Hallo Najib,

Antwort auf:
letztendlich sind der mann und das kapital die wahren gewinner der emanzipation.


ganz so sehe ich das nicht, vielmehr ist es meiner Meinung so, dass Frauen durch den Kapitalismus dazu gezwungen wurden, Familie und Arbeit unter einen Hut zu bringen und Männer sich aber an der Arbeitsteilung von Beruf und Familie nicht beteiligen wollen.

Jahrhundertelang war die gesellschaftlich notwendige Arbeit, nämlich die Produktion von Lebensgütern und die (re-)generative (Re-)Produktion, also die Hervorbringung und Versorgung einer Generationenfolge, in der Ökonomie des ganzen Hauses untergebracht, dh. es fand die Produktion von Güter zuhause statt wo auch nebenbei die Familie, also Kinder sowie auch ältere und kranke Familienmitglieder, versorgt und gepflegt wurden..

Mit der Produktivkraftentwicklung, der industriellen Produktion wurde dann die Produktion entfamiliarisiert und in die Bereiche private Versorgungsarbeit und öffentliche Warenproduktion gespalten.
Hierbei waren nicht nur Männer anfangs eingespannt in die industrielle Produktion, sondern auch Kinder und Frauen, bis es dann deutlich wurde, dass die regenerative Versorgungsarbeit gesellschaftlich notwendig ist, damit die Arbeitskraft Mensch sich vom harten Arbeitsleben regenerieren kann und die Arbeitskraft erhalten bleibt um sie bis ans Limit auszuschöpfen. In Folge dessen wurde dann die ausserhäusliche produktive Arbeit und die private Versorgungs- und Pflegearbeit zwischen den Geschlechtern aufgeteilt, Männer wurden in der Produktion eingesetzt und Frauen in der Hausarbeit.
Leider mit der Folge, dass nur die produktive Arbeit der Männer einen Wert erhielt und die regenerative (Re-)produktionsarbeit der Frauen entwertet wurde. Obwohl diese Arbeit der Frauen genauso wichtig für die Gesellschaft ist, weil sie ja dafür sorgt, dass die "Arbeitskraft Mensch" für die Produktion erzeugt und erhalten wird. Die regenerative Arbeit der Frauen im privaten Bereich ist als unabdingbar für den Produktionsbereich und ist Voraussetzung dafür, dass die Arbeitskraft erhalten bleibt für die industrielle Produktion.

Daraus resultiert allerdings die patriarchale Dividende, nämlich, dass Männer für ihre Arbeit entlohnt werden,ihr eigenes Einkommen haben, Pensions- und Sozialabsicherungen erhalten etc und zudem auch anerkannten Wert, während die Arbeit der Frauen als selbstverständlich angesehen wird und ihrem Wert beraubt wird, sie kein Ansehen bekommt (zumindest nicht in dem Maße wie der Mann für seine Arbeit) und auch keinen eigenen Lohn mit den dazugehörigen Sozialleistungen.

Dass Frauen irgendwann begannen selbst berufstätig zu sein ist mit Sicherheit auch ein Verdienst der Emanzipation. Aber man darf dabei auch nicht das WARUM übersehen, nämlich waren Frauen nicht abgesichert, verfügten über keine eigenen Einkommen und zudem keine Anerkennung. Dies kann natürlich dazu führen, dass Frauen in Abhängigkeit rutschen und auch in frustrierenden Beziehungen zu schlechten Ehemännern bleiben müssen (nein, es sind nicht alle Ehemänner schlecht, aber es gibt auch schlechte, man stelle sich zB nur vor eine Frau ist von einem Mann wie kathi oder ethomas abhängig grin)

Ausserdem findet nun mal nicht jede Frau ihre Erfüllung darin, "nur" Hausfrau und Mutter zu sein. Ich möchte Hausfrau- und Muttersein überhaupt nicht infrage stellen und schon gar nicht abtun, im Gegenteil ist es meiner Ansicht nach ein richtiger Fulltime-Job und eben wie gesagt gesellschaftlich notwendige und sehr wertvolle Arbeit, auch wenn ihr dieser Wert nicht zugesprochen wird bzw. ihre Notwendigkeit für Gesellschaft und Produktion verschwiegen wird.
Aber vor dem Hintergrund der ungleichen Behandlung zwischen den der Frauen zugeschriebenen Arbeiten und der den Männer zugeschriebenen Arbeit und den daraus resultierenden Benachteiligungen der Frauen, sowie individueller Bedürfnisse mancher Frauen selbst arbeiten zu gehen finde ich diese Errungenschaft der Emanzipation sehr wichtig.

