Hallo Najib,
Du sagst es. Was die römisch-katholische oder jede andere, x-beliebige christliche Konfession gesagt hat oder sagt, kann hyper-christliches Getue sein. Die Beurteilung, ob Getue oder nicht, hängt von der individuellen Einstellung des Feststellenden ab. Diese wiederum ist Interpretation der heiligen Schriften. Da unterscheiden sich Christentum und Islam durch nichts: alles ist Interpretation. Und diese ist weder göttlichen Ursprungs, noch ist sie gegen Irrtümer gefeit.
Selbst als Nichtmuslim könnte ich mir erlauben, den Koran zu interpretieren. Gegenmeinungen/Widerlegungen dazu wären auch nicht anderes als Interpretationen, ob vergangene oder derzeitige spielt keine Rolle.
Die Beherrschung der "Originalsprache" der heiligen Schriften gehört zum Standardrepertoire für Religionswissenschaftler, selbst Theologen müssen sich christlicherseits mit Hebräisch und Altgriechisch herumschlagen. Was letztere damit in praxi machen, steht auf einem anderen Blatt. Nur, auch der Wissenschaftler weiß nicht, ob sein Textverständnis identisch mit dem der Schreiber vor hunderten von Jahren ist. Ebensowenig weiß er, ob die einzelnen Wortbedeutungen noch identisch mit den heutigen sind, und schlimmer, er weiß nicht, ob er nicht "Gefangener" vergangener Interpretationen ist. Nehmen wir als Beispiel das arabische Wort "djihad". Gut, dafür gibt es keine exakte deutsche Übertragung, wirklich? Oder gibt es keine, weil sich die arabischen Interpreten über die Wortbedeutung nicht einig sind? Wären sie sich einig, könnte man "djihad" mit drei, von mir aus mit einem Satz übertragen. Daran kann es nicht scheitern.
Dein Beispiel mit Jesu Bergpredigt zieht nicht: sie gibt es nicht (derzeit) auf Aramäisch aus der Zeit. Sollte dieser Text gefunden werden, wird man sehen. Nur, das alte Problem bliebe bestehen: wer garantiert die Richtigkeit von Wortbedeutung und Verständnis? Niemand, also wird interpretiert.
Selbiges trifft mit Sicherheit auch auf den Koran zu: unter dem Kalifen Othman gesammelt und geordnet (unter Vernichtung übriger Versionen, ist das keine Interpretation?). Der erste vollständig erhaltene Koran (Top Kapi) ist zwei Jahrhunderte nach Mohameds Tod geschrieben worden...und vokalisiert. Ältere, unvokalisierte Textversionen gibt es nicht vollständig (z.B. Moschee in Sanaa). Frage: eine Vokalisation, ist das nicht eine Interpretation? Was passiert mit einer Sprache innerhalb zwei Jahrhunderten? Man kann ja vieles glauben, aber wissenschaftlich betrachtet ist das alles sehr bedenklich.
Zum Schluss: Marjams Behauptung, der Koran MÜSSE auf arabisch gelesen werden, ist Unfug und zig-millionenfach widerlegt. Wer sich wissenschaftlich damit auseinandersetzen will, ok, aber sonst? Wenn ich in der Bibel lesen will, benutze ich die Luther-Übersetzung (obwohl ich Altgriechisch auf dem Gymnasium gelernt habe), wissend, dass auch diese Übersezung eine Interpretation ist. Wo ist da das Problem?