Hallo Shakir, noch einen kleinen Hinweis zu Deinem vorherigen (ellenlangen und sehr, sehr roten) Posting: das schwierige an Paarberatungen ist ja immer, daß jeder glaubt zu wissen, wie es geht. Und es nichts individuelleres gibt als das persönliche Glück: Patentrezepte sind in jedem Fall ein sicherer Weg direkt ins Unglück - auch wenn jeder immer auf der Suche nach Patentrezepten ist. Will man sich orientieren, sollte man sich in diesen Fragen aussschließlich an Allgemeinplätze halten, an Sprichwörter, die abgehangen genug sind, um wahr zu sein und an Sitten und Gebräuche, die ebenfalls sehr oft tiefe Weisheiten enthalten (ganz im Gegensatz zu ihrem schlechten Ruf).
Hier nur ein paar zufällig aus dem Ärmel geschüttelte:
"willst Du glücklich werden im Leben heirate Deines Nachbarn Kind".
Oder:
"Übermut tut selten gut".
Oder:
"den frühen Vogel fängt die Katz".
Oder:
"Gegensätze ziehen sich an".
Oder:
"Eine Vernunftehe ist ein Topf kalten Wassers auf einen warmen Ofen gestellt, eine Liebesehe ist ein Topf kochendes Wasser auf einen kalten Ofen gestellt".
Oder:
"es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wurde".
Jede Familie hat dazu dann auch noch ihre ureigensten Überlieferungen, einer der Lieblingssprüche meiner Mutter lautete (nachdem der Vater meiner Kinder in ihr Zimmer gestürmt war und sich über mich beschwert hatte):
"ich habe sie so nehmen müssen wie sie ist, Du hast sie Dir ausgesucht!"
Nun zu Deinen "Weisheiten":
Tipp Nr. 3:
Wie wäre es mit einer kleinen Schauspieleinlage? Keine Wut – kein Streit – Kalkül!
1) Sag ihm, dass es in der Nachbarschaft einen Einbruch gegeben hat und du nun nachts alleine plötzlich Angst hast. Du hättest auch schon mit deinen Eltern vereinbart, dass - wenn er nachts nicht nach Hause kommt - du zu ihnen fahren kannst. Er soll sich dann nicht wundern, wenn er dich morgens um sechs nicht in der Wohnung findet. Am besten packst du noch eine Notfalltasche.... Bitte in einem sachlichen, besorgten Ton mit ihm sprechen. Pack ihn an seiner Ehre. Nutze die Prägung der islamisch-marokkanischen Kultur auch zu deinen Gunsten aus: Der Mann - „dieses jung gebliebene marokkanische Ding“ (4) – hat tatsächlich sowas wie Verantwortungsbewusstsein und verwandelt sich in einen starken Beschützer.
Ich kann nur davon abraten, seinen Partner manipulieren zu wollen: erstens sind Menschen sehr viel weniger manipulierbarer als man sich das wünschen würde (und Therapeuten einem glauben machen wollen) und zweitens bekommt man so das Gefühl, daß man irgendetwas in der Hand hätte, steuern könnte, bestimmte Verhaltensweisen "erzeugen" kann: das endet immer in einer riesigen Enttäuschung gefolgt von einer gigantischen Wut. Jede Frau, die sich schonmal selbst dizipliniert hat, um ihren Mann zu einer bestimmten Reaktion zu bewegen kennt den Mechanismus: man geht aus und hofft, der andere wird eifersüchtig. Man steht blöd an irgendeiner Theke herum, haßt alle, die da auch rumstehen, kommt in kein Gespräch, weil man in Gedanken gefangen ist von seinem superschlauen Plan und ob er auch aufgeht, ist für alle Männer ein rotes Tuch, weil die Anstrengung im Gesicht geschrieben steht und kommt dann nach Hause und es ist nichts passiert.
