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#49342 - 04/10/2004 22:29 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
haskamp Offline
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diese berichterstattung ist noch schlimmer als bild!!! missnana/oujda in der ueberschrift und dann dauern im wald vor tanger. oujda - tanger =

6 0 0 km

was soll denn das werden???

hoch
#49343 - 04/10/2004 23:38 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
Elvire Offline
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Guten Abend,
@ haskamp,

unter dem Link findest Du Angaben zu Paulo Moura

http://www.lettre-ulysses-award.org/authors04/moura.html

Paulo Moura, portug. Schriftsteller,
beobachtet die Strategien afrik. Flüchtlinge auf ihrem Weg in den "reichen" Norden, ihre Stationen, ihre Überlebensbedingungen u. ihr viel-fältiges Scheitern an der "Festung Europa".

Da Du vor Ort bist, wäre es interessant zu lesen, ob de facto Deine Beobachtungen mit den Recherchen des Journalisten übereinstimmen.

Lettre Ulysses Award for The Art of Reportage - Partner des Goethe Instituts
Die aus zehn Sprachkreisen stammenden Juroren der Jury des Lettre Ulysses Award for the Art of Reportage haben Ende August in Paris über die nominierten sieben Finalisten entschieden. Die Autoren der diesjährigen Shortlist berichten aus Afrika, aus den USA, aus China, Marokko, Spanien und Haiti. Sie entwerfen ein plastisches und tiefgründiges Bild von Alltag, Gesellschaft und Politik in verschiedenartigen Ländern und Kulturen.

Diese „literarischen Reporter“, deren Leidenschaft der Wirklichkeit gilt, erkundeten bei ihren Reisen und Recherchen auch entlegene und selten beachtete, jedoch bedeutende Themen.

Die Kulturzeitschrift "Lettre International" ist Initiator dieses ersten Weltpreises für literarische Reportage.

hoch
#49344 - 04/10/2004 23:47 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
Elvire Offline
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Hallo Thomas,
 Antwort auf:
Auch mir fällt auf, daß die Marokkaner die in die Ferien aus Europa kommen, mit auffallend teuren Autos herum flanieren.....

stimmt, in Agadir auch ganz augenfällig, wobei es sich aber nicht um Familienväter im traditionellen Sinne handelt, sondern um Singles, schwerpunktmässig mit franz. u. belg. Kennzeichen, die dann "prolomässig" mit lautstarkem Gedröhne aus dem Autoradio zum zigsten Male den Boulevard auf- und abfahren und - mit grossem Erfolg - marok. Mädchen anbaggern!

hoch
#49345 - 05/10/2004 00:02 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
haskamp Offline
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Beiträge: 1013
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hallo elvire 1. nicht nur agadir, auch tanger, el jadida, safi, mohammedia usw. usw.
2. paulo moura: werde mich hier vor ort schlau machen und Dir dann berichten, versprochen!

hoch
#49346 - 05/10/2004 19:05 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
haskamp Offline
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hallo elvire, bin noch am ball, bericht kommt, versprochen gruss haskamp

hoch
#49347 - 05/10/2004 20:42 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
Elvire Offline
Mitglied

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Ort: Süddeutschland
Guten Abend,

Im Wald von Missnana
Ein Lager afrikanischer Flüchtlinge vor der Festung Europa von Paulo Moura, portug. Journalist

Fortsetzung (3)

Isaias ist Einzelgänger. Gefangen in einer Vision. Eine junge Frau kommt zu seiner zanga und setzt sich. "Ich habe Kopfweh, Herr Pastor." Isaias kramt in seinen Taschen, gibt ihr eine Tablette. Andere kommen mit Durchfall oder Lungenentzündung. Oder schleppen sich den Berg hoch, um in seinen Armen zu sterben. Oder um geboren zu werden. Viele Frauen bringen ihre Kinder im Wald zur Welt. Ohne Hilfe, ohne Medikamente, ohne Hygiene. Nach Missnana kommen keine Ärzte, keine NGOs und keine Ordensschwestern. "Zu gefährlich." Also ruft Isaias eine camarade, die vielleicht Erfahrung als Krankenschwester hat. Und ein weiterer Illegaler wird geboren. Oder stirbt.

Isaias ist dreißig und, obgleich Pastor, der einzige camarade, der keine Bibel besitzt. Die Marokkaner haben sie ihm im Durcheinander einer ihrer Razzien, wie er sagt, weggenommen und verbrannt. Was nicht weiter schlimm ist, da er das Heilige Buch auswendig kennt.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich seine zanga kaum von den anderen. Auf dem Boden liegt eine Decke, und ein Geflecht aus Ästen bildet das Dach. Aber er lebt hier allein, und das ist der Unterschied. Und dass es noch eine Art "Neben-zanga" gibt, in der eine junge Frau für ihn kocht. "Ich kann nicht arbeiten oder mich mit materiellen Dingen beschäftigen, ich muss meiner Gemeinde jederzeit mit geistigem Beistand zu Verfügung stehen können."

Er war bereits in Nigeria Pastor, wo er schon sehr früh Mitglied der Pfingstgemeinde wurde. Er hatte jahrelang Leute betreut, die illegal auswandern wollten. Bis er sich selbst dazu entschied.

Er durchlief die verschiedenen "Stationen" dieser Reise in beiden Richtungen. Zwei Monate in Niger, drei an der Grenze zu Mali, wo ihn Beduinen überfielen, vier an der algerischen Grenze, im Gebiet von Oujda, zwei an einem Ort nahe Rabat.

"camarades findest du überall. Zu Tausenden, auf der ganzen Strecke durch Afrika. An manchen Orten sind die Lebensbedingungen unvorstellbar. Die Leute haben dringend einen Pastor gebraucht."

Isaias brachte ihnen die Bibel näher, predigte ihnen Moral und sittliches Handeln, erzählte ihnen von Europa und dem modernen Leben, klärte sie über Recht und Gesetz auf, unterrichtete sie in Überlebensstrategien und hielt an allen Stationen des Santiagoweges durch Afrika Gottesdienste ab. Er trägt sich mit der Absicht, seine Missionsarbeit in Europa unter den Einwanderern fortzusetzen. Zwischen Benin City und Missnana, wo er vor acht Monaten ankam wie alle anderen auch, gibt es keinen camarade, der ihn nicht kennt. Er ist nicht nur ihr Priester, sondern auch ihr Medizinmann.


Mohammed steigt aus seinem Wagen und geht zu Fuß auf der Privatstraße des Königspalastes weiter. "Guten Tag!" Die bewaffneten Wächter begrüßen den fünfzigjährigen, zahnlosen Marokkaner mit dem dicken Bauch, der uns an der Steilküste entlang zum Strand führt, wie einen alten Bekannten. Wir passieren zwei weitere Wächter und gelangen an ein kleines Stück Strand. Wenige Meter vor uns ragt ein spitzer Fels aus dem Wasser.

"Von hier", sagt Mohammed, "fährt der Zodiac ab." Bei dem Fels stehen zwei junge Frauen in Nachthemden bis zu den Knien im Meer. Ein dünner, ernster Mann gießt ihnen aus Eimern Wasser über den Kopf. 99 Eimer mit Wasser vom Schönen Fels, und ein Ehemann ist garantiert, der Legende nach.

Mohammeds Zodiac ist ein neun Meter langes, mit Holz verstärktes Schlauchboot mit einem achtzig PS starken Motor. Es nimmt 35 Personen auf. "Wir kommen hier nachts mit den Illegalen her. In zehn Minuten haben wir sie alle an Bord."

Mohammed grüßt den Mann mit dem Eimer. Es ist sein Vetter. Von jedem Mädchen verlangt er je fünfzig Dirham, und es fehlt ihm nicht an Kunden. Das Geschäft mit Utopien ist ein Familienunternehmen.

Livingstone hat bereits die Hälfte für die Überfahrt mit dem zodiac bezahlt, aber der entscheidende Telefonanruf des camarade, der als Verbindungsmann zur marokkanischen Mafia fungiert, lässt auf sich warten. "Ich frage mich allmählich, ob mein Geld überhaupt an den Richtigen gekommen ist", sagt er.

