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Oder sind es meine Tränen, die ich zu unterdrücken #91454
20/02/2009 10:48
20/02/2009 10:48
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Summach Offline OP
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Sauerland
Das Dilemma der zweiten Generation in Deutschland

Der untenstehende "Reisebericht" illustriert in vollständiger Weise die Zerrissenheit der zweiten Generation (hier aus einer ägyptisch-deutschen Ehe), daß ich ihn ungekürzt zur Diskussion stelle. Für mich war und ist diese Haltung immer noch überraschend und sie enthält eine kaum verhüllte Bitterkeit. Die fetten Texteile sind von mir markiert.

Abgesehen von der Verständlichkeit vieler Vorurteile des Autors ist es jedoch nicht hinnehmbar, daß die Architektur-Fakultät Darmstadt in dieser Weise mit den Persönlichkeitsrechten der Exkursions-Partner umgeht. Selbst mit den härtesten Vorurteilen (und dem erstaunten Loslassen derselben) geht man mit dem unkritischen Veröffentlichen vorsichtiger um, als es hier geschehen ist: XXXX XXXXXeinen "gefühlten" Lehmbaupapst zu nennen und seine Ehe zu erörtern wäre auf einem Blog noch hinnehmbar, nicht jedoch auf der Homepage der Universität. Im übrigen kenne ich keinen Architekten, der weniger ein "Papst" wäre als XXXX XXXXX: das ist eine typisch deutsche Architekten-Krankheit - die nichts mit den Arbeiten von XXXX XXXXXzu tun hat und eher das deutsche Architektenselbstverständnis illustriert als das arabische Al Gundy Haus - Dachverband Lehm.

Im alten Ägypten wurde ein Architekt, dessen Gerüst zusammengebrochen ist (aus welchem Grund auch immer) angeklagt und in nicht wenigen Fällen zum Tode verurteilt: das wäre mir bei vielen Bauten der Nachkriegszeit in Deutschland und bei vielen Bauten in Berlin der Nachwendezeit immer noch eine angemessene Methode, um "gefühlte Architektur-Päpste" in die Wirklichkeit zurückzuholen. Der ägyptische Architekt XXXX XXXXXmacht genau das Gegenteil - aber das kann ein Nachkomme der ersten Generation nicht nur nicht anerkennen, er muß es reflexhaft in Frage stellen, ganz guter Deutscher, der man sein will und niemals werden wird.

Ein insgesamt herzzerreissender Text.

Antwort auf:
Reisebericht der Ägypten-Exkursion
vom 9. - 25. März 2007
Fachbereich Architektur, TU Darmstadt


Die Reise in das Innere meiner Vorurteile

Welches Bild assoziiere ich mit der Rolle der Frauen im Islam? Emanzipation? Unabhängigkeit? Verbinde ich mit diesem Bild Weltoffenheit und Fortschrittlichkeit? Stelle ich mir eine gebildete, selbstbewusste und witzige Frau vor? Änderte sich das Bild, wenn ich mir diese Frau neben bzw. 1 Schritt hinter ihrem Mann vorstelle? Ist die Vorstellung, gleichzeitig mit 3 arabischen Verkäufern auf dem Basar zu feilschen, für mich eine Freude? Hege ich Zweifel an der Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit der mir entgegengebrachten Sympathiebekundungen und Willkommensgrüße und vermute dahinter meistens eine versuchte Täuschung? Welcome to Egypt!

Ich kaufe trotzdem nichts.

Wenn ich über diese Fragen offen und ehrlich nachdächte, wären die Antworten wahrscheinlich fast alle negativ. Trotz - oder vielleicht wegen - meiner ägyptischen Abstammung, habe ich große Vorbehalte gegenüber der arabischen Mentalität und insbesondere dem gelebten Geschlechtermodell des Islam. Ich kenne (fast) keine Frauen, die ein Kopftuch tragen oder auch nur darüber nachdächten. Und tiefe Religiosität ist mir eigentlich grundsätzlich suspekt - egal ob Christen, Juden oder Muslime.

Auch meine kritische Haltung gegenüber unserem westlichen, positivistischen Gesellschaftsmodell lässt in mir in keiner Weise die Hoffnung wachsen, dass der Islamische Gottesstaat eine bessere Alternative darstellen könnte. Mein erster und letzter Besuch in einem arabischen Land – vor ca. 10 Jahren in einer Hotelanlage auf Djerba – endete mit der Bestärkung aller meiner Vorurteile gegenüber der arabischen Mentalität.

Sie haben mich 1 Woche lang belogen, betrogen und bei jeder sich bietenden Gelegenheit versucht, Geld aus mir herauszuquetschen. Ich mußte lernen, dass „Nein“ offensichtlich ein Wort ist, das im Arabischen nicht zu existieren scheint oder zumindest nicht die gleiche Bedeutung hat. 2 Tage unseres Urlaubs haben wir fast komplett im Hotel verbracht, nur um jeder weiteren Begegnung mit Einheimischen aus dem Wege zu gehen. Ich sehe unserer Exkursion nach Ägypten also nicht nur mit jeder Menge Neugier sondern auch mit einer gewissen Anspannung entgegen.