Allerdings hängt die Erwerbsarbeit der Frauen, und besonders in unserer heutigen Zeit und westlichen (aber nicht nur westlichen) Gesellschaft, nicht nur mit der Emanzipation zusammen, sondern auch und vielleicht vordergündig mit dem Kaptitalismus und der Ausbeutung des Menschen als Arbeitskraft. Der Industrialismus und der Kapitalismus ist darauf bedacht immer schneller und immer billiger zu produzieren, Arbeitsplätze werden weniger weil entweder die Technologie die menschliche Arbeitskraft ersetzt und/oder die Arbeitskraft Mensch immer mehr und immer schneller arbeiten muss.
In Folge dessen werden auch die Löhne immer geringer und das Modell wo der Mann als Alleinverdiener mit seinem Lohn eine ganze Familie noch ernähren kann funktioniert nicht mehr und Frauen MÜSSEN nun arbeiten gehen damit sie die Familie versorgen können, ob sie wollen oder nicht (ich glaube die meisten Fabriksarbeiterinnen, Putzfrauen, Kassiererinnen etc. würden lieber bei ihren Kindern zuhause bleiben als einen schlecht bezahlten Job zu verrichten, der sie körperlich und geistig auslaugt.)
Während aber nun Frauen zum Familieneinkommen beitragen MÜSSEN, wurde aber die private Familienarbeit nicht zwischen Mann und Frau aufgeteilt und bleibt in den meisten Fällen trotz erforderlicher Berufstätigkeit an den Frauen haften. Ein Balance-Akt wird da von den Frauen erwartet. Womit wir wieder bei der patriarchalen Dividende wären, wobei diese nicht nur als Gewinn der einzelnen Männer in Person zu verstehen ist, sondern auch des "Vater" Staates und zwar deshalb weil Frauen unebezahlte Arbeit nach wie vor leisten, auch wenn sie selbst erwerbstätig sind und dieser Arbeit wird vom Staat einfach von den Frauen eingefordert (und von dem Männern nicht).
Männer gehen (und das ist in den meisten Fällen noch so) arbeiten und kommen dann abends nach hause, während die Frau eben in der Früh aufstehen muss, Kinder versorgen muss, Abends wieder kochen, Hausaufgaben mit den Kindern machen muss und ganz "nebenbei" noch den Haushalt schmeißen, während der Gatte schon längst die Beine hochgelagert hat und nach dem servierten Abendessen die Nachrichten schaut. Ist jetzt ein wenig zugespitzt formuliert, aber es ist leider Realität, dass Frauen dazu gezwungen sind zum Familieneinkommen in Form von Erwerbstätigkeit beizutragen und, dass nach wie vor die private Familienarbeit den Frauen aufgezwungen ist und damit für Frauen Doppelbelastungen entstehen

Diese Doppelbelastungen ist eben nicht nur eine Selbstverschuldung der Frauen durch ihr Emanzipationsstreben, sondern ist auch und vor allem durch den Kapitalismus und Staat verursacht. Natürlich muss man da auch an die Männer appelieren, dass sie sich mehr involvieren in die gesellschaftlich notwendige private Arbeit wie etwa Kinderbetreuung,aktive Erziehung (zB Hausaufgabenbetreuung und Hausarbeit etc. aber es muss auch und vor allem vom "Vater" Staat etwas unternommen werden, da gerade er hier eine große Verantwortung trägt wo doch der Kapitalismus Frauen drängt erwerbstätig zu sein.

Ich könnte hier ewig noch weitermachen und ausführen was der Staat/ die Politik hier unternehmen und verändern könnte. Aber es gäbe hierfür verschieden Modelle, angefangen von der bezahlten Betreuungsarbeit der Mütter duch den Staat und damit auch eine Absicherung der Frauen und eine Aufwertung der privaten regenerativen Arbeit, was unter Umständen dazu führen könnte, dass auch Männer diese Arbeit übernehmen, aber zumindest Frauen für diese Arbeit Lohn als auch Anerkennung finden und die Familieneinkommen wieder erreicht werden, bis hin zu Modellen wo Männer wie Frauen mit ihrer Erwerbstätigkeit etwas herunterfahren (zB nicht mehr 100% sondern 70%) bei gleichen Löhnen und wo Kinderbetreuung nicht mehr vom Staat organisiert wird sondern von den Mitgliedern der Gesellschaft unabhängig und autonom und diese Arbeit dann wiederum bezahlt wäre, sei es dass Familienmitglieder oder aussenstehende Personen diese Arbeit verrichten. Kinderbertreunggsstätten dürften dann auch nicht mehr eine Ausbauung des bestehenden Schulbetreuungssystems sein, sondern müssten LEBENSorte für die Kinder werden, in denen sie sich frei entfalten können und sich ausleben können und wo auch freizeitliche Aktivitäten gefördert werden und Spiel und Spass Platz haben. Frauen und Männer hätten dann weniger berufliche Belastung, da sie weniger arbeiten müssten, aber dennoch gleiche Löhne beziehen, ältere oder kinderlose Menschen würden Betreuungsarbeit übernehmen und zu Kindern Kontakt und eine sinnvolle Aufgabe mit Entlohnung haben und dennoch können sich Mütter (und auch Väter) dafür entscheiden, zuhause zu bleiben wenn sie wollen und diese Arbeit belohnt bekommen. Das Familienleben wäre nicht mehr belastet durch tägliche Hausaufgaben weil das jetzige Schulssystem die Familien damit belastet, diese Arbeit auf den privaten Bereich abzuschieben. Kinder würden nach so einem Tag nachhause kommen, hätten keine HAUSaufgaben mehr, sich zudem kreativ, sportlich oder was auch immer ausgelebt und Väter wie Mütter könnten ihr Familienleben durch die vermehrte Freizeit und den nichtmehr vorhandenen Schuldruck gemeinsam mit ihren Kindern genießen.