In Missnana gibt es ein weitverzweigtes, undurchsichtiges Netzwerk von Gewährsleuten, das einer gewissen Grausamkeit nicht entbehrt. Die einen stellen den Kontakt zur marokkanischen Gibraltar-Mafia her, die anderen stehen mit der nigerianischen Mafia in Afrika und Europa in Verbindung, wieder andere nehmen das fällige Geld in Empfang oder kümmern sich um die Überweisungen, die für die camarades bei der Western Union eintreffen, sichern die Verpflegung, sind Polizeiinformanten oder sorgen für Ordnung im Wald. Und es gibt eine Hierarchie. Leute, die Macht haben, und solche, die keine haben. "Wir gehen nicht gerade zimperlich miteinander um", sagt Benjamin, der nur selten spricht.

Mohammed lässt seine Zodiacs von unterschiedlichen Stellen ablegen. Immer in der Nähe eines königlichen Palastes oder eines anderen gut bewachten Platzes. "Mir ist das lieber, ich besteche die Wächter, und wir sind geschützt. Es ist sicherer so. Manchmal helfen die Polizisten selbst den Illegalen ins Boot."

Sein bevorzugter Platz aber ist ein Strand in der Nähe des Hauses seiner Schwester. Ein Minibus holt die camarades bei Einbruch der Dunkelheit in Missnana ab. Er hält vor einer offiziellen Residenz des Königs. Die camarades nehmen eine Abkürzung zum Garten der Schwester, der auf einer Klippe liegt. Sie warten, bis der Befehl zum Abstieg kommt. Wenn sie den Strand erreichen, ist der zodiac abfahrbereit. Sie zahlen die noch fehlende Hälfte ihres "Fahrscheins" und steigen einer nach dem anderen ein. Männer, Frauen, Kinder. "Marokkaner nehme ich für tausend Dollar mit, Schwarze für zweitausend, weil sie ein größeres Risiko sind. Als erstes müssen die Marokkaner ihnen die Hände zusammenbinden, damit sie nicht auf die Idee kommen, dem Bootsführer eins überzubraten und mit dem Geld und dem Boot abzuhauen. Und dann nichts wie los. Wenn alles gutgeht, sind sie in drei Stunden in Spanien. Sieben Meter vom Strand entfernt müssen alle Mann über Bord. Auf eigene Gefahr." Es geht nicht immer gut aus. Oft kommen sie erst am nächsten Tag an, manchmal auch nie. Viele der Leichen im Leichenschauhaus von Tanger werden mit zusammengebundenen Händen eingeliefert.

Livingstone und Benjamin wünschen sich nichts sehnlicher, als mit einem Zodiac auf und davonfahren zu können, die Willkürherrschaft der Bosse von Missnana ist für kaum mehr zu ertragen. "Sie schlagen uns, wenn wir uns verlaufen oder beim Wasserholen verspäten …" Die "Bosse" sind diejenigen, die am längsten in Missnana sind oder die besten Beziehungen zur nigerianischen oder marokkanischen Mafia haben. Sie verlangen Geld für Essen, Kleidung, Schutz, Telefonate und den Zugang zu den Taxis, die sie kontrollieren. Jedem "Busch" steht ein Boss vor, der sich mit "Vater" anreden lässt. Sie haben ihre eigene Rangordnung, und hin und wieder gibt es Streit. Das Motiv sind Geld oder Frauen, die anderen wegnehmen zu können einige glauben, die sich als deren Männer oder als Mitunterzeichner eines "Vertrages" betrachten. In Missnana werden Schlachten ausgetragen, die weit blutiger sind als die Polizeirazzien.

Mohammed hatte nie eine richtige Arbeit. Er hat es zwar als Klempner versucht, aber das war nicht seine Sache. Bis er dann vor vier Jahren mit seinem Bruder die erste patera baute, ein primitives Holzboot. Es war die Hochzeit der heimlichen Emigration, da Spanien damals keine Visa mehr ausstellte. Mohammed organisierte rund 15 Überfahrten pro Jahr. Jetzt sind es noch fünf. "Wir benutzen keine Holzboote mehr. Inzwischen haben sich alle 'Unternehmer' Schlauchboote zugelegt." Rund zwanzig in der Umgebung von Tanger, und alle unabhängig. Keine organisierte Mafia. Niemand hat mehr als zwei Zodiacs.

Mohammed rechnet uns offen vor: Jede Überfahrt mit den Illegalen bringt ihm durchschnittlich 50 000 Euro ein. Davon gehen 7 000 an den Bootsführer und noch einmal soviel an den Polizisten, der für die Sicherheit sorgt. Der Fahrer des Minibusses sowie weitere Aufpasser und Kontaktleute bekommen insgesamt tausend Euro. Zieht man die 2 000 Euro Amortisationskosten ab - der Zodiac ist 12 000 wert -, bleibt ein Reingewinn von 33 000 Euro pro Trip oder, genauer: 165 000 Euro pro Jahr. Nicht eingerechnet das Geld, das die Drogen abwerfen, die immer mit an Bord sind.

"Aber es fallen ständig irgendwelche Extrakosten an, schließlich ist das Ganze ein Risikounternehmen. Vergangenes Jahr ist ein Zodiac untergegangen. Dabei sind einige ertrunken, auch der Bootsführer. Die Polizei hat ihn zusammen mit seinen Papieren gefunden und ist zu mir gekommen. Um fünf Uhr morgens standen sie vor der Tür und haben mich verhaftet. Der Anwalt hat mich 500 Euro gekostet und der Richter 2 000. Ich wurde zwar verurteilt, bin aber freigekommen. So ist das in diesem Land mit der Demokratie. Sie ist käuflich. Ganze 2 500 Euro und dann noch die 12 000 von dem Boot …"

Mit dem Gehabe eines Patriarchen sitzt Mohammed in dem Haus, von dem aus er die Illegalen in das Schlauchboot bringt; er stellt uns seine Schwester und seine 13 Kinder vor. Alle verheiratet, mit Ausnahme dreier lächelnder Mädchen. "Sie haben sich europäische Männer in den Kopf gesetzt", sagt die Mutter. Die Familie lebt in bescheidenen Verhältnissen, Mohammed bringt das ganze Geld durch. Seine Frau, eine fettleibige Dreiundvierzigjährige, die verschämt lächelt, zuckt die Achseln, als wir sie fragen, ob sie Angst hat. "Ich hab’ vor nichts mehr Angst", sagt sie und senkt ihre Stimme. Sie ist Fatalistin geworden.


Tief im Wald von Missnana haben sich Benjamin und Livingstone gewaschen und ihre besten Kleider angezogen. Es ist Sonntag. Sie sind bereit für den Gottesdienst.

Eine Lichtung, die ansteigt wie ein natürliches Amphitheater. Die Pastoren treffen als erste ein. Nicht Isaias, aber Emmanuel, Jonathan und vier weitere Prediger, sie alle erteilen vor dem eigentlichen Gottesdienst in kleinen Gruppen Bibelunterricht.