Flughafen Frankfurt.
Hoda hat sich offensichtlich schon vor Längerem dafür entschieden, ein Kopftuch zu tragen. Sie ist Perserin. Ihr Verhalten entspricht aber nicht im Geringsten meinem stereotypen Bild. Ein erster kleiner Kratzer, aber Ausnahmen bestätigen ja bekanntlich die Regel.

Der erste Tag in Kairo.
Die Bedienung in unserem Hotel (Kopftuchträgerin) ist sehr nett, unheimlich scheu und versteht kaum ein Wort Englisch. Passt. Die Weberinnen im Wissa-Wassef-Center könnten gerade einer ZDF-Dokumentation über die Rolle der Frau in arabischen Ländern entsprungen sein. Passt. Der gefühlte Lehmbau-Papst XXXX XXXXX, der in Berlin studiert hat, betont ununterbrochen, welch unglaublich wichtige Rolle seine Frau (kein Kopftuch) inne hat und dass er seine Arbeit ohne sie niemals schaffen würde. Klingt wie die starke Frau, die früher angeblich hinter jedem erfolgreichen Mann stand. Sie allerdings steht - oder vielmehr sitzt - im Hintergrund und lächelt, ohne auch nur ein Wort zu sagen. Außerdem habe ich ein wenig das Gefühl, dass er mit seinem Lob vor allem ihre Kochkünste und Fähigkeiten als Gastgeberin meint, die sie bei zahlreichen Anlässen immer aufs Neue unter Beweis stellen darf. Passt. XXXX XXXXXbedauert übrigens sehr, dass wir die Beiden nicht in ihrem Haus und in ihrer Werkstatt besuchen können und hofft, dass sich vielleicht ein anderes Mal eine Gelegenheit ergibt. Das klingt natürlich echt nett. Meint er das auch so? Wohl kaum.

Zweiter Tag.
Was soll ich von den Frauen der „New and Renewable Energy Authority“ (von unverschleiert über Kopftuch bis hin zu voll verschleiert) halten? Eine ganze Gruppe von verschleierten Ingenieurinnen, die uns von ihrer Feld- und Forschungsarbeit berichten. Aber warum arbeiten hier fast ausschließlich Frauen? Die Aussage, dass für staatliche Löhne (fast) kein Mann arbeiten würde, die sympathischen aber stark im-
provisiert wirkenden Vorträge und Führungen der Damen, und ein arabischer Ingenieur, der unsere Studentinnen mit seinem oberlehrerhaften Verhalten schwer beeindruckt bzw. belustigt, überdecken die kurzfristig aufkommenden Fragezeichen.

Besuch im informellen Viertel Manshiet Nasser.
Unsere Studentinnen müssen im Taxi durch das ganze Viertel gefahren werden, weil so viele blonde Frauen offensichtlich zu viel für den Hormonpegel schwacher ägyptischer Männerseelen wären. Hany El-Miniawy, der Architekt des Kulturzentrums, vertreibt dann vorläufig jeden noch so leisen Zweifel der ersten beiden Tage. Was für ein Mann. Was der alles weiß und kann. Unglaublich. Unerträglich. Ebenso wie die 20 hilfsbereiten Rangierexperten, die unseren Bus durch die viel zu engen Straßen dirigieren wollen. Unser Busfahrer kann die Spuren und Kratzer zum Glück noch am gleichen Tag beseitigen lassen. Ägyptische Männer sind halt doch (fast) alle gleich.

Dritter Tag.
Treffen mit Soheir Farid und Dr. Dalila El-Kerdany (beide ohne Kopftuch) im El-Azhar-Park. Zwei stolze und beeindruckende ägyptische Oberschicht-Damen, die uns in einer Atmosphäre, um die uns wahrscheinlich sogar Johannes B. Kerner beneiden würde, ihre Lebensgeschichte in druckreifer Form vortragen,
als hätten sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Zwei Oberschicht-Damen, die fast in einer Parallelwelt zu leben scheinen.

Vierter Tag.
Beim Besuch im „Housing and Building Research Center“ wird schnell klar, dass die einzige Person, die einen positiven und professionellen Eindruck hinterlässt, Dr. Dina Shehayeb (kein Kopftuch) ist. Dr. Mohamed Abdel Razek – offensichtlich ein Chef der alten Schule, dem sich seine Mitarbeiter deshalb ausschließlich in gebeugter Körperhaltung nähern – beeindruckt durch seine Inkompetenz, die aber offensichtlich auf erstaunliche Art und Weise mit seiner Selbsteinschätzung im Konflikt steht. Der Abend, den wir
mit Dr. Shehayeb im Restaurant „Nile City“ auf dem Nil verbringen, hinterlässt zum ersten Mal wirklich ernsthafte Kratzer in meinem bisherigen Bild. Eine ägyptische Frau, die nicht nur ausgesprochen intelligent und gebildet, sondern zudem auch noch attraktiv, witzig und unterhaltsam ist. Und die, nachdem sie mehrere Jahre in den USA verbracht hat, ihr wieder gewonnenes ägyptisches Leben auf eine äußerst erfrischende Art ironisch kommentiert.

