In dieser Geschichte, die ich im Internet ganz zufällig gefunden habe, geht es um einen Deutschen, der sich in Deutschland wegen dem Werteverlust in der Gesellschaft nicht wohl fühlt und eine Reise in verschiedene Länder unternehmt! Ich glaube, in der Geschichte wird sich manch Deutscher oder vielleicht sogar auch Marokkaner aus dem Forum wiederfinden! Die erste Station des Erzählers ist Marokko..! Er berichtet von interssanten Begegnungen mit Einheimischen und dem Andrehen von Haschich! Haschich, welches er dem Marokkaner Abdul, aufgrund seines schlechten Gewissens und aus Höfflichkeit, abkauft!
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Die Wüstenvölker sind dem Gutsein näher als sesshafte Völker, weil sie dem Urzustand näher sind und ferner von den üblen Gewohnheiten, die die Herzen der Sesshaften verdorben haben. Ibn Chaldun, Muqaddimah
Kulturschock! Es war später Herbst, alles lag im Sterben. Die Straßen schienen mir wie ausgestorben, man sah nur Autos, kaum Menschen. Bei meinen alten Kumpels hatte sich eigentlich nichts getan, alles dümpelte in stiller Gewohnheit vor sich hin. Auch mit meinen Eltern fingen nach kurzer Zeit die alten Diskussionen wieder an. Mir war schnell klar, ich war hier nur auf Urlaub, ich konnte es hier auf keinen Fall lange aushalten, denn hier fühlte ich mich der Apokalypse immer besonders nahe. Vielleicht kam es daher, weil ich hier geboren war, und mir der ganze Mief so vertraut war, und in anderen Ländern fiel es mir nur nicht so auf. Oder weil so vieles von meiner Vergangenheit hier steckte, mit der ich eigentlich abschließen wollte, um mal zu neuen Ufern zu gelangen. Und doch meinte ich auch rein objektiv kein Land zu kennen, in dem die Rationalität schlimmer wütete als hier, und das praktische, planerische Denken so alles durchdrungen hatte. Das Land mit den meisten Verkehrsampeln pro Einwohner! Mir fiel auf, dass man sich hier wer weiß wie oft am Tag im Spiegel besah, in Auto oder Fensterscheiben. Der Selbstbespiegelung und Selbstvergötterung wurde hier gefrönt! Wer war der Schönste, Klügste, Beste, fuhr den größten Wagen, hatte das schönste Haus? Auch die Kinder wurden in das eitle Spiel hineingezogen und frühzeitig infiziert; man wollte den Nachbarn doch gerne ein Bübchen präsentieren, auf dessen Leistungen man stolz sein konnte.
Eine einzige lieblose Fassadenmalerei!
Ich fühlte leider nur zu gut, dass ich von dieser Krankheit auch schwer gezeichnet war, doch hier verschlimmerte sie sich. Man konnte den Spiegeln nicht entkommen. Ein täglich hundertfacher Sündenfall!
Zieht aus ihr, mein Volk, damit ihr nicht teilnehmt an ihren Sünden und nicht teilhaftig werdet ihrer Plagen*... Tuareg! Die ihr Gesicht verschleiern! Die Leere der Wüste! Die Leere des Spiegels! Tamanrasset! Vielleicht hatte Jan ja recht gehabt, similia similibus curantur! Der Pass musste mir helfen, dorthin zu kommen, wo ich keinen mehr brauchte, wo ich meine Identität und mein Selbst vergessen konnte! Ich hatte noch etwas Geld und die Leber war auch wieder fit, also: schnell weg hier! Ich ging zum Bahnhof, nahm einen Zug nach Algeciras, und stand bald wieder vor der marokkanischen Grenze.
Haschisch Du möchtest, dass ich es dir beschreibe, damit du anfangen kannst darüber nachzudenken, so wie du es mit allen anderen Sachen tust. Aber “Sehen" hat mit Denken gar nichts zu tun, darum kann ich dir nicht sagen, wie es ist, wenn man sieht.Carlos Castaneda, Reise nach Ixtlan
Kurz vor der marokkanischen Grenze wurde ich angequatscht: “Aus Deutschland? Na so ein Zufall, ich habe Bekannte in Heidelberg, blablabla..."
“Jaja, interessant!"
Ich stieg in ein Taxi, das nach Tetouan fuhr. Neben mir saß ein junger Mann mit sympathischem Gesicht, der sich schüchtern nach meinem Fahrziel erkundigte. Wie rein zufällig kamen wir auf Haschisch zu sprechen, und der Fremde erzählte, seine Familie wohnte im Rif und produzierte welches. Interessiert fragte ich nach ein paar Details und der Mann gab bereitwillig Auskunft. Ob er mir das Hotel eines Freundes empfehlen dürfte?
“Warum nicht, ich kann es mir ja mal anschauen.”
In Tetouan führte er mich durch ein Labyrinth von kleinen Gassen und verwinkelten Plätzen, so dass ich bald völlig die Orientierung verloren hatte. Eine geheimnisvolle Welt, aber weil für mich undurchschaubar, auch irgendwie bedrohlich. Die Angst vor dem Unbekannten! Das Hotel sah gut aus, der Preis schien auch okay zu sein. Abdul, so hieß mein Führer, bestellte ein erstklassiges Frühstück, drehte einen Joint bester Qualität und als ich mich gerade behaglich zurücklehnte und so richtig schön stoned wurde, fragte er mich, wie viel Kilos ich denn kaufen wollte.
“Wie viel Kilos?" Ich glaubte nicht richtig gehört zu haben. “Ich will erst mal gar nichts kaufen, schon gar keine Kilos!"
“Wie bitte, worüber haben wir uns denn die ganze Zeit unterhalten?"
“Na und, das verpflichtet mich doch zu nichts!"
“Ach so, meinst du? Willst du mit mir scherzen, Spielchen treiben oder was?" Er sah schwer beleidigt und wütend aus.
“Es tut mir leid, du hast das wohl missverstanden!"
“Es tut mir leid, es tut mir leid!" äffte er mich nach. “Du rauchst mein Haschisch, und das tut dir leid? Du sagst mir jetzt wie viel du kaufen willst, oder du bekommst große Probleme!" Er fasste wie rein zufällig hinten an seine Hose, als ob da ein Messer steckte.
Ich überlegte blitzschnell was ich tun konnte. Was war, wenn ich schrie? Das Hotel gehörte einem Freund von Abdul, der steckte wahrscheinlich mit ihm unter einer Decke! Der Lärm der Gasse dröhnte herauf, unwahrscheinlich, dass da jemand meinen Schrei groß beachtet hätte! Auf einen Kampf mit Messer einlassen wegen des Geldes? Mist, dachte ich, durch meine ersten Bekanntschaften mit Marokkanern war ich zu vertrauensselig geworden! Jetzt saß ich in der Falle!
Ich kramte einen Blauen hervor, mangels kleinerer Scheine, und dachte dabei, das ich ein ganz schöner Idiot war!
“Das reicht nicht!"
“Das reicht! Wenn du mehr willst, komm es dir holen!" Meine Stimme klang trotzig und wütend.