Anfangs sind es nur einige Dutzend camarades, die sich für die theoretischen Gespräche interessieren. Am späten Morgen aber geschieht Erstaunliches. Sie strömen aus allen Richtungen herbei, Männer und junge Frauen, einige mit Säuglingen auf dem Arm, alle sauber herausgeputzt und in ihren besten Kleidern, um an dem großen Wochenereignis teilzunehmen. Die Pastoren beginnen mit dem Gottesdienst, und die camarades suchen sich einen Stehplatz im Amphitheater. Es werden immer mehr, sie kommen in ganzen Pulks, schwatzend, frisch und in festlicher Stimmung, die camarades, Menschen, die seit Jahren im Wald leben, unter freiem Himmel schlafen, sich verstecken müssen, verfolgt werden, krank sind und verzweifelt. Jetzt sind es über 300, und sie wiederholen im Chor die Worte des Pastors: "Lasst uns vergeben. Wenn wir unserem Nächsten vergeben, wird auch der Herr uns vergeben. Please Master Jesus!" Rhythmisches Klatschen begleitet die Worte. "Please Master Jesus! Hallelujah! Hallelujah!" Und es werden immer mehr, es sind jetzt Hunderte. Plötzlich erhebt der Pastor die Stimme: "Wenn ich sage 'Singt!', dann singt und tanzt ihr alle. Ich möchte, dass ihr eure Körper gebraucht, um mit dem Herrn zu sprechen. Singt!" Und wie ein Orkan bricht es los. Sie schmettern, mehrstimmig, wie ein perfekter Chor, improvisieren, entwickeln eigene Rhythmen. Eine junge Frau springt nach vorn und ruft immer wieder: "Praise the Lord!" Der Satz wird von allen aufgenommen und unter rhythmischem Klatschen wiederholt. Lauter und lauter, in unterschiedlichen Stimmen, in Solos, in Duetten und komplizierten, spontanen Arrangements. Dann tritt Isaias auf. Jetzt geht es erst richtig los. Er brüllt: "Alle hoch mit den Armen!" "Augen zu und Arme hoch!" Eine Frau stimmt eine Melodie an. Isaias brüllt: "Jesus is love!" Die camarades wiegen sich hin und her und wiederholen: "Jesus is love!" Ein frenetischer, wahnhafter Wechselgesang beginnt. Wird schneller. "Jesus Christ is love! He is love!" Da setzt Isaias unvermittelt zu einer Moralpredigt an, ergeht sich über die kommenden Zeiten, die Gefahren und Herausforderungen, die auf die camarades im Wald, während der "Deportation", auf der Überfahrt und in Spanien warten. Eine immer glühendere Rede, ermunternd, aufwiegelnd, einem Ritual folgend, stürmisch, von Zurufen unterbrochen, Klatschen und Musik. "Sagt mir, was euch zerstört? Sagt mir, wer euch verfolgt, wer euch Böses will, euch das Brot nimmt und die Freiheit? Nichts und niemand! Nur ihr selbst zählt! Ihr und Gott! Ihr und Europa! You and the espanol!" Isaias rennt auf und ab, zetert, schneidet Grimassen, erzählt Geschichten, verkörpert andere Menschen; er ist ein Schauspieler, ein überspannter Pantomime. Sein Handy klingelt, der Sirenenton eines Krankenwagens, er wirft es auf den Boden, tritt nach ihm. "Sie schimpfen uns Neger. Gangster. Aber die Bibel sagt, dass nichts uns aufhalten kann. Wir sind unbesiegbar." Er ruft nach irgendeinem camarade aus der Menge und bittet ihn, ein Lied zu singen. Der Mann, groß und mager, in zerlumpter Kleidung und mit zwei verschiedenen Schuhen an den Füßen, stimmt einen eintönigen Singsang voll falscher Töne an. "Da seht ihr selbst!" sagt der Pastor. "Wir haben fantastische Leute! Mit unserem Talent, unserem Lächeln besiegen wir den Spanier!" Isaias gerät völlig aus dem Häuschen, fällt in Trance, und mit ihm alle camarades. "Haltet eure Hände vors Gesicht und seht sie fest an. Bittet den Herrn, sie zu segnen. Sprecht, sprecht mit dem Herrn! Nehmt euer Leben in die Hand, haltet es fest!"

Und schon beginnen die camarades, laut zu Gott zu sprechen. Jeder für sich und ganz persönlich, und jeder sieht dabei auf seine Hände. Einige schlagen sich gegen den Kopf, andere weinen, wieder andere schimpfen mit Gott, schreien aus voller Lunge. Die allgemeine Erregung steigert sich, erreicht ihren Höhepunkt. Erfasst den Wald wie ein Beben. Einige haben tiefe Schatten unter den Augen, andere sind mit Ausschlag übersät oder husten sich die Seele aus dem Leib. Alle sind krank oder vom Tod gezeichnet. Aber es ist, als ob sie gerade daraus Lebenskraft schöpften. Als sei jeder von ihnen nur eine Stimme, die sich laut bei Gott beschwert. "Nimm mir die Angst! Mach, dass ich nicht enttäuscht werde!" flüstert flehentlich und mit geschlossenen Augen eine junge Frau. "Lass mich an mein Ziel kommen."

Im Regen, mitten auf dem Intendenteplatz von Lissabon, wirkt Juliete wie ein verlorenes Kind. 8 000 Dollar hat sie bereits gezahlt. Jetzt fehlen nur noch 32 000. Sie glaubt, dass sie ihre Schulden bei durchschnittlich fünf Kunden pro Tag in sechs Monaten abgetragen haben wird. Dann ist sie frei.

Aus dem Portugiesischen von Ines Koebel

hoch
#49348 - 05/10/2004 21:49 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
Thomas Friedrich Offline
Mitglied*

Registriert: 08/02/2001
Beiträge: 3401
Ort: Errachidia und Umgebung, Marok...
Liebe Elvire,

vielen Dank für diese Geschichte!
Meine Erfahrungen mit diesen Leuten in Ceuta sind nicht ganz so schlimm, wie in diesem Medium beschrieben wird aber im Prinzip ähnlich.
Ich wünsche mir, daß diese Realität in millionenfacher Auflange gedruckt oder gar verfilmt, in den westafrikanischen Ländern der breiten Masse zugänglich gemacht wird.
In einem zweiten Teil könnte man dann vom tatsächlichen Leben in Europa berichten.
Ich bin mir sicher, daß dies, wenn es dann auch tatsächlich in den Köpfen der Menschen ankommt, so manchen überlegen läßt, wo er seine Energie und sein Geld nicht besser in den Aufbau seiner Zukunft in seinem Heimatland steckt.

hoch
#49349 - 06/10/2004 12:26 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
Souliman Offline
Member

Registriert: 17/02/2004
Beiträge: 239
Ort: Amsterdam
Hallo Allerseits,

tja, leider interessiert sich die Mehrheit der Leute nicht fuer die, die gescheitert sind, sondern fuer die die es "geschafft" haben, von denen es ja auch welche gibt.

Ausserdem ist man ja sowieso immer schlauer und macht es besser, als die anderen. ;\)


MfG

SOULIMAN

hoch
#49350 - 06/10/2004 21:52 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
Holger R. Offline
Mitglied

Registriert: 13/09/2002
Beiträge: 593
Ort: Achern - Nordschwarzwald
sagt mal das ist als Reportage gekennzeichnet, haltet Ihr das durchgängig für Real? Mag ja sein das ich blauäugig bin aber bei

"In einem unwirtlichen, menschenleeren Landstrich, glühendheiß bei Tag und eiskalt bei Nacht. Dort irren die camarades halb verhungert, wie Zombies, durch die Sandstürme, verrotten zu Tausenden."

frage ich mich doch, geht das so unbemerkt von der Öffentlichkeit? Mit EU Geldern?

(Auch wenn ich heute morgen im TV sah das die Italiener ja auch gegen alle internationalen Rechte Flüchtlinge postwenden ohne jegliches verfahren nach Lybien zurück bringen)

hoch
#49351 - 07/10/2004 20:47 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
Elvire Offline
Mitglied

Registriert: 10/07/2002
Beiträge: 1616
Ort: Süddeutschland
Hallo Holger,

ich glaube nicht, dass der Journalist sich den Bericht aus den Fingern gesogen hat, denn, wenn ich das Interview mit einem marok. Anwalt aus Tanger lese, dann scheint das Schickal der Schwarzafrikaner tatsächlich ein Schweres zu sein.

[>] Was passiert mit den Schwarzafrikanern, die beim illegalen Grenzübertritt erwischt werden?

Anwalt: Die müssen nicht nur zahlen, sondern werden buchstäblich in die Wüste geschickt. Dorthin, von wo sie gekommen sind. An die algerische Grenze, entweder in den Süden in die Sahara oder in den Nordosten nach Oujda. Dort müssen sie sehen, wie sie weiterkommen.

[>] Das liegt daran, dass die meisten illegal in Marokko sind? A: Ja, fast alle haben kein Visum, keine Aufenthaltsgenehmigung. Die meisten reisen ja auch illegal über die algerische Wüste ein. Wer legal einreist, bekommt oft nur eine Woche Aufenthaltsgenehmigung.
http://no-racism.net/article/549/

hoch
#49352 - 08/10/2004 07:08 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
lobozen Offline
Member

Registriert: 16/03/2004
Beiträge: 650
Ort: pattaya
"Auch wenn ich heute morgen im TV sah das die Italiener ja auch gegen alle internationalen Rechte Flüchtlinge postwenden ohne jegliches verfahren nach Lybien zurück bringen"

"fluechtlinge", die tausende von dollars fuer ihre reise bezahlen koennen?
summen, mit denen sie sich in ihren heimatlaendern oft sehr wohl eine existenz aufbauen koennten.

ich wuerde eher sagen, es sind ZUWANDERER, die illegal eu-gebiet betreten wollen und damit gegen geltendes recht verstossen.

allein letzte woche sind auf lampedusa ueber 1700 "fluechtlinge" angekommen. das dortige lager ist fuer 200 leute ausgelegt.

sicher ist es auch die schuld der bekannt faschistischen eu-politik, wie diese leute (laut bericht) in marokko behandelt werden.
man koennte sie ja mit flugzeugen direkt aus den heimatlaendern nach europa fliegen und damit verhindern, dass sie sich in so unfreundlichen und gefaehrlichen laendern wie marokko aufhalten muessen.

ich nehme uebrigens an, dass die betroffenen es vorzoegen, in schily's "internierungslagern" zu leben, statt in waeldern und erdloechern. oder?

lobozen
(der gerade von der burmesich-thailaendischen grenze kommt, wo man ECHTE fluechtlinge und deren leiden antrifft. menschen, die verfolgt werden und nicht exorbitante "reisekosten" finanzieren koennen)
_________________________
speerspitze der aufklaerung \:\)

hoch
#49353 - 08/10/2004 13:34 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
Souliman Offline
Member

Registriert: 17/02/2004
Beiträge: 239
Ort: Amsterdam
Servus Lobozen,


schoen das man wieder von dir liest, hoffe dir gehts gut! \:\)

Was hat dich denn an diese Grenze verschlagen?


