhammads Verhalten und Aussagen, nichts anfangen kann, "begreift auch die Moderne nicht", sagt Rotter.

Schon lange pendeln die Islamwissenschaften zwischen Philologie und Sozialwissenschaft. Der Göttinger Arabist Tilman Nagel forderte 1998 in einem Aufsatz das Ende der 30-jährigen Umklammerung der Islamwissenschaft durch sozialwissenschaftliche Denkmuster. An deren Stelle setzt er die Philologie. Eine extreme Position, die nur wenige teilen.

Der Karl-May-Faktor

Rotraud Wielandt, Professorin in Bamberg, wo ausdrücklich gegenwartsbezogene Orientforschung betrieben wird, sagt, dass die Philologie zwar die Basis sein muss, sie aber nur das Handwerkszeug sein kann. "Die inhaltlich relevanten Fragestellungen sind religions- und sozialwissenschaftlicher Art." Auch Gudrun Krämer, Professorin an der FU Berlin, ist die Einbeziehung gesellschaftswissenschaftlicher Perspektiven wichtig, "nur darf die Philologie dafür nicht aufgegeben werden".

Als wissenschaftliche Disziplin etablierte sich die Orientalistik im 19. Jahrhundert; erst nach der europäischen Aufklärung war der Weg frei für ein unvoreingenommenes Interesse an islamischen Ländern. Der Arabist Johann Jacob Reiske war ein früher Wegbereiter des Faches, und der Ungar Ignaz Goldziher legte mit seinen Muhammedanischen Studien von 1890 ein Epoche machendes Standardwerk vor.

Wer entscheidet sich heute für so ein Fach? Viele der Studenten hätten Bindungen in die Region, sagt Christian Meier. Vater oder Mutter kommen aus der Türkei, Syrien oder Ägypten. Ein Großteil der Studenten geht pragmatisch an das Fach heran, sie sehen in den Sprachkenntnissen eine gute Zusatzqualifiktion für den Berufseinstieg.

Und dann gibt es noch die Karl-May-Leser. Die sich mit Hadschi Halef Omar und Kara Ben Nemsi durch die Wüsten Arabiens gekämpft haben und später in David Leans Lawrence von Arabien jedes Kamel am Gang erkennen. Schwärmer. Nicht alle überstehen die Konfrontation mit der Realität. Klischees vom märchenhaften Morgenland zerplatzen während des ersten Auslandssemesters in Damaskus oder Kairo. Schwitzend in billigen Unterkünften, geben sie den Kakerlaken Namen. Und mit ihrem Hocharabisch, das sie an den deutschen Hochschulen mühselig erworben haben, stoßen sie schon beim Bestellen eines Kaffees an Grenzen, weil jedes Land eben seinen eigenen Dialekt hat.

Wer nicht aufgibt, hat gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt, obwohl man dem Fach nicht gerade Berufsnähe nachsagen kann. Die Sprachhürden halten die Studentenzahlen klein und die Aussteigerquote hoch. 1088 Studenten waren im Wintersemester 2000/2001 eingeschrieben, 57 Absolventen verließen im Prüfungsjahr 2000 die Universitäten.

Peter Heine, Professor an der Humboldt-Uni in Berlin, sieht für Absolventen vielfältige Aufgaben: Je nach Zusatzqualifikation kommen sie im diplomatischen Dienst unter oder in der Politikberatung; in den Medien, bei internationalen Organisationen oder Unternehmen. Seit dem 11. September suchen auch Polizeibehörden und der BND verstärkt Islamwissenschaftler. Wenige schlagen eine akademische Karriere ein. Viele Stellen sind dort auch nicht zu vergeben. "Die Lehre und Forschung sind durch die aktuellen Sparzwänge in ihrer Substanz gefährdet", klagt der Arbeitskreis Moderne und Islam in seiner Bestandsaufnahme. Drastisches Beispiel: An der FU Berlin gibt es derzeit eine Professorin für 400 Studenten.

An den Immatrikulationszahlen des Sommersemesters wird sich zeigen, ob das Interesse am Islam anhält. "Viel Wunderbares gibt es in der orientalischen Geschichte, das der menschliche Verstand nicht ergründen kann." So warb Johann Jacob Reiske 1747 für die Islamwissenschaften. Stimmt, dachten sich dieses Wintersemester wohl viele Anfänger und ließen - nicht ganz im Sinne Reiskes - wieder die Finger von dem Fach.


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