Hallo Uschen,
wieso soll eine literatur dann literatur gelten, wenn sie in der sprache des landes form annimmt, aus dem der autor stammt und lebt? darf sich ein in holland lebender marokkostämmiger nicht mit der marokkanischen zeitgeschichte künstlerisch in der niederländischen sprache auseinandersetzen?
Mit diesen beiden fragen möchte ich dich aufmerksam machen darauf, dass literarisches schaffen sich nicht mit den üblichen identitätsstifenden kriterien bestimmen lässt. der inhalt, die botschaft, die schreibweise, die erzähltechnik, die vertretenen positionen machen das aus, was man gewöhnlich literatur nennt. natürlich braucht ein autor ein übertragungsmedium, ein sprachliches zeichen im falle der literatur. das muss aber nicht unbedingt die sprache des landes sein. erstens weil heute literaten für eine breitere leserschaft schreiben, die über die grenzen des eigenen landes hinausgeht. zweitens schreiben in einer " fremden" und nicht Fremdsprache nutzt der literatur unheimlich viel.weil literatur davon lebt, den normativen sprachgebrauch zu erschüttern, indem sie die sprachhüllsen ( worte ) mit anderen erfundenen inhalten ( zukunftweisend)besetzt. sie befreit dadurch von herkömmlichen manchmal sogar gefährlichen inhalten. diese erfahrung haben alljene marokkaner gemacht, die bis jetzt in der französischen sprache geschrieben haben. Kheir eddin ( rahima hu allah) ist weitergegangen bis zu dem punkt, dass er die narrative struktur des französischen bewusst " vergewaltigte", wahrscheinlich als ausdruck seines unbehangen im lande der
" Fraternité". Choukri in tanger hat die traditionellen ketten des erzählens abgelegt und uns die nackte realität zumindest ein bruchteil davon ohne LÜGE vorgestellt. dies ist ihm in seiner naiven erzählsprache wie keinem anderen gelungen. mittlerweile gilt er schon als " SCHULE". dritens, und das war sicherlich der trefftige grund, warum viele im falle marokkos in der französichen sprache schrieben, in der fremden sprache ist es oft einfacher wörter zu benutzen, die sonst in der eigenen sprache tabu wären. dürfte man ohne bildhafte sprache im arabischen den satz schreiben " ich möchte mit dir schlafen" im erotischen sinne. nein. denn dann melden sich die verwalter des ethischen normativen und schreien zur rache an dem gottleugner. es kommt dadurch dazu, dass ein roman mehr für lange zeit im exil existieren muss, bevor die landesleute zumgenuß kommen. das " nackte brot" kam nach marokko in arabischer sprache aus dem libanon. marokkanische verleger dürften es nicht verlegen. angeblich fand der ausschuß der ulemas heraus, dass der erstling von choukri supversiver natur wäre, weil choukri von bettgeschichten mit tanger prostituierten erzählt. gegen diesen befund der religionsverwalter kann man nur hut absetzen. sie wissen genau was der gemeinschaft der gläubigen schadet und was nicht. auf der anderen seite reagierten die auf dem literaturmarkt etabliertten spöttisch auf choukris erste ERLEBNISDICHTUNG. für sie war das kein literatur. literatur für sie war das, was man irgendwo in einer nahöstlichen Fantasienische zu produzieren glaubt.
natürlich bin ich nicht dagegen, dass man in der sprache des landes schreibt, denn automatisch ist der zugang für viele viel einfacher. ich bin aber dagegen, dass man aus irgendwelchen simplen und nationalistischen gründen literatur durch sprachreglung zensiert.
deine frage, ob zur zeit eine marokkanishce literatur gäbe, ist mit einem großen JA zu beantworten. sie ist vielfältig in ihren formen und inhalten, sie wird überall gelesen und hat längst angefangen, fremdsprachige texte zu verdängen. leider schlug in letzter zeit die welle der BÄRTIGEN gegen den wind.
umni