MfG

SOULIMAN

hoch
#49354 - 08/10/2004 17:14 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
lobozen Offline
Member

Registriert: 16/03/2004
Beiträge: 650
Ort: pattaya
servus souli,
ich musste mal ein paar wochen raus aus pattaya und weg vom pc \:\) .
burma wollte ich schon lange bereisen und das politische tauwetter da ermoeglicht endlich auch einen besuch der grenzregion, ohne gleich erschossen zu werden.
trotzdem habe ich mich in marokko immer und ueberall wesentlich sicherer gefuehlt \:\) .
lobozen
_________________________
speerspitze der aufklaerung \:\)

hoch
#49355 - 08/10/2004 17:29 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
Souliman Offline
Member

Registriert: 17/02/2004
Beiträge: 239
Ort: Amsterdam
Hi,

Burma, ist das nicht Myanmar?

Hab gar nicht gewusst das es dort Krieg gibt!

Nehme an, nach so einem Trip fuehlt man sich zu Hause wie neu geboren! \:D


MfG

SOULIMAN

hoch
#49356 - 08/10/2004 18:41 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
Holger R. Offline
Mitglied

Registriert: 13/09/2002
Beiträge: 593
Ort: Achern - Nordschwarzwald
ja Lobozen und da schliest sich der Kreis und wir sind wieder bei dem Punkt was sollen sie denn sonst machen. In dem Punkt lieber Lager als ertrinken hab ich ja meine Meinung schon gesagt und stehe daher für manchen hier auf der Liste der Faschisten - aber es bringt alles nichts die zurück nach Lybien gebracht werden probieren es sicher auch wieder, vieleicht auf einem längeren noch gefährlicheren weg.

Problematisch wird es aber doch dort wo staatliche Instanzen gegen Recht eklatant verstossen - und wenn "Bilder" dieser deportierungen in Marokko in die Medien kämmen würde das doch ein ganz anderes Level erreichen. Vieleicht findet sich ja hier noch das ein oder andere Puzzlestück, ich denke Marokko kann sich dieses vorgehen genauso wenig leisten wie ein Eu Staat, für die EU wirds noch peinlicher weil ja irgendwie per Scheck und duck weg initiert. Das ist ja auch einige Nummern härter wie das vorgehen der Italiener, so wie es da steht könnte man sich den Trnsport ja auch sparen und die Menschen gleich auf offener See verkappen?

Bei aller MArokko Leidenschaft da würde ich auch Energie investieren diese Bilder selber zu suchen und festzuhalten, wenn sich möglichkeiten und konkreteres ergeben.

Aber wie schon geschrieben kann ich für mich die Quellen nun nicht wirklich beurteilen und frage deswegen Euch und danke für weitere Hinweise - vieleicht bin ich ja doch zu blauäugig und sowas ist einfach normal?

Ansonsten dito Lobozen, welcome back,bin ich auch dachte schon du hast dem Forum den Rücken gekehrt was doch schade gewesen wäre!

hoch
#49357 - 10/10/2004 15:08 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
Helias Offline
Mitglied

Registriert: 10/09/2003
Beiträge: 189
Ort: Österreich
Teil 1:

Bonjour Elvire,

danke für den Text von Paolo Moura. Das Problem, das ich damit habe, ist weniger, dass mir das dort Geschilderte gar so übertrieben oder unrealistisch erschiene – was mir hingegen sehr schwer fällt: nachzuvollziehen, was in den Köpfen dieser Illegalen vorgeht, die um jeden, aber auch wirklich jeden Preis nach Europa zu gelangen versuchen – was angesichts dessen, was sie dafür zu erdulden bereit sind, wie eine Art Besessenheit anmutet...

Reicht die diesen Menschen vielfach zugeschriebene Kombination von Blödheit, Naivität u. dem Wunsch nach einem materiell „besseren“ Leben denn aus, diesen unbedingten Willen zu erklären, nach Europa zu gelangen, koste es, was es wolle? Ich glaube: nein.

Ein paar zusätzlich Erklärungen u. Motive finden wir in einem letztes Jahr in der „Zeit“ erschienenen Artikel:

http://www.zeit.de/2003/45/Tanger

Ein paar Auszüge:
„Die Odyssee von Patricia Omorigie, 27 Jahre alt, begann im Januar 2001. Zweimal wurde sie verraten, einmal ist sie fast verdurstet, sie wurde festgenommen, sie hat sich den Fuß gebrochen. „This road is bloody“, sagt Pat, diese Route ist durchtränkt mit Blut.

Sie kennt Nigerianer, die von anderen Nigerianern gefoltert wurden, weil sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten. Eine ihrer Freundinnen wurde vor einem halben Jahr entführt, 7000 Euro sollen ihre Eltern für sie zahlen.

Pat sagt: „Früher war ich entspannter. Freier. Früher musste ich mir nie Sorgen darüber machen, wo ich schlafe oder was ich esse. Früher haben Charles und ich uns nie gestritten. Jetzt streiten wir uns oft. Dieses Leben in Marokko ist kein Leben.“[...]

„Anfangs war es eine marokkanische Mafia, die Schwarze aus ganz Afrika in wackeligen Holzbooten transportierte. Mit der Zeit übernahmen Nigerianer einen Großteil des Geschäfts, man stieg um auf riesige schwarze Schlauchboote, für 40, 50 Passagiere. Migranten aus Ghana, dem Senegal oder Kamerun sah man immer seltener in Tanger. Sie wichen aus auf andere Routen. Über Tarfaya auf die Kanarischen Inseln, von Tunis nach Lampedusa.

Dafür kamen immer mehr Nigerianer: Victor, ein Autoschlosser, dessen Werkstatt schlecht lief; Vincent, der fünf Jahre studierte, keinen Job fand und nun nach „grüneren Weiden“ sucht; Steven, der das Auto seines Vaters verkaufte, um die Reise zu bezahlen; Stanley, ein Soldat, der desertierte; Efosa, der nicht weiterkam als Kunstschnitzer; Liliane, die es zum zweiten Mal versucht, obwohl sie in Aachen ein halbes Jahr im Abschiebeknast saß; Osas, der beweisen will, dass er ein Mann ist; Matthew, der Dealer war und wieder Dealer werden will; Godfrey, der Autofahrer überfiel und floh, als die Polizei seine halbe Gang erschoss; Osatu, die von zu Hause ausgerissen ist; Derek, ein Ingenieur mit höflichen Manieren. Sie alle kommen aus Nigeria. Sie alle stammen aus der gleichen Gegend. Aus Edo-State, aus dem Süden des Landes, aus Benin City und Umgebung. Pat kommt daher, Charles auch, genau wie Bright, ihr patron.

Noch immer glauben viele, dass es vor allem Armut ist, die Menschen aus ihrer Heimat fortziehen lässt. Doch Migration hat viele Gründe, und Armut ist nicht der wichtigste. Entscheidend sind Netzwerke, Informationen, Kontakte. Kein Mensch zieht einfach los ins Blaue, es zieht ihn dorthin, wo Nachbarn, Freunde, Geschwister von ihm hingegangen sind. Migranten suchen Sicherheit. Und meist sind es die relativ Bessergestellten, die sich entschließen auszuwandern. Sicher sind Arme an Bord der Schlauchboote, aber auch viele andere: Ehrgeizige und Abenteurer, Skrupellose und Listige, junge Handwerker und arbeitslose Akademiker.

„In Benin City gibt es keine Straße, aus der nicht jemand kommt, der jetzt upstairs ist“, sagt Pat. Upstairs. Oben. In Europa.““[...]