Wer strebt schon nach Perfektion, wenn der Preis dafür ein sterbenslangweiliges Leben ist?

Ich versuche, mir die restliche Nacht, während ich vor meinem Laptop sitzend Texte korrigiere, ein ähnlich interessantes und bereicherndes Gespräch aus der jüngeren Vergangenheit in Erinnerung zu rufen. Vergebens.

Fünfter Tag.
Jeden Morgen begrüßen mich die ägyptischen Studenten und Dozenten mit einer Herzlichkeit, die ich nur schwer ernst nehmen kann. Können Menschen, die ich seit 3 Tagen kenne, mich schon so innig in ihr Herz geschlossen haben? Die Ankündigung, dass ich nach der ersten Woche nach Hause muss, löst
bei einigen eine große Enttäuschung aus. Sie werden mich bestimmt sehr vermissen. Sicher. Wahrscheinlich werden sie schlaflose Nächte haben meinetwegen. Aber ich will mich ja nicht beschweren.

Sechster Tag.
Der erste Besuch im „El Max“ in Alexandria beeindruckt mich sehr. Unser local guide Mahmoud II führt uns durch das Viertel und besteht darauf, dass er die lokale Spezialität, die ich mir in einem Laden kaufen will, bezahlt. Der Typ kennt mich 15 Minuten und er weiß, dass ich wahrscheinlich 10-mal so
viel Geld habe wie er. Wieso ist er so großzügig mir gegenüber? Ist das einfach nur männliches Imponiergehabe? Würde er das Gleiche tun, wenn ich ein Somali wäre und kein Deutscher?

Danach singen wir mit den ägyptischen Studenten und Bewohnern des Viertels „Volkslieder“, begleitet von unserem Bandleader, der wie der arabische Bruder von Reinhard Mey auf Extasy wirkt. Wann hab ich zum letzten Mal so glücklich aussehende Menschen gesehen?

Heute Abend reise ich ab.
Und Shamy lässt mich nicht ohne das Versprechen gehen, dass ich dieses Land nicht mehr betreten werde, ohne mich bei ihm zu melden. Erstaunlicherweise glaube ich ihm. Vielleicht möchte ich ihm ja auch einfach glauben.

Heba besteht darauf, mich zum Bus zu bringen. Wir unterhalten uns länger über die Rolle moderner Frauen
in Ägypten und das in den letzten Jahren aufgekommene Bedürfnis vieler Frauen und Mädchen, sich zu verschleiern. Und darüber, warum sie kein Kopftuch (mehr) trägt. Am Bus hab ich das Gefühl, dass sie Mühe hat, ein paar kleine Tränen zu unterdrücken. Oder sind es meine Tränen, die ich zu unterdrücken versuche?

Ich sitze neben einem ziemlich kräftigen Ägypter im Bus in der ersten Reihe und trinke meine Dose Bier. Zum ersten Mal seit 10 Jahren mit einem schlechten Gewissen. Ich habe das Land meines Vaters mit 34 Jahren zum ersten Mal gesehen und ein wenig kennen lernen dürfen. Ein Land, das mir noch immer fremd, chaotisch und widersprüchlich erscheint. Und ich habe Menschen kennen gelernt, deren Offenheit und Wärme mir geholfen haben, meine anfängliche - typisch deutsche - Skepsis schnell zu überwinden. Selten habe ich mich so aufrichtig willkommen gefühlt. Ein Gefühl, das ich als in der Schweiz lebender Deutscher schon fast vergessen hatte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich bei meinem nächsten Besuch in Ägypten bei Shamy und den andern melden werde. Und vermutlich werde ich nur ein ganz kleines bisschen fürchten, dass ihre Einladung vielleicht doch nicht ernst gemeint gewesen
sein könnte.


Quelle: www4.architektur.tu-darmstadt.de/studiumlehre/studienunterlagen/224,oid_16.fb15?did=4454&r=224&h=75&a=download


Last edited by Youssef Alami; 13/10/2009 05:16. Reason: Name auf Wunsch von josi geändert, ersetzt durch XXXX XXXXX
Re: Oder sind es meine Tränen, die ich zu unterdrücken [Re: Summach] #91460
20/02/2009 20:17
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Siri Offline
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Das ist wohl weniger das Dilemma und die Zerrissenheit der zweiten Generation, da dieser Mensch, wie er ja selber schreibt, 34 Jahre lang das Land seines Vaters nicht kennen gelernt hat. Und ich bezweifle sehr stark, dass er jemals mit seinem Vater zusammengelebt hat.
Es ist in meinen Augen viel mehr der Kulturschock eines Deutschen, der sich noch nie in seinem Leben mit orientalischer Kultur und Mentalität auseinander gesetzt hat.

Gruß
Siri


Es ist schon alles gesagt! Nur noch nicht von allen. (Karl Valentin)

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