“Ich kann dir alles abnehmen, wenn ich will!" sagte Abdul mit einem siegesgewissen Lächeln.
“Qu'ullhu allahu ahad, allahussamad, lam yalid, wa lam yulad, wa lam yakullahu kufuan ahad!"
Abdul guckte erstaunt: “Wo hast du das gelernt?"
Ich erzählte von meiner Begegnung mit den Bauarbeitern.
“Hier, dreh' noch einen." Er warf mir ein Stück Hasch zu, stand auf und öffnete die Tür, um noch Tee zu bestellen. Ich ging hinter ihm her und fragte nach dem Weg zum Klo. Als ich von dort zurückkehrte, redete Abdul gerade mit dem Zimmerwirt. Er lächelt mich an: “Aschado allah ilaha illallah!"
“Wa aschado ana Mohammadarrassulallah", ergänzte ich das Glaubensbekenntnis.
“Jaaa", Abdul umarmte mich herzlich, und wir grinsten alle drei.
Wenn ich aber glaubte, ich hätte jetzt mein Geld wiederbekommen, hatte ich mich geschnitten. Das Spiel hatte ich verloren, und wir beide wussten das. Nun gut, Lehrgeld bezahlt! Die blöden Europäer hatten es ja! Wollte man Moralaposteln? Das Spiel mit der Angst: Wer Angst hat, verliert!
Ich machte einen Spaziergang durch die Souks. Es gab unglaublich viel zu sehen, und ich kam mir ein bisschen vor wie in einem arabischen Märchen. Die Atmosphäre litt allerdings durch die ganzen Nepper und Schlepper, die ich fast ständig am Bein kleben hatte. Ich wusste leider noch keine Zauberformel, um sie zu verscheuchen. Einer von ihnen stellte sich mit Said vor, und als er sah, dass ich das Spiel schon kannte, ihn aber trotzdem gutmütigerweise zum Tee einlud, erzählte er mir im Vertrauen, dass die Polizei Bescheid wüsste und ihre Prozente bekäme: “Solange den Touris nichts geschieht, ist denen die Abzockerei nur recht.”
Zurück im Hotel bestellte ich Tee und machte es mir bei einem Joint bequem. Abdul erschien mit einem Australier und fragte mich, ob ich etwas dagegen hätte, wenn der hier auch in dem Zimmer schlafen würde. Dabei zwinkerte er mir verschwörerisch zu, und ich freute mich schon auf das kommende Theaterspiel, und natürlich auch darüber, dass ich nicht der einzige Depp war.
Abdul spielte wirklich filmreif.
Dem Australier erging es genauso wie mir und war ebenso vor den Kopf gestoßen, als Abdul mit seiner Forderung herausrückte. Auch der Australier versuchte, die Situation zu analysieren, aber mangels Daten versagte hier das rational geschulte Denken, die Situation war undurchschaubar und flößte Angst ein, die Instinkte waren wirkungslos. Dagegen war Abdul hellwach und nutzte jede Unsicherheit des Gegners, um diesen noch mehr einzuschüchtern. Zwischendurch zwinkerte er mir immer mal zu, und ich konnte mir das Lachen kaum verkneifen.
Der Australier war jetzt in seiner Angst gefangen, hypnotisiert wie ein Kaninchen vor der Schlange, konnte die reelle Situation gar nicht überblicken, aber trotzdem zögerte er noch. Doch Abdul versetzte ihm nun den Todesstoß, wie der Matador einem sauber ausgerichteten Stier.
“So you don't want to pay?" fragte er mitleidig und dann, so als ob ihm selber gar keine Wahl bliebe und er es gewiss nicht gerne täte : “Then we have to speak with hands!"
“So you want to give me a hard time?"
“I have to! You smoked my hashisch!"
Diese Logik erschien in dieser Situation recht einleuchtend, und so fügte sich der Australier schließlich ins Unvermeidliche und rückte mit Geld heraus. Er hatte Glück, dass ich im Zimmer saß, das nahm ihm etwas die Angst, sonst wäre er wohl noch erheblich mehr los geworden. Auch bei ihm stellte sich nach einer gewissen Zahlung der Trotz ein, und Abdul sah auch genau, wann nichts mehr aus ihm herauszuholen war.
Als Abdul verschwunden war, bot ich dem Australier einen Joint an und sagte entschuldigend, ich hätte nicht interveniert, damit er eine sehr wichtige Erfahrung nicht verpasste. Außerdem hätte Abdul mich selber auch schon reingelegt, und ich hätte meinen Spaß an der Vorstellung gehabt. “Take it to experience!" sagte ich und bat ihn, Abdul nicht sauer zu sein, der wäre im Grunde kein schlechter Kerl: “Aber was sollen die Marrokaner schon von den ganzen Deppen mit den dicken Brieftaschen denken, die hier durch ihr Land pilgern, das früher von den Europäern rücksichtslos ausgebeutet wurde? Klar, dass diese Abzockerei nicht gerade die feine Art ist, aber Verständnis kann man schon haben. Für die Kohle, die wir Abdul heute schon in den Rachen geschmissen haben, müsste er sonst über einen Monat im Schweiße seines Angesichts schuften!”
Als ob er bestätigen wollte, dass er kein wirklicher Bösewicht war, kam Abdul mit Sandwichs wieder und rückte dann auch noch ein Stück Pollen raus. Dann zwinkerte er mir noch einmal zu und machte sich wieder auf den Weg, wohl zu seinem nächsten Kunden. Der Australier war inzwischen aufgetaut, der Verlust hatte sich in Grenzen gehalten, und er fing an zu entspannen. Er hieß Thomas, war Schreiner und kam aus Neusüdwales. Er war schon durch halb Europa gereist und wollte jetzt zum Ausklang seines Urlaubs noch in Marokko vorbeischauen: “Das ist schon eine fremde Welt hier! Der Sprung von Skandinavien nach Südspanien ist nicht so weit, wie der die paar Kilometer übers Meer!”
Wir machten zusammen einen Spaziergang durch die Innenstadt, wobei wir Said trafen, den wir zum Essen einluden. Der hielt mir ein Stück Hasch unter die Nase und fragte mich auf französisch, so dass es der Australier nicht verstehen konnte, ob ich wüsste, wie viel man hier dafür bezahlte.
“Fünf Dihram!”
“Du kennst also die Preise”, stellte er fest und schaute zu dem Australier herüber, der sich gerade einen Schneider betrachtete, wie der geschickt den Stoff einer Djellabah zusammennähte. “Dein Freund?”
“Ich habe ihn vor einer Stunde kennengelernt.”
“Was dagegen, wenn ich ein kleines Geschäft mit ihm mache?” fragte er verschwörerisch.
“Nur zu, ich bin nicht sein Kindermädchen.”
Said holte eine Tüte Kiff aus der Hosentasche, ließ mich daran riechen und fragte mich auf Englisch: “Na, was meinst Du?”
Ich musste mir ein Lächeln verkneifen und spielte mit: “Smells nice! Good stuff!”
