Hallo Koschla,
Ich finde, es gibt eine Art von allgemein anerkanntem Dresscode, welcher der jeweiligen Gesellschaft entspricht. Diesem sollten sich Personen, die in öffentlichen Einrichtungen arbeiten, auch anpassen. Muss denn jeder seine Individualität auf Teufelkommraus ausleben? Muss jeder Schwule dies öffentlich durch seine Kleidung oder seinen Ohrschmuck bekunden? Muss ich Bankangestellte mit roten oder grünen Haaren akzeptieren? Muss jeder die absolute Freiheit haben? Ich finde nein.
Jedesmal trifft mich der Schlag, wenn ich aus Marokko zurückkomme und das erstemal wieder in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs bin.
Was treibt Frauen dazu, in aller Öffentlichkeit ihren Männern Pickel auszudrücken?Kürzlich hat doch tatsächlich die Süddeutsche Zeitung die Unsitte des öffentlichen Pickelausdrückens in ihrem Magazin behandelt. Ich hatte ja schon vor Jahren bei Kopftuch-Ganzköperdiskussionen erwogen anstelle einer ausgewogenen Argumentation einen thread zu eröffnen mit dem Titel "Aber ein Kopftuch ist ein Problem" in dem ich alle Beweise für Ganzkörperherumgeknibbel versammeln wollte, die ich schon seit geraumer Zeit begonnen habe mit meinem Fotohandy zu dokumentieren.
Leider ist mir das Fotohandy dann aber abhanden gekommen - weshalb ich der
Süddeutschen Zeitung sehr dankbar bin, daß sie das Thema jetzt aufgegriffen hat.
Ein Nähe-Distanz-ProblemEgal ob entlausen oder Pickel quetschen: Es geht um das Erfolgserlebnis.
Das Leben ist wieder schön, denn der verdammte Sommer ist vorbei. Und damit einer der größten Schrecken der Neuzeit: Frauen, die ihren Männern in aller Öffentlichkeit und in aller Seelenruhe die Pickel ausdrücken. Erst am Rücken, dann auf der Brust, dann am Hals, dann am Kinn, dann in der Ohrmuschel. Vielleicht habe ich in diesem Jahr einfach zu viel an Stränden gelegen, aber meine privaten empirischen Forschungen ergeben: Diese Unsitte nimmt zu, weltweit. Nur: warum? Und: warum so öffentlich?
Mag sein, dass Strände und Schwimmbäder als intime, halb öffentliche Räume empfunden werden, in der die Hemmschwellen tiefergelegt sind. Man liegt halb nackt nebeneinander auf einem Laken, es ist quasi wie zu Hause – also benimmt man sich auch wie zu Hause. Doch warum quetschen Frauen weit jenseits der Pubertät so gern die Mitesser ihrer Männer aus? In einem Onlineforum schrieb eine: »Ich finde Pickel- und Mitesserausdrücken total klasse! Das ist immer so ein Erfolgserlebnis, wenn da was rauskommt.« Doch warum lassen sich das die Männer gefallen? Ist es nicht enteiernd genug für sie, die Handtaschen ihrer Frauen zu tragen oder zum Pilates mitzugehen?
Der Fairness halber muss man zugeben: Die Welt teilt sich in Pickelquetscher und solche, die das unsäglich finden. Erstere sehen es als intimen Vertrauensbeweis, als liebevolle Zuwendung, vergleichbar mit dem gegenseitigen Lausen aus glücklichen Steinzeittagen, die anderen als unerträgliche Grenzüberschreitung, als eine Szene live aus einem Charlotte-Roche-Roman. Der Freiburger Soziologe Matthias Riedel hat das Pickelausdrücken sogar in seine 2008 veröffentlichte Studie über Alltagsberührungen in Paarbeziehungen aufgenommen, als eine von 15 nichtsexuellen Kommunikationsformen neben Streicheln, Kraulen, Kitzeln, Massieren, Füßeln und Händchenhalten. Das verblüffende Ergebnis der Befragung: Nicht nur Frauen drücken beim Partner zu. 15,5 Prozent der Frauen bekannten sich dazu, 14,3 Prozent der Männer. Und es ist offensichtlich eine Generationenfrage.
Bei den unter 29-Jährigen sind es 23 Prozent, bei den 40- bis 49-Jährigen immerhin noch 16 Prozent – und dann setzt jäh der Ekel ein: Bei den über 50-Jährigen quetschen nur noch sechs Prozent die Pickel des Partners aus.
Vielleicht ist das ein Anblick, an den man sich in einer immer distanzloseren Welt gewöhnen muss, ebenso wie an Menschen, die im Auto an der roten Ampel in der Nase popeln oder in der U-Bahn ihre Nägel schneiden. Das Leben wird von Tag zu Tag ein bisschen öffentlicher. Und, seien wir ehrlich, nicht nur schöner.
Mir ist deshalb immer und in jedem Fall ein Ganzkörperschleier lieber, es ist mir auch lieber, wenn Paare gar nicht ständig in der Öffentlichkeit zusammen sind, weil sie sonst zwangsläufig anfangen aneinander herumzuknibbeln: wobei es tatsächlich meistens die Frauen sind, die entweder neckisch einen Kuß einfordern (wehe es sind zwei/drei Minuten Wartezeit irgendwo!), dann die Gelegenheit nutzen und dem Mann einen Arm um den Hals schlingen, ganz Geübte helfen dann dem laschen herunterhängenden Arm des Mannes nach und legen ihn sich hintenrum auf den Rücken, da allerdings fängt dann die Hand an sich von selbst zu bewegen und zwar meistens nach Süden, dort wo die stramme Jeans auch noch ein paar Barrieren bildet, an denen man dann wieder herumknibbeln kann bis die Hand ganz zwischen den Gesässhälften verschwindet: übertroffen wird dieses sich gegenseitig zwischen die Hinterbacken greifen nur noch von Frauen, die sich selbst über den Hintern streicheln - ob das an den Hosen liegt, die man ab einem bestimmten Alter/Größe des Hintern nicht mehr tragen sollte oder aber an der bei Frauen anscheinend allgegenwärtigen Langeweile, die es zu beruhigen gilt: es wird gestrichen was das Zeug hält - kaum beugt man sich auf dem Einwohneramt vor, um sich ein Formular zu angeln, schon vergewissert man sich ob der eigene Hintern noch vorhanden ist. Pärchen laufen im Langeweilemodus prinzipiell mit sich gegenseitig in die Potaschen geklemmten Händen herum: das geht bei einer Djellaba schonmal nicht so richtig gut und wegen der Männer-Frauen-Trennung ist auch das gegenseitige Herumgeknibbel nicht in der Form verbreitet wie es hier um sich gegriffen hat.
Ich nehme mal an, daß die in allen Kulturen verankerte deftige Frauen-Nichtgleichberechtigung auch damit zu tun hat, daß ohne ständiges Herumgeknibbel an den Nachkommen diese keine Überlebenschance hätten - aber Männer bitte nicht das Objekt der Begierde sein wollen und dafür dann die Männer-Frauen-Trennung erfunden haben.
Irgendwie habe ich dafür Verständnis.
Josi