Der eigene Mann ist vor dem Fernseher eingeschlafen. Die Kartoffelchips liegen auf dem Teppichboden verstreut, das Bier ist festgefroren im Glas und an den herumliegenden Kippen kann man erkennen, daß auch noch eine ganze Horde anderer Männer da war: das endet in einem Riesengeschrei, das jede Taktik für immer und ewig zunichte macht, zu allem Überfluß hat man sich dann auch noch verraten und steht als eine Person da, die sich die Mühe macht komplizierte Strategien nicht nur zu entwickeln, sondern sich auch noch nicht entblödet sie anzuwenden - also viel zu viel investiert für das was angeblich vorgefallen ist.
Ein völlig untauglicher Ratschlag.
Der goldene Lösungsansatz - (männlichweiblich??):
Mache mit ihm einen Termin aus (5), wann du mit ihm über eure Beziehung sprechen möchtest. Denn einen Streit kann man zwischen Tür und Angel nicht konstruktiv führen. Mache ihm klar, wie sehr du leidest und dass du mit ihm so nicht weiter leben kannst. Finde heraus, was ihn an dir stört. Es wird einen Grund geben, warum er über Nacht weg bleibt. Formuliere klare Grenzen und welche Konsequenzen du bei Überschreitung dieser treffen wirst. Eventuell musst du wirklich mal ausziehen.
Die Frage, die alle Familien- und Paartherapeuten am meisten beschäftigt ist: "wie bekomme ich IHN in die Therapie?". SIE kommt ja freiwillig, hat auch schon alle 10-Punkte-Selbsthilfeprogramme durch, weiß, wo das Problem liegt und wer schuld daran hat (die Mutter, meistens die Mutter): aber das, was Du da oben beschreibst ist so ziemlich das allerletzte, was eine Beziehung benötigt - niemand muß über eine Ehe REDEN, diskutieren hat noch nie geholfen, aussprechen auch nicht, es ist schlichtweg für die Tonne. Der andere weiß sowieso immer alles: wenn er es nicht wahrhaben/eingestehen/einräumen will, gibt es dafür einen Grund. Es ist leichter einen Panzer zu knacken als jemanden zum Reden über etwas zu bringen, worüber er um keinen Preis reden möchte und ich halte es auch für einen Vergewaltigungsversuch einem anderen ein solches Gespräch aufzuzwingen, ihn dazu bringen zu wollen (mit welchen Tricks auch immer) sein Fort-Knox selbst aufzumachen: im übrigen weiß man nie, was dann passiert.
Jedes System hat eine ihm innewohnende Selbstregulierungsfunktion. Nur ein Technikfetischist glaubt, daß man an einem Rädchen drehen könnte, dann funktioniert alles ganz nach Wunsch: In der Regel ist es genau andersherum. Das eine kleine Rädchen, das verändert wurde, verändert auch alle anderen Reaktionen und nie bekommt man das, wovon man glaubte, daß man es mit einem klugen Schachzug bekommen würde.
Ein alter Familientherapeut (ein Norweger) hat dazu mal angemerkt (aus dem Gedächtnis zitiert): jede Familie mit einem Problem hat schon alles ausprobiert, wenn sie zu ihm kommen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Man bräuchte auch keine langen Sitzungen oder Verhaltens-Therapien, sondern in der Regel mangelt es an einem
Schiedsrichter: einen Menschen, der sich anhört, um was es geht und ohne Wenn und Aber und mit der dafür notwendigen Autorität
entscheidet, was gut und was schlecht ist.
Das wäre die Essenz aus jahrzehntelangen Paar- und Familientherapien: das kommt ziemlich nahe an die Funktion eines Rabbi, eine Priesters oder eines Imams heran oder aber an die von mir erlebten Familienoberhäupter, die sich nicht scheuen, ein erwachsenes Elternpaar auch mal zu verprügeln, wenn sie uneinsichtig sind und auf Kosten ihrer Kinder sich herumstreiten, welr nun das Sagen hat: wie bei Kindern hilft das manchmal mehr als komplizierte psychologische Schmerzen ("ich koche ihm nichts, sage aber, daß ich ihn verstehe etc.") mit dem Ziel zufügen zu wollen, dann vom anderen extremst geliebt zu werden.
Josi