Thomas guckte interessiert herüber. Said schaute sich um, so als ob er sich vergewissern wollte, dass kein Unbefugter es bemerkte, und hielt auch dem Australier das Beutelchen unter die Nase, so als ob er ihn in ein Geheimnis einweihte: “What do you think?”
“Looks allright”, sagte Thomas, der offensichtlich keine Ahnung hatte.
“Wanna by it?”
“How much is it?”
“150 Dirhams!”
“That´s sounds expensive to me!” Immerhin wusste er wohl, dass der erste Preis immer überteuert war.
“So how much do you want to pay for it?”
“I don´t wanna bye it!” Der Australier war seit der Geschichte mit Abdul misstrauisch geworden und fühlte sich wohl bedrängt. Doch ich war allmählich auf den Geschmack gekommen und wollte mich auch im Theaterspielen üben. Dem armen Said konnte man ja auch mal ´nen kleinen Deal gönnen! War doch kein Geld für den Aussie! In Australien bezahlte er dasselbe!
“Ich würde jetzt was kaufen”, mischte ich mich ein, “haste hinterher keinen Ärger mehr damit! Said ist ein guter Kerl, und wer weiß, an wen du später gerätst.”
Das gab dem Aussie zu denken und kühn schlug er als Gegenangebot 100 DH vor. Said schien entrüstet, so als ob man seine Gutmütigkeit hier ausnutzen wollte, wo er doch ein freundschaftliches Angebot gemacht hatte. Aber nett wie er war, ging er wirklich noch 30 DH runter, und der Handel war perfekt.
“Merci!” sagte Said mit einem Augenzwinkern zu mir, als wir uns kurz darauf verabschiedeten.
Als Thomas erfuhr, dass ich weiter nach Tleta de Oued-Laou wollte, war er nicht abgeneigt mitzukommen. Und so machten wir uns am nächsten Morgen auf zu diesem Städtchen, das recht hübsch am Mittelmeer und nicht weit vom Rifgebirge entfernt lag. Es gab nur ein einziges Hotel, so dass die Auswahl nicht schwer fiel. Ich lernte allerdings am nächsten Tag Achmed kennen, der mir ein kleines Häuschen vermietete, das sogar weniger kostete als das Hotelzimmer. Ein ruhiger Platz, an dem ich mich gut an das so fremde marokkanische Leben gewöhnen konnte. Ich machte manche nette Bekanntschaft und wurde auch bald von den Neppern verschont, die hauptsächlich ums Hotel herumstreunten und auf eine günstige Gelegenheit warteten, einen Touri übers Ohr zu hauen.
Donnerstag war Markttag, das gesellschaftliche Ereignis der Woche, an dem aus den umliegenden Bergen die Bauern auf ihren Eseln und Pferden, mit Bussen und wenigen Autos herangeströmt kamen. Sogar einen Knast gab es, ein niedliches quadratisches Gebäude mit sehr hübsch geschmiedeten Gittern. Das hügelige Umland wurde größtenteils landwirtschaftlich genutzt und mit Pferd oder Ochse bearbeitet. Die Rufe der Bauern, die ihre Tiere dabei antrieben, und der Ruf des Muezzin zu den Gebetszeiten waren neben den seltenen Lkws die einzigen nennenswerten Geräuschquellen. Ansonsten herrschte hier Ruhe und Stille, und meine Fahrt nach Algerien wurde mir immer unwichtiger. Ich fing wieder an zu malen und lernte arabisch. Außerdem zog ich um zu Achmeds Bruder Abdel, den ich auf einem meiner Spaziergänge am Strand kennenlernte, als Abdel gerade ein Boot anstrich. Abdels Haus lag auf einer leichten Anhöhe. Von dort sah man den ganzen kilometerlangen Sandstrand entlang und auf den malerischen Ort, bekam die Sonnenaufgänge über dem Meer mit und hatte einen phantastischen Panoramablick auf die Berge des Rif. Abdels junge Frau kochte ausgezeichnet, und so lernte ich bald die gesamte regionale Küche kennen.
Einmal gingen Abdul und ich in ein 15km entferntes Dorf, um Haschisch einzukaufen. Statt dem üblichen Gemüse und Weizen sah man überall Cannabis auf den Feldern. Wir gingen zu einem Bekannten Abdels und kauften dort einige Pflanzen ein, von denen Abdel die Blüten abrupfte und diese über einem Tuch zerkrümelte, das straff über einer Schüssel gespannt war. Dann fing er vorsichtig an, mit zwei Stöckchen auf die Blüten zu schlagen. Nach einer Weile nahm er das Tuch wieder ab, und man sah am Boden der Schüssel den durchgerieselten Pollen. Er wischte den Pollen zusammen und presste daraus eine Kugel; fertig war das Haschisch! Er spannte erneut das Tuch auf die Schüssel, nahm nochmals die gleichen Blüten, und klopfte diesmal etwas stärker. Mir wurde erklärt, dass das beim ersten Durchgang gewonnene Haschisch der ZeroZero wäre. Danach nähme die Qualität ab, man hätte dann erste, zweite, oder sogar dritte Qualität. Normalerweise würde aber nach dem dritten Durchgang der Rest der Pflanze zu Kiff verhäkselt.
Abdel wurde jetzt ungeduldig, zerrieb die Blüten mit der Hand und scherte sich nicht mehr um die verschiedenen Qualitäten, denn es war ja für den Eigenverbrauch. Den Rest der Pflanzen ließen wir liegen, obwohl das in Europa noch als erstklassiges Gras über den Tisch gegangen wäre. Auf dem Heimweg mieden wir die Straße und gingen lieber auf schmalen Eselswegen, um keiner Polizeistreife in die Arme zu laufen, denn der Anbau von Cannabis war zwar seltsamerweise legal, Besitz und Handel waren es aber nicht.
Abdel erzählte, wie er früher mit dem Motorboot die Kilos nach Spanien geschmuggelt hatte. Aber seit er verheiratet war, und seine Frau jetzt auch schon ein Kind erwartete, hätte er es drangegeben. Er arbeitete jetzt als Elektroinstallateur, wollte aber sein Haus langsam zu einem Hotel-Restaurant umbauen. Ich ließ mir am nächsten Tag Abdels Idee noch einmal durch den Kopf gehen, und Abdel erklärte mir, wie er sich den Ausbau gedacht hatte, nämlich den Hang terrassenförmig bebauen, so dass jedes Zimmer eine Terrasse mit Meeresblick bekäme. Mir war sofort klar, dass das ein genialer Gedanke war. Die Lage hier, unweit der Straße nach Tetouan, mit dem Panoramablick über die ganze Küste und aufs Rif, keine 150m vom Strand, weit genug vom Ort entfernt, um von den Neppern geschützt zu sein, mit genug Land, um den Betrieb weiter auszubauen: einfach optimal!
Als Abdel sah, dass ich mich für die Idee begeisterte, fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, sein Partner zu werden: “Du brauchst nicht viel zu tun, könntest zum Beispiel das Management übernehmen, weil du den Geschmack der Europäer ja besser kennst. Vor allem haben die Touristen zu einem Europäer mehr Vertrauen! Du könntest deine Verbindungen zu Europa nutzen und die Werbetrommel rühren. Natürlich käme auch Startkapital für das Baumaterial ganz gelegen, das Land ist ja schon bezahlt. So um die 3000,-DM müssten wohl ausreichen! Und um ein Visum brauchst du dir keine Sorgen machen, mit ein bisschen Geld ist das schon zu regeln. Am besten wirst du natürlich Muslim, und wir gehen dann mal eine Frau für dich suchen, eine Heirat ist nicht so teuer hier.”
