Anmerkung zu der arabischen Dichtung:
Vor mehr als 1500 Jahren waren die Vorfahren meiner Mutter, die ursprünglich aus dem Jemen stammt, Beduinen und räumten der Kunst der Dichtung großen Wert ein. Die Dichter unter denen, die sich die Magie des Wortes zu eigen machten, und vor allem diejenigen unter denen, die Meister ihres Werkes waren, waren mächtig und hatten großes Ansehen, sie konnten Menschen an sich fesseln, das Politische beeinflussen und sogar Kriege herbeiführen oder verhindern. Doch damals herrschte auch unter den Beduinen der Aberglaube, dass diese Dichter sich Nachts in der Weite der Wüste verirrten und sich dort mit unheimlichen Hexen (Jeniat) träfen, von denen sie sich dann inspirieren ließen!
Diese Beziehung zwischen Dichtern und Hexen war nicht jedermann Sache, denn sie setzte eine erschreckende Opferbereitschaft seitens des Dichters voraus. Dies erklärte in den Augen der Beduinen, warum nur wenige unter denen Dichter waren, nämlich nur diejenigen, die einen hohen Preis für ihre Begabung zu zahlen bereit waren. Diese Opferbereitschaft bestand darin, dass der Dichter sich in seine Hexe (Jenia) unsterblich verlieben musste, jedoch ihr niemals zu nahe treten oder die Geheimnisse ihrer Seele erfahren durfte. Als Gegenleistung für seine bedingungslose Hingabe wurde der Dichter belohnt, indem er auserwählt wurde und die wertvolle, ersehnte Inspiration erhielt, die ihm unter den Normalsterblichen Macht verlieh.
Dieses abenteuerliche Verhältnis verbarg aber zusätzliche Risiken in sich, denn entgleiste der Dichter und ginge er entgegen der Abmachung zu weit, in dem er versuchte zu erfahren, was die Seele seiner Hexe verheimlichte, ginge er die Gefahr ein, nicht nur seine Dichterbegabung zu verlieren, sondern auch von der mächtigeren Hexe seines Treubruchs wegen ein Leben lang bestraft und zum ewigen Verlierer zu werden.
Dem zufolge war der Dichter eine arme Seele, denn auf der einen Seite besaß er Macht, auf der anderen musste er damit leben, hoffnungs- und aussichtslos zu lieben. Nur allzu gerne hätte er seine dämonische Verehrte sagen hören: „Diese Berge da gefallen mir nicht, versetze sie mir, wenn du mein Herz gewinnen willst!“ Doch der Hexe war nie viel daran gelegen, ihm zu zeigen, dass sie ihn bräuchte.