Hallo Leute,

ab heute läuft im Alternativ-Kino "mal sehen Kino" ein toller Franz/Maroc Film an.

Anschrift, Beginn etc. findet ihr auf folgender Webseite:http://www.malsehnkino.de/Monat.html

PS: Vielleicht sehen wir uns heute Abend dort!

Do. 14.11. - Di. 19.11. 20.00 Uhr

LOIN - Weit weg (französische OmU)

Von André Téchiné
Mit: Stéphane Rideau, Lubna Azabal, Mohamed Hamaidi

Serge hat als Transportfahrer den Ortswechsel, das Weggehen und Ankommen, zum Beruf gemacht und scheint dabei in einem aussichtslos scheinenden Hin und Her zwischen Marokko und Frankreich, zwischen Gegenwart und Abwesenheit gefangen zu sein. Das läßt auch seine Liebesbeziehung zu Sarah in einer quälenden Schwebe verharren, die Körper der beiden scheinen den Phasen der Trennung und den Momenten leidenschaftlicher Kollision wie einem physikalischen Gesetz unterworfen zu sein.
Sarah wiederum, Betreiberin einer Pension in Tanger, trägt sich mit dem Gedanken, die Pension aufzugeben und zu ihrem Bruder nach Kanada zu gehen. Sie steht unter dem Druck, mit der Freiheit, die sie nach dem Tod ihrer dominanten Mutter gewonnen zu haben meint, wirklich etwas anfangen, ihr Leben endlich in die Hand nehmen zu müssen.
Der in Sarahs Pension arbeitende Said, ein Freund Serges, ist die dritte Hauptfigur in diesem Film; er ist ständig in Bewegung mit seinem Fahrrad. Er stammt aus einer armen Tagelöhnerfamilie, und seine Unrast nährt sich von dem Wunsch wegzukommen, der wie der Hunger seiner Kindheit in ihm arbeitet. Er will nach Frankreich, über Spanien, als Illegaler, egal wie.
Der Film schildert den begrenzten Zeitraum von drei Tagen, genau die drei Tage, die eine Transportfahrt Serge nach Tanger führt, drei Tage, an denen Serge, Sarah und Said versuchen, wieder einmal Klarheit zu schaffen. Said hilft Serge bei der Versöhnung mit Sarah, indem er ein zufälliges Treffen der beiden herbeiführt. Als Gegenleistung hat er Serge das Versprechen abgenötigt, daß er auf dessen Lastwagen als blinder Passagier mitfahren darf, nach Europa. Doch Serge sträubt sich, das gegebene Versprechen einzulösen, da er sich bereits auf einen Deal als Drogenkurier eingelassen hat.
Téchiné gelingt es, in die Verwicklungen der drei Hauptfiguren noch eine Menge weiterer Figuren zwanglos einzubinden, Figuren zwischen den Welten, zwischen Kommen und Gehen, zwischen gestern und heute. Mit dem Schriftsteller James etwa, dessen Figur Paul Bowles nachempfunden ist, verdeutlicht Téchiné, daß das alte, von Existentialisten, Beatniks und Kiffern geprägte Bild von Tanger und vom Leben in der Fremde dort sich mittlerweile überlebt hat. Andere Geschichten schieben sich nach vorne, Geschichten aus einer Stadt des Transitverkehrs, des Umschlags von Waren und Menschen zwischen Dritter und Erster Welt. Geschichten, in denen Designerhemden eine Rolle spielen, die aus importierten Stoffen in Marokko billig hergestellt und dann wieder nach Frankreich exportiert werden, Geschichten von Menschen wie Said und denen, die sich zu den Parkplätzen begeben, wo die LKWs stehen, die auf die Fähren eingeschifft werden. Dort lauern sie auf eine Gelegenheit, durch die Polizei und Zollkontrollen zu kommen und als blinde Passagiere auf die LKWs gelangen.
Das alles versteht Téchiné wie nebenbei einzubauen, ohne damit seinen Figuren Botschaften aufzuhalsen. Er versteht darüber hinaus, die Stadt als physisch präsente Räumlichkeit erstehen zu lassen, in einigen eindringlichen Fahrten, die an die Raum und Milieu erschließende Kraft erinnern, die die Kamera in seinen früheren Filmen hatte. Auf diese Art bilden die Figuren und ihre Geschichten, bilden die Nebenfiguren und der Ort, an dem sie alle leben, eine beweglich-bewegte Einheit, ein Ineinander und Nebeneinander, das sich selbst zu tragen und zu halten scheint.


Immer, wenn man die Meinung der Mehrheit teilt, ist es Zeit, sich zu besinnen.
(Mark Twain)