Was für witzige Ideen Abdel da hatte! Eine Frau wollte ich mir natürlich nicht besorgen gehen, und Muslim wäre ich vielleicht gerne geworden, hätte ich nicht geglaubt, dass Gott eine andere Buße von mir erwartete. Aber Abdels Partner werden? Sein Angebot hatte ehrlich geklungen. So wie ich ihn jetzt kannte, hatte er mich nicht angelogen!
Das wäre schon cool! Ich könnte in aller Ruhe Bilder malen; man könnte Pferde für die Touris besorgen und über den Strand galoppieren, ein Boot klarmachen und man würde bestimmt eine Menge interessanter Leute kennenlernen, was ja zu wer weiß was für Möglichkeiten führen könnte. Waren hier doch gestern schon Franzosen mit einem PKW-Konvoi vorbeigekommen, um damit in den Niger zu fahren. Warum nicht einfach mitfahren?
Mir kamen viele Ideen, was man alles mit dem Projekt machen könnte. Die Finanzierung schien kein großes Problem zu sein, erwartete ich doch für nächstes Jahr eine kleine Erbschaft von Omi. Wenn ich meinem Vater die Sache schilderte, streckte der mir sicher das Geld vor.
Ich griff zu Hacke und Schaufel und fing schon mal begeistert an zu wühlen, dass die Schollen nur so flogen, aber Abdel riet mir, langsam zu tun: “Wenn ein Ausländer hier arbeitet, kommt es schnell zum Gerede! Ich muss erst mal alles abklären. Außerdem müssen wir Morgen ja auch noch etwas zu tun haben.”
Ich entwarf einen Vertrag, auch wenn ich mir eigentlich sicher war, dass Abdel mich nicht betrügen wollte, aber bei Geld hörte ja bekanntlich die Freundschaft auf! In dem Vertrag setzte ich die allgemeinen Bedingungen fest und forderte auch Abdels Unterschrift und die des Dorfpolizisten als Zeugen. Als Abdel sich den Vertrag durch las, sah ich sein Gesicht aufleuchten, und der Test war bestanden. Er meinte es wirklich ehrlich! Ich schrieb meinem Vater einen Brief und erklärte ihm die Situation. Etwas unwohl wurde mir auf einmal schon dabei, wie alles so am Schnürchen zu klappen schien. Das war ja schon zu gut! “Das soll alles dir gehören, wenn du mir folgst...”, sprach der Teufel zu Jesus in der Wüste!
Mit der Zeit festigte sich dann die Überzeugung, dass dies eine Versuchung und ein Test für mich war. Aber ich hatte ja Abdel schon mein Wort gegeben und den Pakt bereits geschlossen, wie konnte ich mich denn jetzt der Verpflichtung wieder entziehen?
Und so kam mir die Idee, wieder meinen Pass zu verbrennen und meine abgebrochene Reise nach Tamanrasset weiter fortzusetzen. Denn ohne Pass würde mich Abdel wohl kaum hier behalten wollen. Es konnte auch kein Zufall sein, dass heute Heiligabend war, und so zündete ich mit dem guten Gefühl, dass alles so kommen sollte, um mich auf das alte Gleis zurückzubringen, meinen Pass an. Gerade als das Papier munter vor sich hin loderte, kam Abdel vorbei und fragte, was ich da machte.
“Ich verbrenne meinen Pass!"
Abdel glotzte auf die Flammen und brachte nur ein “Ach so" heraus. Er konnte überhaupt nicht begreifen, was ablief. Erst nach einer ganzen Weile fing er an zu schimpfen: “Was machst du da eigentlich, spinnst du?"
“Tut mir leid, aber ich kann es dir nicht erklären, du würdest es nicht verstehen. Es hat etwas mit meiner Philosophie zu tun."
“Nee, das kann ich wirklich nicht verstehen. Ich dachte, du wolltest mein Partner sein. Denkst du, du könntest hier bleiben ohne Pass? Ich bin verheiratet und möchte keinen Ärger haben!"
“Dann ist es wohl besser, wenn ich gehe?!"
Er sagte nichts, denn was sollte er schon sagen? Er hatte recht, wenn er sauer war.
Am nächsten Morgen nahm ich meine Djellabah und mein restliches Geld und verabschiedete mich. Ich sagte Abdel, ich wollte meinem Vater schreiben. Der sollte das Geld weiterhin in Raten überweisen, dann könnte das Hotel auch ohne mich gebaut werden. “Insyaallah", sagte Abdel leise, gab mir noch etwas Geld mit auf den Weg und drückt mir die Hand.
“Es tut mir leid, Abdel...”, dachte ich.
Wüstenwind ...und du wirst finden, dass den Gläubigen diejenigen, welche sprechen: “Wir sind Nazarener", am freundlichsten gegenüberstehen. Solches, dieweil unter ihnen Priester und Mönche sind, und weil sie nicht hoffärtig sind. Und wenn sie hören, was hinabgesandt ward zum Gesandten, siehst du ihre Augen von Tränen überfließen infolge der Wahrheit, die sie darin erkennen...Koran, Der Tisch 82-83
Und so zog ich los, wieder ohne Gepäck, eingehüllt in meine Djellabah, die mir gleichzeitig als Tarnung und Schlafsack dienen sollte. Sie war sehr warm, und wenn ich die Kapuze überwarf, vermutete bestimmt niemand, dass ein Europäer daruntersteckte. Ich wendete mich erst Chechaouen zu und benutzte, solange es ging, Eselswege, bis dann die Straße durch das tief eingeschnittene Tal des Oued-Laou führte. Es herrschte aber nicht viel Verkehr. Kam mal ein Auto vorbei, konnte ich in aller Seelenruhe die Kapuze überwerfen, ich hörte es ja rechtzeitig. Ich merkte bald, dass die Djellabah Gold wert war, denn selbst als es nachts schon sehr kalt wurde, ließ es sich damit immer noch aushalten. Wenn es jedoch tagsüber heiß wurde, isolierte sie auch gegen die Hitze.
Ich kam nur selten an Cafés vorbei, wo man sich etwas zu essen hätte kaufen können. Aber ich erfuhr bald, dass ich im Grunde jeden fragen konnte, wo man denn Brot finden könnte; ich wurde normalerweise sofort eingeladen. Es galt als unschicklich für einen Muslim, jemand anderen um etwas zu bitten. Aber so fragte man ja nur um eine Auskunft, und es war die Pflicht eines Muslims, einen Reisenden gastfreundlich aufzunehmen.
Obligatorisch war der Tee, der immer in einem kleinen Zeremoniell zubereitet wurde, und diese Ehre wurde meist den Älteren überlassen. Dann gab es Brot mit Olivenöl, Tajine, Couscous, gebratenen Fisch, Suppe oder sonstiges. Als Dessert wurde mir oft, jedenfalls solange ich in der Nähe des Rifs war, etwas zu kiffen angeboten.
