DIE LIEBESGESCHICHTE VON HAFSA UND
ABU DSCHA'FAR
Diese Liebesgeschichte hat kein Dichter erfunden. Die Liebenden haben sie selbst erlebt und ihre Gefühle und Gedanken in Versen festgehalten.
Die äußeren Begebenheiten müssen wir ergänzen.
Der Almohadensultan 'Abd al-Mumin residierte in Marokko und hatte einen Sohn, den Fürsten Abu Sa'id, in Granada als Statthalter eingesetzt. Ihm gab der Sultan den Sohn seines eigenen Wesirs, Abu Dscha'far, zum Sekretär mit.
In Granada, wo der Sultan auch einen Harem unterhält, entzündet eine junge Dame von außerordentlicher Schönheit, Hafsa, die Erzieherin der Haremsfrauen, das Herz des Prinzen und das des Sekretärs.
Hafsa aber weist die stürmischen Werbungen des jungen Fürsten stolz zurück, denn Abu Dscha'far, der, schüchtern und unerfahren, sie nicht einmal anzusprechen wagt, hat, ohne daß er es weiß, ihr Herz gewonnen. Hafsa legt Männerkleidung an, begibt sich nächtlich vor Abu Dscha'fars Haus, erbittet Einlaß und gesteht ihre Liebe in dem Briefchen, das sie ihm durch den Diener hinaufschickt. Abu Dscha'far öffnet ihr nicht: er hat Angst vor der Eifersucht des Prinzen. So muß Hafsa umkehren, den Geliebten aufmuntern, den Ort heimlichen Stelldicheins vorschlagen und tagelang drängen.
Sie finden sich endlich. Nun aber wird Abu Dscha'far leichtsinnig: sein Herz ist so voll des unerwarteten Glücks, daß er es nicht für sich behalten kann. Hafsa, die in jedem Stern einen Späher sieht, mahnt vergeblich zu Verschwiegenheit. Nach einem Jagdvergnügen, einer "Herrenpartie", brüstet sich Abu Dscha'far, trunken vom Wein, öffentlich seiner Liebe und stößt gegen seinen Fürsten grobe Beleidigungen aus.
Die Worte werden dem Prinzen hinterbracht, und Abu Dscha'far muß fliehen. Von Malaga aus tritt er wieder mit der Geliebten in Verbindung, die seine Grüße erwidert. Dadurch aber hat er sich verraten. Die Häscher des Fürsten nehmen ihn fest, bringen ihn nach Granada zurück und setzen ihn hinter Schloß und Riegel. Hafsa versucht ihn zu retten und bittet, einen Festtag zum Anlaß nehmend, um Gnade für ihren Freund, wobei in den Versen unklar bleibt, ob sie sich zu dessen Rettung dem Prinzen selbst anbietet.
Umsonst. Abu Dscha'far wird zum Tode verurteilt. Sein Vetter, Ibn Duwayra, darf ihn noch im Gefängnis besuchen. Am Tage darauf wird er hingerichtet. Dies alles begab sich im Frühling des Jahres 1164.