„Im Grunde begann ihre Reise an jenem heißen Tag, an dem sie sich frühmorgens vor dem deutschen Konsulat in Lagos anstellte, die Einladung ihres Bruders in der Hand – und ihr Gesuch um ein Visum abgewiesen wurde. Bald fand ihr Bruder einen anderen Weg, sie nach Deutschland zu holen: Pat sollte mit einem gefälschten Visum von der Elfenbeinküste nach London fliegen. Am 4. Januar 2001 bestieg sie den Bus in Nigeria, ihre Mutter weinte beim Abschied, aber Pat machte sich keine Sorgen. Ihre Reise würde kurz und sicher sein.

Doch in der Elfenbeinküste angekommen, verschwand der Mann, den sie bezahlt hatte. Pat saß fest in Abidjan, ohne Geld, ohne Visum. Aber sie blieb, sie wollte weiter. So lernte sie Charles kennen. Er war vom selben Schlepper betrogen worden. Charles hat die Statur eines Boxers und ein großes Herz. Sie wurden ein Paar.

4000 Euro hatte Pat verloren. Es gab nur eine Möglichkeit – sie und Charles mussten den gefährlichen Landweg nehmen. Von Mali nach Marokko, quer durch die algerische Sahara. Zwei Jeeps, 40 Passagiere, nachts fahren, tagsüber ein Versteck suchen, vor der Sonne und den Helikoptern. Eines Morgens fuhren die Jeeps davon, als es Abend wurde, kamen sie nicht wieder. Die Reisenden saßen fest, mitten im Nichts, verloren im Erg Chech.

Zu acht sind sie dann losgelaufen, nachts, auf einen fernen Lichtschein zu. Sie fanden leere Kanister, stießen auf eine Viehtränke, trafen Reisende, die ihnen Brot gaben. 20 Nächte sind sie gewandert, Pat hatte blutige Füße, Charles stützte sie, so erreichten sie schließlich Reggane, ein Dorf im hintersten Winkel Algeriens.

Pat könnte vom Durst reden. Von ihrer harten Kehle, von ihrer geschwollenen Zunge, vom ekligen Geschmack im Mund, vom rasselnden Husten. Aber so spricht sie nicht. Sie sagt schlicht: „Das war das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Ich dachte, ich muss sterben.“

„Eines Tages werden wir unseren Kindern erzählen, was wir alles durchgemacht haben“, sagt Charles.

Die Reise ging weiter. Die Grenze nach Marokko überquerten sie zu Fuß, bis Tanger wurden sie in Lastwagen gebracht. Pat hätte ein Schlauchboot nehmen können, aber ihr Bruder in Deutschland hatte Probleme, der Geldfluss versiegte, wieder saß Pat fest. Zu stolz, um umzukehren, vorerst ohne jede Chance, weiterzureisen.

Ein halbes Jahr war Pat in Tanger, da wurde sie verhaftet. Lange Jahre hat Marokko die Afrikaner einfach durchziehen lassen, doch auf Bitten, Drängen und Drohen der EU wirkt auch die Regierung in Rabat inzwischen mit bei der Verteidigung der Festung Europa. Aber wie planlos, wie dilettantisch! Auf Straßen, in Wäldern und Pensionen fangen die Gendarmen die Schwarzen und bringen sie zurück an die algerische Grenze, die seit Jahren geschlossen ist. Im Niemandsland zwischen Oujdah und Maghnia werden die Afrikaner dann aus dem Bus gestoßen. Run! Run!, rufen die Marokkaner und heben ihre Gewehre, lauft dahin, wo ihr hergekommen seid!

Pat ist gelaufen. Die Frauen wussten, was sie nun erwartet, sie wollten es um jeden Preis vermeiden. Sie warfen ihre künstlichen Haarteile weg, sie wälzten sich im Dreck, sie ließen sich die schäbigsten und stinkendsten Kleider von den Jungen geben und sanken stöhnend zu Boden, als die algerischen Soldaten sie in Empfang nahmen. Als wären sie krank. Denn jene Soldaten sind bekannt dafür, dass sie die schwarzen Frauen vergewaltigen, bevor sie sie nach Marokko zurückschicken.

Pat wurde nicht angerührt. Die Maskerade wirkte. 100 Dollar kostete die Fahrt zurück nach Tanger, nachts in einem geschlossenen Lastwagen. Dort angekommen, geschah bald ein weiteres Debakel. Pat brach sich den Fuß. Es passierte, als sie eines Nachts der Polizei davonlief, als sie von der Dachterrasse aufs Nachbarhaus springen wollte. Im Krankenhaus bekam sie einen Gips und zwei Krücken, aber der Bruch ist nicht richtig verheilt. Bis heute benutzt sie die Krücken. Einerseits, weil das eine perfekte Tarnung ist und sie vor weiteren Abschiebungen schützt. Andererseits, weil ihr Fuß bis heute wehtut.“[...]

„Manchmal denkt Pat, dass sie einen Fehler gemacht hat. Dass sie nicht hier sein sollte. Dann sehnt sie sich zurück nach Lagos, in ihren Laden, zu ihrer Familie, in die chaotische Ereignislosigkeit ihres Alltags.

Doch nicht lange, und sie erliegt wieder dem Sog, der von Europa ausgeht. Sie hat ein Ideal: Sie will eine gute Tochter sein. Sie will einmal für ihre Mutter sorgen. Als ein Niemand ist sie aufgebrochen, sie würde es sich nicht verzeihen, mit leeren Händen umzukehren. Sie weiß, wie viele es vor ihr geschafft haben, alle daheim wissen das. „Würde ich abgeschoben, ich würde es auf jeden Fall noch einmal versuchen“, meint Pat.“[...]

hoch
#49358 - 10/10/2004 15:16 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
Helias Offline
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Teil 2:

Hallo Holger,

„Mit EU-Geldern?“-

Ich seh das so: Die EU-Gelder sollen bewirken, dass das, was „aber wie planlos, wie dilettantisch!“ geschah u. daher nicht im Sinne der EU war u. ist, systematisch u. effizient getan werden soll. Richtige, solide EU-Lager, damit die armen Illegalen nicht in irgendwelchen Erdhöhlen hausen müssen, die werden sich sicher freuen... Da den Illegalen aber bewusst ist, dass sie illegal sind, und zwar deshalb, weil sie keine legale Möglichkeit der Einreise nach Europa gefunden haben, aber unbedingt nach Europa wollen, könnte es durchaus sein, dass mit EU-Geldern Lager in die nordafrikanische Landschaft gestellt werden, die eher dem Typus des Hochsicherheitstrakts als dem des Flüchtlingslagers entsprechen, und wo einige Immigrationswillige einige Zeit lang sitzen, bevor sie in den allermeisten Fällen abgeschoben werden und es in vielen Fällen erneut versuchen, und, gewitzt durch Erfahrung, sich dann eine besonders versteckt gelegene Erdhöhle suchen, um so die Gefahr möglichst gering zu halten, aufgegriffen u. in ein Lager gebracht zu werden. Ob die Zurückgeschickten daheim Gelegenheit haben, Informationen an andere Auswanderungswillige weiterzugeben über die Lager u. die äußerst geringen Chancen, von dort nach Europa zu gelangen, u. den Kollegen Tipps zu geben, wie es sich am ehesten vermeiden ließe, dorthin zu geraten, entzieht sich meiner Kenntnis; ebenso, ob die zur Verbringung in die Lager in Ermangelung diesbezüglicher Kooperationsbereitschaft der Illegalen erforderlichen Polizeiaktionen ebenfalls mit EU-Mitteln finanziert werden sollen. Weiters entzieht sich meiner Kenntnis, ob daran gedacht ist, im Verlauf solcher Aktionen gegebenfalls zu beklagende Verletzte oder Tote auf EU-Kosten zu behandeln oder zu bestatten. Ich weiß leider auch nicht, ob Pläne bestehen, als ergänzende Maßnahme zumindest eine verstärkte Unterstützung der Transitländer (wenn schon nicht der Ursprungsländer) bei der Bekämpfung von Schleppern und Menschenhändlern durchzuführen, u. zwar mit EU-Geldern.

Ich seh schon, ich werd heut keine Ruh geben können, bevor ich das, was Du in Deinen Zeilen kurz ansprichst, hier formatfüllend breitgewalzt haben werde, und deshalb:

Hi Lobozen,

willkommen zurück!

Ich hab ein wenig den Überblick über die vielen Beiträge hier verloren – hat denn irgendjemand die EU-Politik als „faschistisch“ bezeichnet? Müssen wir sie gegen diesen Vorwurf verteidigen? Wo es doch ganz andere Vorwürfe gibt, die man ihr im Zusammenhang mit dieser Internierungslageridee machen kann, ohne dabei auf den Begriff „faschistisch“ zurückgreifen zu müssen...