Ich war seltsamerweise froh, noch nicht soviel arabisch gelernt zu haben, denn dadurch hatte ich mehr Ruhe vor misstrauischer Fragerei. Da der Verstand nicht genügend Informationen bekam, um groß ins Grübeln zu geraten, mussten sich die Leute auf ihren Instinkt verlassen, der ihnen wohl sagte, dass ich okay war. Traf ich hingegen auf französischsprechende Leute, fing in der Regel ein kleiner Stierkampf an. Ich versuchte, den Leuten ein rotes Tuch hinzuhalten und die Fragerei abzuwehren.
“Aus welchem Land kommst du?"
“Ich habe früher in Deutschland gelebt."
“Hast du einen Pass?"
“Wie könnte ich ohne Pass nach Marokko einreisen?"
“Weiß nicht, aber hast du einen?"
“Warum interessiert dich das?"
Ich musste genügend Fragen abwehren, bis es unschicklich wurde, weiterzufragen. Aber ich wunderte mich, dass mich so viele Leute nach meinen Papieren fragten, wo das in Deutschland doch niemanden interessierte. Für einen Räuber oder Spion werden sie mich doch wohl kaum gehalten haben?
Ich umging Chechaouen und fand bald genügend kleine Pfade, die mich weiter nach Süden brachten. Kam ich zu größeren Ansiedlungen, versteckte ich mich unter meiner Kapuze und ging gemächlichen Schrittes, so als ob ich ein alter Mann wäre. Nur bei abgelegeneren Höfen lief ich nicht inkognito, hatte ich doch die Hoffnung, wieder einmal zum Essen eingeladen zu werden. Denn einen Europäer hatten die Leute ja nicht alle Tage zu Gast!
Ich kam durch Gebiete, in denen das Cannabis als Unkraut am Wegesrand wuchs und mir die Leute das Hasch kiloweise unter die Nase hielten, weil sie glaubten, deshalb wäre ich hier. In manchen Dörfern schien die Zeit stillgestanden zu sein, und ich kam mir vor wie in einem vergessenen Zeitalter. Ich verlor immer mehr den Bezug zu meiner Vergangenheit, tauchte in eine fremde Welt ein, obwohl sie mir auf eine unerklärliche Art auch sehr vertraut war. Vielleicht, weil dieses einfache Leben den Menschen schon seit Urzeiten begleitet hatte.
Ich lief durch große Eichenwälder und war erstaunt, denn solche Wälder hatte ich in Marokko gar nicht erwartet! Einmal kamen plötzlich zwei große wütende Hunde auf mich losgestürzt, und einer biss mir in die Ferse, die glücklicherweise durch den Schuh geschützt war. Ich bückte mich schnell, um einen Stein aufzuheben, als es plötzlich mit einem Krachen meinen Hosenboden in zwei Teile zerriss. Ich war stocksauer auf die Viecher, die, kaum das ich mich gebückt hatte, bereits die Flucht ergriffen hatten, und mich nur noch aus respektvoller Entfernung blöde ankläfften.
Der Wald wurde abgelöst durch eine landwirtschaftliche Hügelgegend, in der kleine Dörfer und Gehöfte verstreut lagen. Was für eine Herzlichkeit mir hier entgegengebracht wurde! In Spanien war mir schon viel Gutes getan worden, aber verglichen hiermit war das ein wirkliches Almosen gewesen. Dort war ich der Bettler gewesen, dem man eine mildtätige Gabe gespendet hatte. Hier war ich ein Gast, dem voller Stolz der Araberhengst vorgeführt wurde. Diese Freundlichkeit erschien so selbstverständlich und natürlich, dass ich nicht glauben konnte, dass sie mir nur deshalb entgegengebracht wurde, weil ich Europäer war. Wenn ich dabei an die Fremdenfeindlichkeit in meinem eigenem Land dachte wurde mir ganz merkwürdig zumute.
Ich hielt mich Richtung Fés, drehte aber dann irgendwann nach Osten ab. Öfters konnte ich an Kreuzungen Gendarme und Straßensperren beobachten, aber auf den schmalen Pfaden fühlte ich mich sicher. Wenn mich die Leute fragten, wohin ich denn wollte, sagte ich ihnen, dass ich auf dem Weg nach Oujda wäre, das an der algerischen Grenze lag.
“Was, so weit? Und alles zu Fuß?"
“Insyaallah! So lerne ich das Land besser kennen!"
Ich redete oft mit den Leuten über Religion, und sie waren erstaunt, dass ich die ganzen Geschichten von Abraham, Noah und Moses kannte, und waren sehr erfreut, wenn ich das Glaubensbekenntnis und die 112. Sure rezitierte; sie glaubten wohl, ich wäre kurz davor, Muslim zu werden. Aber ich glaubte nach wie vor, dass meine Buße anders auszusehen hatte, als die der Muslime. Seit längerem wusch ich mich nicht mehr und aß mit der linken Hand, wobei ich fast vor Scham verging. Aber selbst das konnte der Freundlichkeit der Menschen keinen Abbruch tun.
Für drei Tage stellte ich völlig das Sprechen ein und stellte mich stumm, um auszuprobieren, ob ich denn noch auf das Reden angewiesen wäre. Mir wurde eine Herzlichkeit zuteil, die kaum noch zu ertragen war! Mir wurde das Essen im wahrsten Sinne des Wortes in den Mund geschoben, und ich verriet mich beinahe, als ich sagen wollte: langsam, langsam; ich wurde gedrückt und getätschelt. Es war unfasslich! Auf eine Art fühlte ich mich elend dabei, denn ich konnte diese Liebe in diesem Maße gar nicht erwidern. Ich fühlte mich dieser Liebe unwürdig! Ein Gefühlskrüppel, von dem ein Teil des Herzens schon erkaltet war!
Langsam wurde die Gegend immer öder, geriet ich immer öfter in wüstenhafte Gebiete, wo man nur den Wind hörte. Wie weit waren früher die Eremiten in die Ödnis vorgedrungen? Was für ein Vertrauen musste Moses besessen haben, damit er ein ganzes Volk durchs Nichts führte? Sicherlich wäre der heutzutage als verrückt weggesperrt worden, wenn er seine Absicht kundgetan hätte, mit mehreren tausend Menschen durch die Wüste zu gehen in der Hoffnung, dass Gott das Manna vom Himmel regnen lässt!”
An einem Flusslauf mit Olivenhainen und kleineren Gehöften wurde ich wieder in eine Hütte eingeladen. Mir wurde ein Bad angeboten, und ich nahm es als ein Geschenk Gottes und brach meine Bußphase ab. Auch aß ich wieder mit der rechten Hand. Mein Gastgeber wollte unbedingt, als ich ihn auf Zeichensprache um Nadel und Faden fragte, meine zerrissene Hose nähen. Ich sollte mich lieber inzwischen rasieren.
Als ich am nächsten Morgen weiter meines Weges zog, traf ich drei Jugendliche, die etwas französisch sprachen.