Ja, ja das ganze ist sehr utopisch, rein theoretisch wäre es aber möglich wenn es eine Menge gesellschaftlicher und politischer Umstrukturierungen geben würde.
Aber das war jetzt wieder mal ein mehr oder weniger unbeabsichtigter Ausschweifer von mir, hinaus wollte ich eigentlich darauf, dass die Erwerbstätigkeit der Frauen nicht nur ein Resultat der Emanzipation ist (wobei ich schon erwähnt habe, dass es meiner Meinung nach auch gute Gründe dafür gibt, dass Frauen nach dieser Emanzipation streben) sondern, dass eine bedeutende Ursache auch im Kapitalismus liegt, der Familien dazu zwingt, dass Männer wie Frauen erwerbstätig sind um ihre Familien zu versorgen. Aber, dass eben Männer auf diese neuen Herausforderungen/Anforderungen nicht eingehen, während von Frauen ein Balance-Akt abverlangt wird und sie nun Erwerbsarbeit und Familien- und Hausarbeit vereinbaren MÜSSEN und dies eine extreme Doppelbelastung darstellt. Natürlich gibt es auch Frauen, die zuhause bleiben können und möchten, das ist auch schön für sie wenn das möglich ist und sie damit zufrieden sind und da finde ich es auch okay, dass sie die Hausarbeit und Kinderbetreuung übernehmen und nicht vom Mann erwarten, dass der noch die Wohnung putzt wenn er nachhause kommt (ungerecht ist es dennoch, dass Frauen dafür keine gesellschaftliche Anerkennung und keine eigene Entlohnung mit den selben Sozialleistungen wie Männer bekommen) Wenn jedoch beide, Mann wie Frau, erbwerbstätig sind bzw. sein müssen, dann ist es unfair wenn die Doppelbelastung allein auf den Frauen hängen bleibt und zumal wir weit davon entfernt sind, irgendwelche utopischen Modelle zu verwirklichen und die Dinge so sind wie sie nun mal sind, müssen halt auch da die Männer mehr mitanpacken, sich in der Kinderbetreuung mehr einbringen und auch ein wenig Haushalt schmeißen, so sind die Dinge gemeinsam viel leichter zu bewältigen und Frauen müssen nicht mehr diese Doppelbelastung alleine tragen. Zudem ist es ja so, dass berufstätige Väter oft wenig Zeit mit den Kindern verbringen und wenn die sich mehr involvieren würden, würde das auch der Vater-Kind-Beziehung zu gute kommen und auch die partnerschaftliche Beziehung hätte mehr Zeit und Raum..

Also wenn Frauen schon erwerbstätig sein müssen um die Familie zu versorgen und ihren Teil zum Familieneinkommen beitragen müssen, dann müssen auch Männer ihren Teil zur privaten Versorgungs- und Betreuungsarbeit beisteuern.

Um jetzt nicht den Eindruck zu erwecken,ich sei eine Hardcore-Emanze, möchte ich nochmal sagen, dass es vollkommen berechtig ist wenn eine Frau daheim bleiben KANN und möchte und das auch etwas schönes ist und sie natürlich dann auch das meiste an privater Arbeit verrichtet (bzw. verrichten sollte). Aber, ich finde eben, dass Frauen für diese Arbeit zu wenig Anerkennung bekommen und, dass sie auch dafür entlohnt gehören, weil sie durch diese Arbeit dafür sorgen, dass sich die Gesellschaft sowohl regenerativ und kulturell (re-)produziert und auch dadurch die Bedingungen schaffen, dass die materielle Produktion ermöglicht wird. Andererseits sind viele Frauen dazu gezwungen erwerbstätig zu sein und hier müssen dann Frauen und Männer GEMEINSAM anpacken und sich die Arbeit GERECHT teilen. Und owbohl da viele Missstände herrschen muss man auch sagen, dass viele junge Männer da schon sehr vorbidlich sind und diese neue Herausforderungen auch annehmen und mit ihren Frauen und Familien gemeinsam meistern.

LG

PS:Sorry für das lange (gewordene) Off-Topic

Last edited by choppy; 17/04/12 02:06 AM.