Vorbemerkung: Die Lektüre des „Zeit“-Artikels, aus dem ich weiter oben Auszüge zitiert habe, führt mich u.a. zu folgenden Schlussfolgerungen: Die, die sich im Streben nach „Sicherheit“ (ich vermute, da ist nicht nur die materielle Sicherheit gemeint, also ein höheres Einkommen, sondern auch das Mehr an Sicherheit in den politischen, sozialen, rechtlichen Rahmenbedingungen, das Europa im Vergleich mit anderen Regionen zu bieten hat) erst einmal auf den Weg nach Europa gemacht haben, u. deren Weg sich als alles andere denn „ kurz und sicher“ erwiesen hat, u . die dann zurückgeschickt wurden, haben viele Gründe, es dennoch immer wieder zu versuchen: Die Schulden, die es abzuzahlen bzw. abzuarbeiten gilt, bei Verwandten... oder bei Menschenhändlern; der Bruder, Onkel usw., der´s ja trotz allem auch geschafft hat; die Mutter, die Familie, die Freunde, denen gegenüber es das Gesicht zu wahren gilt; die bereits investierten Energien u. erduldeten Qualen, die physischen u. psychischen Opfer, die doch nicht einfach total umsonst gewesen sein können, u. je schlimmer es ist, je schwerer fällt es, sich damit abzufinden, dass all die Strapazen sinnlos u. für´n Hugo gewesen sein könnten... (Je mehr Energie bereits zur Erreichung eines Ziels aufgewendet wurde, je schwieriger wird es, dieses Ziel grundsätzlich in Frage zu stellen.)

Zu den Lagern: Mag sein, dass Lager tatsächlich eine brauchbare Lösung für irgendwelche Probleme darstellen. Vielleicht für die der europäischen Politiker gegenüber den europäischen Wählern. Aber vielleicht auch nur so lange, wie Holger schon andeutete, bis europäische Massenmedien kritische Berichte veröffentlichen über das, was in u. um diese Lager herum aller Voraussicht nach geschehen wird, wenn wir von der Prämisse ausgehen, dass kein Illegaler ein Interesse daran haben kann, sich freiwillig in ein solches Lager zu begeben, wenn das seine Chancen, nach Europa zu gelangen, nicht erheblich verbessert (was wiederum nicht im Sinne der EU ist), Illegale also mit Zwang u. Gewalt dorthin gebracht u. festgehalten werden müssen.

Mit EU-Mitteln finanzierte Internierungslager ausserhalb Europas könnten aber auch eine (Teil-)Lösung für das Problem der EU darstellen, die Verantwortung für unerfreuliche und mit den Menschrechtsstandards innerhalb der EU nicht zu vereinbarende Maßnahmen selbst übernehmen zu müssen. Da träfe es sich doch günstig, wenn sich diese Verantwortung an jene Länder delegieren ließe, die ohnehin schon keine besonders gute Presse haben (Libyen – wär doch ideal! Gaddafis Leute sind sicher die Richtigen für diesen Job.)

Wie komm ich auf solche Gedanken? Bei der Lektüre dieses Artikel auf euobserver.com:
http://www.euobserver.com/?sid=9&aid=17437
U.a. dort zu lesen:
Jonathan Faull, the head of the Commission's Justice and Home Affairs service, told journalists that earlier proposals to set up EU asylum centres in North Africa were "very different from the ones we are talking about now"[…]
The Commission said that its announcement last week to support the five north African countries was purely assistance to build capacity and was in conjunction with the United Nations High Commissioner for Refugees.


Also: Keine zweckgebundenen Mittel für die Errichtung von Lagern, keine offiziellen Direktiven der EU, was mit den Geldern zu geschehen hat, die nordafrikanischen Staaten dürfen selber entscheiden u. die Entscheidungen verantworten, und „capacity building“ ist ein weites Feld, da kann alles Mögliche drunter fallen, von der Ausbildung von Betreuern oder spezieller Polizeikräfte bis zum Ausbau der Infrastruktur, z.B. Internierungslager...

Lobozen, Du kennst den Unterschied zwischen Sarkasmus und Zynismus, nicht wahr?

„Faschistisch“ muss eine EU-Politik gar nicht erst sein, um mich zu Kritik zu veranlassen. „Inhuman“ u. zusätzlich noch „Symptome statt Ursachen bekämpfend“, eventuell auch noch „heuchlerisch“, das reicht mir für´n Anfang schon mal...

Dass es anderswo noch viel inhumanere gibt, ist eine traurige Tatsache, nur diskutieren wir in diesem thread über eine Entscheidung, die die EU zu verantworten hat - oder soll ich sagen: hätte? - u. nicht über Entscheidungen, die diese anderen Regierungen zu verantworten haben, die gegen ihre eigenen Staatsbürger schon sehr viel Gewalt in verschiedensten Formen einsetzen, von illegalen Migranten ganz zu schweigen... Und wenn die EU mit Kritik an Menschenrechtsverletzungen in anderen Staaten Erfolg haben will, tut sie gut daran, sich diesbezüglich ein Minimum an Glaubwürdigkeit zu bewahren.

Sosehr ich davon überzeugt bin, dass kein Land der Welt gezwungen werden sollte, s ä m t l i c h e Einwanderungswilligen aufzunehmen, sosehr hoffe ich, dass wir Europäer bessere (und auch: ehrlichere) Lösungen finden werden, uns die Unerwünschten - wobei ich persönlich das Unerwünschtsein einerseits nicht an bestimmten Personengruppen oder Herkunftsländern festmachen möchte, und mir andererseits nicht vorstellen kann, wie es möglich wäre, ohne zahlenmäßige Beschränkung auszukommen – uns diese Unerwünschten also vom Leibe zu halten, als Internierungslager in mehr (Libyen) oder weniger (Marokko) undemokratischen Drittstaaten.

(ECHTE Flüchtlinge gibt´s übrigends auch in Nigeria, u. in einigen Fällen hätte ich auch heute noch Verständnis für Marokkaner, die in Europa um politisches Asyl ansuchen, wobei die Zahl solcher Fälle in den letzten Jahren glücklicherweise stark gesunken ist.)

hoch
#49359 - 10/10/2004 15:31 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
Helias Offline
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Teil 3:

Hallo Thomas,

Deiner Idee, „Aufklärungskampagnen“ in den Ursprungsländern durchzuführen, kann ich da auf Anhieb schon wesentlich mehr abgewinnen. Vor allem, weil dieser Vorschlag nicht darauf abzielt, sich bloß der Auswirkungen eines Übels zu entledigen, sondern darauf, dessen Ursachen zu bekämpfen.

Aber nimm mal Nigeria: Ein von Gewalt u. Korruption auf allen Ebenen noch immer ziemlich zerfressenes Land. Die „Realität“ dort, inklusive warlords, religiösen Fanatikern (Stichwort: Amina Laval) , Demonstranten niederschießenden Regierungstruppen (s. http://hrw.org/german/docs/2004/05/17/nigeri8594.htm), Menschenrechtsverletzungen noch u. nöcher, an nahezu allen wirtschaftlichen Transaktionen beteiligten mafiaähnlichen Organisationen, familiären Racheakten etc. etc. etc.- die Situation dürfte wohl für viele Nigerianer auch einiges Abschreckende an sich haben... Mit Unterstützung der - je nach Betrachtungsweise: Aufklärungs- oder Abschreckungsaktionen von Seiten der nigerianischen Regierung ist nicht zu rechnen, noch viel weniger als in Marokko, wo zwar hin u. wieder der „brain drain“ ein bisschen bejammert wird, die Überweisungen der Auslandsmarokkaner aber einen fix eingeplanten, nicht unbeträchtlichen Posten der Zahlungsbilanz ausmachen.