“Wohin willst du?" fragten sie.
“Richtung Oujda!"
“Warum nimmst du nicht den LKW?"
“Ich will zu Fuß gehen!"
“Zu Fuß? Hier durch die Wüste? Da kommt doch nichts mehr! Nimm lieber die Straße!"
“Insyaallah werde ich noch etwas finden!"
“Na dann, viel Glück!"
Ich zog ohne große Bedenken weiter. Hier war noch nicht die Sahara. Es war Winter und wurde tagsüber nicht so heiß. Ein paar Tage hatte ich sicher Kredit.
Kein Leben zeigte sich hier. Soweit man sehen konnte nur braune, graue oder beigefarbene Hügel und steinige Ebenen. Ich fühlte mich wie in einem riesigen Ozean, auf dem sich der Horizont endlos ausdehnte. Eine nicht zu beschreibende Freude und ein Gefühl von Freiheit stiegen in mir auf. Hier herrschte die Ewigkeit! Ich lief den ganzen Tag wie in einer Art Trance, die Magie der Wüste hatte mich gefangen. Ich spürte keine Erschöpfung, keinen Hunger und keinen Durst. Über ein Jahr war ich unterwegs gewesen, um mich mit dem Nichts zu konfrontieren! Über ein Jahr, um die Angst vor dem Nichts zu verlieren! Es war keine Bedrohung mehr für mich, es war Freiheit! Was für andere vielleicht ein Alptraum gewesen wäre, ohne Gepäck, ohne Geld und ohne Pass mitten in der Wüste zu stehen, ich genoss es! Das Atmen wurde unheimlich leicht und die Ruhe schien durch alle Adern zu strömen
Bereits am nächsten Tag erreichte ich eine oasengleiche Ansiedlung, und die Leute dort staunten nicht schlecht, als ich zu Fuß anmarschiert kam. Es gab zunächst eine etwas misstrauische Fragerei, aber ich konnte mich herausreden, und das Misstrauen machte bald wieder der gewohnten marokkanischen Gastfreundlichkeit Platz.
Die Gegend wurde langsam fruchtbarer, es gab Olivenbäume und Ziegenzucht. Spät am Abend lernte ich einen Hirten kennen, und der schleppte mich zu seinen Brüdern in ein kleines Haus. Die Brüder zogen gerade einem Kaninchen das Fell über die Ohren, das einer von ihnen geschossen hatte, und bereiteten ein opulentes Mahl vor, unter anderem eine wohlschmeckende Nachspeise, die sie aus geriebenen Möhren und frischem Orangensaft mischten. Dabei waren sie die ganze Zeit am Scherzen und am Singen. Sie wollten, dass ich ihnen ein Lied aus meiner Heimat vortrug, und ich musste beschämt feststellen, was für ein armer Mensch ich war, kannte ich doch außer “Alle meine Entlein" und “Hänschen klein" nur Liederbruchstücke, die sich kaum zum Vortragen eigneten.
Am nächsten Tag wurde ich ein gutes Stück auf einem Pferdekarren mitgenommen, und erreichte am Nachmittag ein zerklüftetes Tal, in dem eine Ansiedlung aus hässlich hingewürfelten Gebäuden stand. Ein paar Männer saßen vor einem Haus und beschäftigten sich mit irgendeinem Brettspiel. Sie pfiffen mir zu, obwohl sie nicht sehen konnten, dass ich Europäer war. Ich überlegte einen Moment, ob ich reagieren sollte, denn auf Pfeifen und Zischen sollte man eigentlich nicht reagieren; man pfiff nach Hunden! Aber die Hoffnung, vielleicht zu einem Tee oder einem Essen eingeladen zu werden, ließ mich umdrehen.
Als die Männer sahen, dass ich ein Europäer war, fing gleich ein Kreuzverhör auf französisch an. Ich versuchte, mich nach gewohnter Weise herauszureden, aber es kamen plötzlich immer mehr Menschen herbeigeströmt, unter anderem der Bezirkschef, der mich klar aufforderte, meine Papiere zu zeigen. Als ich nun zugab, keine zu haben, beschlossen sie, ich müsste erst mal die Nacht hier verbringen und sie würden später beraten, was sie mit mir machen wollten.
Sie brachten mich in den großen Gemeinschaftsraum des Dorfes, der den Männern als Treffpunkt diente, und wo auch viele der alten Männer wohnten, die so noch in die Gemeinschaft einbezogen und nicht in irgendein Altersheim zum Sterben gebracht wurden. Es wurde Tee zubereitet und der Raum füllte sich mit immer mehr farbenprächtigen und neugierigen Gestalten, von denen die meisten wollige Djellabahs und weiße Turbane trugen. Der Bezirkschef befragte mich nach dem Woher und dem Wohin, und ich erklärte, ich wäre auf dem Weg nach Oujda, wäre jetzt ungefähr einen Monat unterwegs, hätte ungefähr 600 Kilometer zu Fuß zurückgelegt, und lehnte einen Pass aus religiösen Gründen ab. Hörte sich natürlich nicht sehr glaubwürdig an, und ich wusste das auch. Aber ich dachte mir, die Männer würden vielleicht vermuten, dass, wenn es nicht die Wahrheit wäre, ich mir eine bessere Ausrede hätte ausdenken können, und hoffte, das sie nach ihrem Gefühl entschieden.
Die Männer diskutieren wohl eine Stunde lang über meinen Fall, natürlich auf arabisch, von dem ich so gut wie nichts verstand. Immerhin kapierte ich soviel, dass ich ein paar Fürsprecher hatte, denen ich wohl sympathisch war, und die meinten, es gäbe auch viele Marokkaner in Europa ohne Pass.
Schließlich wurden große Schüsseln voll Couscous und Hähnchen aufgetragen und später wieder Tee. Sie sagten mir, ich wäre grundsätzlich frei und könnte morgen gehen wohin ich wollte; aber es wäre sehr gefährlich, der Straße weiter zu folgen, denn es gäbe in den Bergen Räuber, und viele Leute wären dort schon ermordet worden. Besser wäre es, morgen den LKW nach Taourirt zu nehmen, und von dort weiter Richtung Oujda zu reisen. Ich könnte eine Nacht darüber schlafen und mich morgen früh entscheiden. Ich nickte befriedigt, und als schließlich Decken und Teppiche gebracht wurden, mit denen vier oder fünf Leute gleichzeitig zugedeckt werden konnten, kuschelte ich mich beruhigt in meine Ecke. Beim Einschlafen überlegte ich, was ich tun sollte. Ich hatte mit den Männern zusammen gegessen, steckte mit ihnen im wahrsten Sinne des Wortes unter einer Decke, und sie hatten ausdrücklich gesagt, sie wollten die Polizei aus dem Spiel lassen. Hätte wohl etwas merkwürdig ausgesehen, wenn ich ihr Angebot abgelehnt hätte...
So nahm ich denn am nächsten Tag zusammen mit einem Begleiter den LKW, nachdem die Männer mir noch eine Tüte voll Brot mitgegeben und mir eine gute Reise gewünscht hatten. Es ging über staubige holprige Pisten, bis wir von der Geräuschkulisse einer Stadt eingefangen wurden. Der Wagen hielt, man forderte mich auf auszusteigen, und ich musste zu meiner großen Bestürzung feststellen, dass der LKW mitten auf dem Hof eines Polizeipräsidiums stand.
Brutal-Fundamental Vor diesem allem wird man Hand an euch legen und euch verfolgen, indem man euch an die Synagogen und Gefängnisse überliefert, um euch vor Könige und Statthalter zu führen um meines Namen willen. Es wird euch dazu ausschlagen, dass ihr Zeugnis ablegen müsst... Neues Testament, Luk. 21, 12-13
Mich überlief ein Zittern. Diese Angst! War ich schon stark genug, war mein Glaube fest? Ich schmiss meinem Begleiter das Brot in die Arme: “Verräter!" Der fing es auf, lächelte nur verschmitzt und war sich offenbar keiner Schuld bewusst. Was für Europäer hinterlistig gewesen wäre, ging hier scheinbar als listig durch.
Das bereits bekannte Verhör begann. “Ich heiße Nadie, habe keine Nationalität und komme aus dem Nichts!" Die Polizisten fingen an, Scherze zu treiben über diesen komischen Europäer und brachten mich schließlich zur Gendarmerie, wo ein Protokoll aufgenommen und meine “Personalien" notiert wurden. Als die Beamten gerade damit fertig waren, kam eine Frau herein und erkundigte sich nach ihrem vermissten Ehemann oder Bruder. Der Gendarm zeigte ihr ein paar Fotos kürzlich bei einem Autounfall verstorbener Personen. Als die Frau einen davon wiedererkannte, brach sie in Tränen aus. Die Gendarme versuchten sie zu beruhigen, es entstand eine kleine Verwirrung, man brachte sie in ein anderes Zimmer und ließ mich allein. Zu meiner Schande musste ich mir eingestehen, dass ich im Moment kein Mitleid fühlte, sondern nur mit Fluchtgedanken beschäftigt war. Ich verließ den Raum und ging den Flur entlang Richtung Ausgang, der offenbar nicht bewacht war. Statt sofort das Weite zu suchen, zögerte ich wieder einmal und entdeckte dabei eine offene Tür, die zum Innenhof führte. Aber hier war Sackgasse! Im Flur wurde ein Gendarm auf mich aufmerksam und fragte, wo es denn hingehen sollte.
“Au toilette!"
Der Gendarm zeigte sie mir und ich ärgerte mich über die verpasste Chance! Wieder nicht spontan gehandelt! “Es gibt immer einen Ausweg”, hatte mir einmal ein Fernfahrer gesagt, der mich in der Nähe von Bordeaux beim Trampen mitgenommen und den schwarzen Gürtel in Karate besessen hatte. “Du musst nur völlig ruhig sein und dein Bewusstsein entleeren, damit du im Bruchteil einer Sekunde reagieren kannst. Denn du hast normalerweise nur eine Gelegenheit!”
Am späten Nachmittag fuhren mich zwei Gendarme über hundert Kilometer weit in ein Kaff namens Berkane, das in der Nähe des Mittelmeeres lag, und wo es das Bureau de transmission gab. Mir schauderte schon, als wir in den hässlichen Ort hineinfuhren und besonders, als ich das bedrohlich wirkende graue Polizeigebäude sah.
Ich wurde einem Inspektor übergeben, der im freundlichen Ton anfing, mich zu verhören. Als er meine unzureichenden Antworten erhielt und nach mehrmaligem Nachfragen keine Besserung sah, stand er auf, hielt sein Gesicht nahe an das meine und raunzte: “Wir können auch anders miteinander reden!" Es hagelte ein paar Ohrfeigen, aber ich blieb stumm.
“Dann müssen wir jetzt wohl mal zum capitaine!"
Ich wurde in ein riesiges Zimmer geführt, in dem ein mächtiger Schreibtisch stand, hinter dem ein Hüne von Mann thronte, dessen pockennarbiges Gesicht von einem dicken schwarzen Schnäuzer geziert wurde. Hinter ihm prangte das Bild von Hassan II an der Wand, und seine Augen funkelten humorlos.
“Was gibt es?"
Der Inspektor schilderte den Fall.
“Sie haben keinen Pass? Darf ich fragen, warum nicht?"
“Ich lehne ihn aus religiöser Überzeugung ab!"
“Dann wären Sie vielleicht trotzdem so freundlich, Ihre Personalien anzugeben."
“Aber sicher! Ich heiße Nadie und komme aus dem Nichts!"
Der Hauptmann und der Inspektor schauten sich an.
“Hör mal gut zu, Freundchen! Ich bin kein Priester oder Imam, und auch nicht der Papst!" donnerte er los. “Hier ist die Gendarmerie! Und du gehst jetzt mit dem Inspektor mit und rückst mit der Wahrheit raus, andernfalls...”, er lächelte mir zu, dass es mir kalt den Rücken herunterlief, und sagte genüsslich: “I cut you in ten pieces!" Mir fiel sofort das entsprechende Bibelzitat ein: “...andere haben sie zersägt um ihres Zeugnisses willen.”
Es ging wieder in das Zimmer des Inspektors und ich rückte mit der Wahrheit heraus.
“Ich komme aus dem Nichts..."
“Alles klar, Junge. Wenn du nicht anders willst."
Im Zimmer des Hauptmanns stand bereits der Folterknecht, ein strohdummes, plumpes, brutales Gesicht, und hielt einen ungefähr 1,50m langen, lederumwickelten Stock in der Hand. Die Angst kam in Wellen. Schwer zu sagen, welche Angst größer war, die Angst vor dem Schmerz, oder die Angst, ein Verräter an Gott zu werden, ein Judas, auf den eine brennende Strafe wartete.
“Halt die linke Hand auf!"
Der Schmerz zuckte wie Stromstöße durch meinen Körper. Ich ließ mir nichts anmerken, aber ich wusste sofort, dass ich dem Schmerz nicht lange würde standhalten können.
“Die andere Hand!"
Zehn Minuten, eine Ewigkeit vergingen. Die Hände verfärbten sich bereits und waren dick angeschwollen, die Haut war kurz vor dem Aufplatzen.
“Damit können wir uns die ganze Nacht beschäftigen!"
War es eine Lüge wenn ich sagte...
“Ich selber komme aus dem Nichts, aber mein Körper, der ist in Deutschland geboren!"
“Aha! Dann schreib uns mal auf, wie dein Körper heißt und wo er wohnt", der Hauptmann tippte mit dem Finger auf ein Stück Papier und hielt mir einen Stift hin. Ich schrieb in riesengroßer Zitterschrift meine Personalien auf und fühlte mich dabei hundeelend.
“Jetzt geh mit dem Inspektor! Und morgen sprechen wir uns noch mal", er sagte das im ruhigen Ton, ohne Drohung in der Stimme, aber ich dachte an Zuckerbrot und Peitsche, und daran, dass er wahrscheinlich bezweifeln würde, dass ich ohne allen Kram nach Tamanrasset wollte.