(Hatte Grossbritannien im 19. Jhdt. denn a) ein Interesse daran, seine angesichts von politischen u. religiösen Konflikten, Überbevölkerung u. Armut massenweise nach Nordamerika auswandernden irischen Untertanen (Bevölkerung 1840 ca. 8,5 Mio., 2003 ca. 4 Mio.!) im Lande zu behalten u. b) falls ja, wie hätten sie das denn bewerkstelligen sollen? Mit Aufklärungskampagnen über gesunkene Überseeschiffe, böse Indianer u. die schlimmen Zustände in den Goldgräbersiedlungen und in den Arbeiterslums der Industriegebiete?- Ja, nach dem EU-Beitritt hatten sie fulminante Wirtschaftswachstumsraten, die Iren, u. genau das würde ich Ländern wie Marokko oder auch Nigeria ebenfalls wünschen, aber selbst unter den allergünstigsten Bedingungen wird damit in näherer Zukunft wohl nicht zu rechnen sein... Ich versuch, es noch mal anders, weniger polemisch, zu formulieren: In dem Maß, in dem wirtschaftliche Gründe auschlaggebend sind für den Auswanderungswunsch, werden wirtschaftliche Gründe auch ausschlaggebend sein für die Entscheidung, zu bleiben, und gerade auf diesem Gebiet hätte die EU noch eine ganze Reihe derzeit nicht genutzte Möglichkeiten, die Anreize fürs Bleiben zu verstärken.)

 Antwort auf:
Ich bin mir sicher, daß dies, wenn es dann auch tatsächlich in den Köpfen der Menschen ankommt, so manchen überlegen läßt, wo er seine Energie und sein Geld nicht besser in den Aufbau seiner Zukunft in seinem Heimatland steckt.
Ja, sofern auch die poltische Situation im Land u. die Sicherheits- u. Rechtslage einen Funken Hoffnung darauf zulassen, dass sich das mit mehr oder weniger ehrlicher Arbeit Erwirtschaftete nicht morgen schon infolge individueller oder kollektiver Gewaltakte oder des willkürlichen und korruptionsunterstützten Zugriffs von Mächtigeren in Nichts auflöst. Und diesbezüglich sind doch recht erhebliche Unterschiede etwa zw. Marokko einerseits u. manchen afrikanischen Staaten andererseits festzustellen.

Aufklärungsarbeit, was die bei der Migration zu erwartenden Scherereien anlangt, halte ich für sehr wünschenswert, damit Auswanderungswillige die Risiken besser einschätzen können, aber in welchen Regionen u. welchen sozialen Schichten wie viele damit von ihrem Vorhaben abzubringen sein werden...? Ich hab den Verdacht, dass das auch nicht die Patentlösung sein wird.-

Noch eine kleine Frage am Rande, Thomas: Manche nehmen´s in Kauf, sich von Eidechsen u. Heuschrecken zu ernähren ;\) u. mit den (Un-)Sitten diverser Entwicklungsländer herumzuschlagen, andere, sich als Illegale in Europa mehr schlecht als recht durchzuschlagen... Sind Letztere denn so v ö l l i g anders gestrickt als Erstere? \:\)


Schönen Sonntagnachmittag noch allerseits u. sorry für die Länge des Texts, aber wenn ich schon mal in die Lage komm, nicht nur Lust zu haben, hier meinen Senf dazuzugeben, sondern auch noch Zeit dafür, dann fällt mir das Maßhalten schwer!

hoch
#49360 - 10/10/2004 18:29 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
haskamp Offline
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hallo elvire
A L L E S , aber auch wirklich A L L E S was ich bisher hier vor ort zu diesem thema gefunden habe, stimmt n i c h t ueberein, was dieser S C H R I F T S T E L L E R aus portugal erzaehlt. ich habe kontakt zur dt. presse (nicht die BILD) zur hiesigen polizei, zum hiesigen zoll, aber diese schauergeschichten von diesem SCHRIFTSTELLER a la konsalik sind frei erfunden.(ein bisschen wahrheit ist natuerlich an jeder geschichte) warum und weshalb die ''fluechtlinge'' dieses abenteuer auf sich nehmen, darueber koennen wir hier im forum diskutieren bis wir schwarz werden, wir werden n i e eine loesung finden. gruss haskamp

hoch
#49361 - 11/10/2004 18:42 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
Helias Offline
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Korrektur: Statt des nicht funktionierenden links in meinem gestrigen Beitrag hier ein anderer zur Flüchlingssituation in Nigeria
http://www.refugees.org/wrs04/country_updates/africa/nigeria.html

Auch nicht aus „Bild“, sondern aus „Le Monde diplomatique“, ein Ausschnitt aus einem Artikel über europäische Asylpolitik:

"Illegale Auswanderung", ein Begriff mit Zukunft

AUF dem Ratsgipfel von Thessaloniki im Juni 2003 fand der britische Vorschlag allerdings keine Zustimmung. Stattdessen wurde beschlossen, dass die EU verstärkt Rücknahmeabkommen mit den Auswanderungsländern schließen solle. UNHCR-Hochkommissar Lubbers, der abwechselnd für und gegen die Flüchtlinge Partei ergreift, ermahnte die Unionsländer im November 2003, bei der Ausarbeitung einer gemeinsamen Asylpolitik müsse man auch die Menschenrechtsgarantien einhalten - und zwar auch die in den "sichere Drittländern".
Trotz dieser löblichen Erklärung scheint sich das UNHCR zunehmend von seiner eigentlichen Aufgabe, dem Schutz der Flüchtlinge, zu entfernen und sich der europäischen Auslagerungspolitik unterzuordnen.(16)
Wer die Flüchtlinge loswerden will, muss Sonderauffanglager gründen wollen. Die Rede von "sicheren Drittländern", "Rücknahmeabkommen" und "Transitzentren" bedeutet immer schon die Kasernierung unerwünschter Personengruppen. Dabei hatte die Genfer Konvention von 1951 den Asylanspruch auf alle Personen ausgeweitet, die "begründete Furcht" haben, wegen einer Gruppenzugehörigkeit verfolgt zu werden.(17)
Die neue EU-Politik hingegen, die auch beim UNHCR Zustimmung findet, geht umgekehrt davon aus, dass bestimmte Personen gerade aufgrund ihrer Zugehörigkeit keinen Asylanspruch bei uns geltend machen können. Ein ideologisches Manöver, das aufgrund seines selbstreferenziellen Charakters Anlass zu schlimmsten Befürchtungen gibt: Man sortiert die Menschen nach ihrer Herkunft und rechtfertigt allein damit schon das Auswahlkriterium. Diese Politik führt automatisch zu einem flüchtlingsfeindlichen Rassismus, der sich gegen bestimmte nationale oder ethnische Gruppen richtet, wie er in Italien gegenüber den Albanern und in Frankreich gegenüber den rumänischen Roma bereits heute zu beobachten ist.
Die anvisierte Auslagerung der Flüchtlingsproblematik muss auch die internationalen Beziehungen beeinträchtigen. Denn diese Politik führt nicht etwa dazu, den Imperialismus zu überwinden, sondern führt geradewegs in imperialistische Beziehungen zurück. Schon die Verhandlungen zur EU-Osterweiterung boten ein wenig erquickliches Schauspiel, denn die Beitrittskandidaten mussten ihre "Eintrittskarte" durch willfährige Hilfe bei der Eindämmung der Migrationsströme erkaufen. Mit Polen zum Beispiel unterzeichnete die "Schengen-Gruppe" bereits 1990 ein Rücknahmeabkommen. Derzeit zeichnet sich auf diesem Feld eine neue internationale Arbeitsteilung ab. Rücknahmeabkommen und Auffanglanger für Asylbewerber werden immer mehr zum Gegenstand zweifelhafter Kungeleien.
Verschuldete Drittweltländer müssen damit rechnen, dass die EU weitere Entwicklungshilfe von ihrer Bereitschaft abhängig macht, die Migration "an der Quelle" zu bekämpfen. Dies unterstützt nicht nur die ohnehin korrupten Staatsführer, die nur zu häufig die alleinigen Nutznießer der so genannten Entwicklungshilfe sind, es festigt auch die aus Kolonialzeiten stammenden Seilschaften. Auf der Strecke bleibt der Flüchtling, der nun von beiden Seiten als Feind wahrgenommen wird. Symptomatisch ist in diesem Zusammenhang, dass es neuerdings Länder gibt, die als "Länder mit illegaler Auswanderung" bezeichnet werden. Das bedeutet aber eindeutig eine Verhöhnung der Allgemeinen Menschenrechtserklärung, wonach jedes Individuum das Recht hat, sein Land zu verlassen.


Der Artikel ist nachzulesen unter:
http://monde-diplomatique.de/pm/2004/03/12/a0007.text


Derzeit distanziert sich das Hochkommissariat für Flüchtlingswesen von den Vorschlägen europäischer Politiker:

„Klarstellung zum EU/Nordafrika-Asylprojekt

Vor dem Hintergrund irreführender Berichte zum heutigen informellen Treffen der EU-Innen- und Justizminister im niederländischen Scheveningen stellt das UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) klar:
Meldungen sind unzutreffend, nach denen UNHCR an einem von der EU-Kommission finanzierten Projekt zum Aufbau von fünf Aufnahmeeinrichtungen in Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen und Mauretanien beteiligt ist.
Die Konferenz der Innen- und Justizminister bezieht sich auf einen Vorschlag, den UNHCR der Europäischen Kommission bereits vor langer Zeit unterbreitet hatte. Dieser bezog sich auf den Aufbau oder die Stärkung von Asylsystemen in Nordafrika, das heißt zum Beispiel Gesetzgebung, Fortbildung von Beamten für die Durchführung von Flüchtlingsanerkennungsverfahren, Unterstützung von Nichtregierungsorganisationen beim Aufbau ihrer Kapazitäten. Von Aufnahmezentren war in diesem Vorschlag nie die Rede.
Die irreführenden Berichte beruhen anscheinend auf einer Verwechslung zwischen diesem bereits länger bestehenden Projektvorschlag, der im Rahmen der UNHCR-Initiative „Konvention Plus“ entstanden war, und hiervon klar zu trennenden Vorschlägen, die eine Reihe von europäischen Ministern während der vergangenen Wochen machte.
Veröffentlicht am: Freitag, 01. Oktober 2004“

http://www.unhcr.de/index.php/cat/27/aid/1116

Ich kann mir auch nicht gut vorstellen, dass das von mir skizzierte worst-case-Szenario, von dem ich hoffe, dass es zu verhindern sein wird, die Zustimmung des UNHCR finden könnte. (Leider weiß ich aber, dass z.B. die von der UNO schärfstens kritisierte österreichische Asylpolitik dennoch stattfindet – mit Folgen, die die Frage aufwerfen, ob Menschenrechte in A, einem der reichsten Länder der Welt, überhaupt noch einen Pfifferling wert sind... Aber das gehört nicht hierher.)

Hallo haskamp,

ich glaub, ich hab´s verstanden: "Bild" ist, was Dir nicht ins Bild passt. Marokko ist ein sehr schönes u. faszinierendes Land, aber leider nicht immer u. überall, u. die Illegalen, die bekommen hauptsächlich die andere Seite zu sehen...

hoch
#49362 - 11/10/2004 20:29 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
lobozen Offline
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helias,
dein verbaler einsatz fuer vermeintlich entrechtete in allen ehren, aber:

1. leute, die fuer viel geld kontrakte mit kriminellen schlepper-organisationen schliessen und durch einen halben kontinent reisen, um im "goldenen" westen ein materiell besseres leben zu fuehren, sind KEINE FLUECHTLINGE, sondern zuwanderer aus wirtschaftlichen motiven.

2. es gibt kein menschenrecht auf zuwanderung in die eu.

3. die eu, bzw. deren mitgliedsstaaten haben - wie jedes andere land auf der welt - das recht, zu bestimmen, ob und wen sie aufnehmen wollen.
ergo hat sie auch das recht, sich gegen ILLEGALE zuwanderung zu schuetzen.


mal ehrlich, was soll die eu denn tun, wenn auffanglager in nordafrika, kasernierung innerhalb der eu-grenzen und ruecknahme-abkommen mit drittstaaten als "menchenrechtswidrig" verunglimpft werden?
die alternative kann doch wohl nur sein, dann jeden, der die passage schafft, mit vollen buergerrechten aufzunehmen.
dann ist jede art von asyl- oder zuwanderungspolitik ueberfluessig.

oder soll man illegale freundlich davon zu ueberzeugen versuchen, dass sie doch bitteschoen freiwillig wieder nach hause gehen?

nochmal: es geht NICHT um verfolgte! die geniessen asyl.
hast du eine ahnung, wieviele buergerkriegs-fluechtlinge aus jugoslavien die eu (in dem fall vornehmlich deutschland, ich glaube aber auch oesterreich) waehrend der heissen phase aufgenommen hat?

nimms mir nicht uebel, aber ich kann das gerede von der "inhumanen fluechtlinspolitik" nicht mehr hoeren.
typen wie der von cap anamur dankenswerterweise endlich geschasste e. bierdel sind die hauptverantwortlichen fuer eine zunehmende fremdenfeindlichkeit hierzulande.

fuer leute, die tausende von dollar aufbringen koennen, um illegal nach europa zu kommen, haelt sich mein mitleid in sehr engen grenzen.
wer es riskieren will, der soll das tun. wenn er dabei ertrinkt ist das seine sache und nicjt etwa der beweis fuer eine menschenrechtswidrige eu-politik.

weisst du uebrigens, wieviele wirklich verfolgte menschen waehrend des genozids in ruanda sich den teuren trip nach europa leisten konnten?
keiner!
wer das massakker trotzdem ueberlebt hat, wurde in AUFFANGLAGERN in den NACHBARSTAATEN (mit laecherlich geringer humanitaerer eu-hilfe) vor folter und tod bewahrt.

und jetzt darfst du mich in deine schublade fuer fremdenfeinde und andere unmenschen stecken.
trotzdem mit freundlichem gruss,
lobozen
_________________________
speerspitze der aufklaerung \:\)

hoch
#49363 - 12/10/2004 01:59 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
haskamp Offline
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helias Du hast N I C H T S begriffen, Du kennst marokko gar nicht, das ist Dein problem!!!

hoch
#49364 - 12/10/2004 16:30 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
Elvire Offline
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Hallo haskamp,

ALLES stimmt nicht, meinst Du?

Ohne Dir zu nahe treten zu wollen, spreche ich Dir bestimmt die angesprochenen Kontakte nicht ab, aber nachdem ich selbst geschäftlich in diesem Land tätig war, bedeutet Kontakt nicht uneingeschränkter Informationsfluss und Nichtgesagtes ist oftmals die Wahrheit.

Eine Frage nebenbei: sprichst du maroc-arabisch und bist Du mit einer Inländerin verheiratet? Bist Du konvertiert? Wenn ja, dann sieht die Sache vielleicht noch ein wenig anders aus. Natürlich, und das ist Dein gutes Recht, kannst Du sagen, "was geht das Dich an". (Nehm ich dann auch hin \:D )

Im übrigen ist Thomas Friedrich der Meinung

 Antwort auf:
Meine Erfahrungen mit diesen Leuten in Ceuta sind nicht ganz so schlimm, wie in diesem Medium beschrieben wird aber im Prinzip ähnlich.
Ich wünsche mir, daß diese Realität in millionenfacher Auflange gedruckt .....
sodass eine gewisse Realität u. Glaubwürdigkeit dem Artikel nicht abgesprochen werden kann.

Im übrigen,hast Du den ZEIT-Artikel "Odyssee ins Paradies", den uns freundlicherweise Helias postete, gelesen?

hoch
#49365 - 12/10/2004 16:43 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
Elvire Offline
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Salut Helias,

vielen Dank für Dein posting!

Der Artikel aus "Le Monde diplomatique" war mir neu. Besonders informativ finde ich die in den Fußnoten angegebenen Quellenangaben resp. Links. Aber bis ich mich da "durchgeackert" habe, wird es noch etliche Tage brauchen!

Was ich wirklich schlimm und schrecklich finde. ist die Tatsache, dass ein Fötus/Säugling quasi schon im Mutterleib als "Faustpfand" heranwächst und ausschliesslich dazu dient, dass die Gebärende nicht mehr aus Spanien ausgewiesen wird. Hierfür habe ich keinerlei Verständnis.

hoch
#49366 - 12/10/2004 17:18 Re: "Internierungslager am Rande der Sahara"
haskamp Offline
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Registriert: 17/09/2004
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hallo elvire

1. das problem mit den fluechtlingen ist existent, nur wie darueber berichtet wird, das halte ich nicht nur fuer fraglich.
2. wer hier geschaefte taetigt oder urlaub macht, bekommt garantier nicht die infos, die ich bekomme. ich l e b e in diesem land und habe sehr gute freunde hier. (vom gardien bis nach oben, also durch alle klassen) die leute reden mit mir, weil sie einfach wissen, dass ich ihre sorgen und probleme fuer mich behalte, dass ich fuer einen gardien auch schon mal ganz oben vorspreche, um ihm zu helfen. wenn jemand jahre in diesem land lebt, dann kann er sich ein urteul schon erlauben, oder? hat ein reporter, der hier recherchen anstellt auch diese infos? NEIN, denn einem fremden wird kein einheimischen gleich alles auf die nase binden. und wenn man diese sprache nicht spricht, dann geht schon mal gar nichts. gruss haskamp

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Moderator:  ForumTeam, JasminH, Marokkoforum