“Du warst nett zu uns, jetzt sind wir auch nett zu dir", sagte der Inspektor im salbungsvollen Ton, als er mich runter in die Wache führte, wo die einfachen Gendarmen ihre Büros hatten, “ich besorge dir etwas zu essen. Hast du einen besonderen Wunsch?"
Das war ja wohl etwas zu nett!
“Wenn Sie mir bitte Milch mitbringen könnten."
Ich saß zunächst still in einer Ecke eines Büroraumes, die Gendarme waren mit Protokollen und anderen Dingen beschäftigt. Im Nebenzimmer lief das Radio und ich hörte “Loosing my religion" von R.E.M. und wurde für einen Moment so traurig, dass mir die Tränen die Wangen herabliefen. Ich wäre in diesem Moment gerne gestorben, einen Märtyrertod ohne Schmerz. Hauptsache, mit einem guten Gewissen zu Gott zurückkehren und nicht als Judas. Des Lebens war ich mehr als überdrüssig, es war eine einzige Schinderei. Ich wollte endlich meine Ruhe haben! Warum hatte ich Idiot auch nur den Apfel der Erkenntnis gegessen? Jetzt saß ich hier!
Die Gendarmen unterhielten sich freundlich mit mir. Sie schienen gar nicht genau zu wissen, warum ich hier war, sie wussten nur, der Pass war weg, aber warum? Jedenfalls hatte der Inspektor den Jungen zuvorkommend behandelt!
Und so kam es, dass ich erst mal Couscous aufgetischt bekam und später, als die Wache langsam geschlossen wurde, mir eine Matratze in einem Zimmer zurechtgelegt wurde und ich nicht ins Loch wanderte. Der Inspektor erschien mit der Milch und Sandwichs, wünschte noch eine gute Nacht und war verschwunden, genau wie alle anderen Gendarmen, bis auf einen, der im Nebenzimmer Wache schob, und wohl auch für den Eingang des Gebäudes zuständig war.
Etwas weckte mich. Es war vielleicht drei Uhr nachts, hier und da war schon ein Hahnenschrei zu hören. Die Tür zum Nebenzimmer stand halb offen. Man hörte gleichmäßige Atemzüge: der Wächter schlief! In meinem Zimmer stand ein Schreibtisch an der Wand, und dahinter befand sich eine Tür. Sollte ich probieren, ob sie offen war? Es war gerade so gemütlich, und neben mir lag noch ein Sandwich.
“Los aufstehen!" befahl eine innere Stimme. Ich rückte vorsichtig den Schreibtisch zur Seite und horchte klopfenden Herzens auf die Atemzüge des Wächters. Die Tür war offen! Ich kam in einen Flur, fand den Weg ins Treppenhaus und ein halbes Stockwerk tiefer eine von innen verriegelte Eisentür. Der Riegel quietschte fürchterlich; das musste der Wächter hören! Aber nichts passierte, und kurz darauf war ich im Hof, wo ein paar Polizeiwagen standen, und wo mich ein sperrangelweites Tor begrüßte. Ich begriff es kaum, als ich mit weiten Sprüngen gen Stadtrand rannte: ich war frei!
Ich erreichte einen Kanal, der sich lange hinzog, ohne dass eine Brücke zu sehen gewesen wäre. Endlich kam eine, und ich hatte schon Paranoia, dass sie dort auf mich warteten. Bloß nicht noch einmal dem Hauptmann in die Hände fallen! Mir taten ein wenig die armen Gendarme leid, die mich hatten laufen lassen und die doch so nett zu mir gewesen waren. Das setzte sicher ein Donnerwetter!
Glücklich erreichte ich die Orangenplantagen auf der anderen Seite des Kanals und tauchte zwischen den Bäumen unter, wo mich bestimmt niemand mehr fand. Ich schlug einen Bogen um Oujda, das man ganz gut orten konnte, weil riesige Stromleitungen sich durch die öde Landschaft zogen und bestimmt dorthin führten. Nach einer knappen Woche war ich im Grenzgebiet und wartete auf die Dämmerung, um nach Algerien hinüberzuschleichen.
Es war eine mondlose sternklare Nacht. Der Horizont im Osten leuchtete hell, und als ich nach wenigen Kilometern über eine Hügelkuppe kam, strahlte mir grelles Flutlicht entgegen. Ich konnte ein Barackenlager und Militärfahrzeuge ausmachen. Es gab eine unbeleuchtete Stelle, die nicht so hermetisch gesichert schien, und logischerweise machte ich mich dorthin auf den Weg. Aber ich merkte schnell, warum diese Stelle nicht ausgeleuchtet war, denn ich steckte bald mitten im Morast. Ich versuchte, den Sumpf zu umgehen, wurde dabei aber direkt auf die Lichter hingeführt. Ein Jeep kam in hastiger Fahrt um einen Hügel herumgeprescht, und ich musste mich beeilen, um mich noch rechtzeitig hinter einem Felsen zu verstecken. Eins war sicher, hier ging es nicht lang!
Ich drehte um und lief in die andere Richtung. Als ich ungefähr eine Stunde unterwegs war, sah ich ein Wäldchen und hielt darauf zu. Gerade als ich es fast erreicht hatte, hörte ich, nur wenige Meter entfernt, Stimmen. Ich warf mich in eine Ackerfurche und wartete ängstlich eine Ewigkeit, bis es auf einmal lauter wurde, und eine Patrouille mit einem M******ied auf den Lippen von dannen zog. Aufgeregt stolperte ich über Felder, ein Tal hinunter und erreichte einen Bach. Dann lief ich wieder bergauf, an einem schlafenden Dorf vorbei und so weit, bis endlich die Flutlichter weit hinter mir lagen. Eine Stunde Rast gönnte ich mir, aber ich wollte hier in Grenznähe lieber nicht zu lange verweilen und zog im Morgengrauen weiter. Nach ein paar Kilometern kam ich an einem Haus vorbei. Ein Mann staunte mir entgegen und fragte, ob ich denn wüsste, wo ich hier wäre.
“In Algerien!"
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Ich persönlich fand die Geschichte sehr interessant, auch wenn ich nur 1/4 des hier Geposteten gelesen habe! :-))(
sollte in den restlichen 3/4 des Geposteten schlimmes stehen, so bin ich nicht schuld) Leute, wenn ich die Geschichte gut finde, dann werdet ihr sie erst recht gut finden :-))!! denn ich lese ungern geschichten , erst recht nicht Bücher, aber die ersten Absätze schienen gut zu sein, obwohl ich sehr anspruchsvoll bin!! :-)) Und die Geschichte geht sogar noch weiter!! :-)))))))))))))))) Der Deutsche wird noch Station in Spanien machen und irgendwann wieder in Deutschland ankommen! Die anderen Stationen habe ich beim Überfliegen nicht dingfest machen können! :-PPPPPPPP!! Also selber lesen!! Ich hab genug!!!!!
Fortsetzung der Story! Klicke hier:
Ich glaub die Geschichte hat gar keine Überschrift!! kopfschüttel : "wie kann man sich nur so viel text antun!! :-))))))))))))))))))))))))"
Gut, gut!! viel spass beim weiterlesen!!