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AVERROES AUF DER SUCHE #19019
30/08/01 12:56 PM
30/08/01 12:56 PM
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chibo72 Offline OP
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chibo72  Offline OP
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"AVERROES AUF DER SUCHE" / Eine Erzählung des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges

Fremde Tragödie, rätselhafte Komödie

Am Grund der Mittagsstille gurrten sich verliebte Tauben heiser; aus einem unsichtbaren Hof stieg das Geplätscher eines Brunnens herauf; etwas, das Averroes im Blut lag - seine Vorfahren stammten aus der Arabischen Wüste -, war dankbar für die Beständigkeit des Wassers. Drunten waren die Gärten, der Obsthain, tiefer noch der rege Guadalquivir und dann die geliebte Stadt Córdoba, nicht minder berühmt als Bagdad oder Kairo, ein kompliziertes und zartgestimmtes Instrument gleichsam, und rundum (auch dies empfand Averroes) breitete sich bis an den Horizont die Erde Spaniens, auf der es nur wenige Dinge gibt, wo aber jedes einzelne vollkräftig und wie für immer dazustehen scheint.
Die Feder lief über das Blatt, die Argumente verketteten sich, unwiderleglich, doch ein leises Unbehagen trübte Averroes' glückliche Stimmung. Nicht der Tahafut, der mehr eine Nebenarbeit war, trug die Schuld daran, sondern ein Problem philologischer Art, das mit seinem denkwürdigen Hauptwerk, das ihn in den Augen der Welt rechtfertigen sollte, zusammenhing; dem AristotelesKommentar. Dieser Grieche, Urquell aller Philosophie, war den Menschen gesandt worden, um sie alles, was sich wissen läßt, zu lehren; seine Schriften auszulegen, so wie die Ulemas den Koran auslegen, war des Averroes' schwieriges Vorhaben.
Die Geschichte kennt kaum Schöneres und Bewegenderes als diese Hingabe eines arabischen Arztes an die Gedanken eines Menschen, von dem ihn vierzehn Jahrhunderte trennten; zu den im Stoff liegenden Schwierigkeiten müssen wir noch hinzunehmen, daß Averroes, der weder des Syrischen noch des Griechischen mächtig war, seiner Arbeit die Übersetzung einer Übersetzung zugrunde legen muß. Am Abend vorher hatten ihn zwei Wörter von zweifelhafter Bedeutung am Anfang der Poetik stocken lassen. Es waren die Wörter Tragödie und Komödie. Jahre vorher war er ihnen im dritten Buch der Rhetorik begegnet; kein Mensch im Umkreis des Islam hatte eine Ahnung, was sie bedeuten sollten. Vergebens hatte er die Schriften Alexanders von Aphrodisia durchstöbert, vergebens hatte er die Versionen des Nestorianers HunainibnIshak und des Abu Bashar Mata befragt. Diese beiden Geheimwörter fanden sich im Text der Poetik an unzähligen Stellen; unmöglich, sie zu umgehen.
Averroes ließ die Feder sinken. Er sagte sich (ohne allzu große Zuversicht), daß das, was wir suchen, meistens ganz nahe ist, schob die Handschrift des Tahafut beiseite und lenkte seinen Schritt zu dem Regal, wo aufgereiht die vielen von persischen Kalligraphen abgeschriebenen Bände des Mohkam des blinden Abensida standen. Es war lächerlich, sich einzubilden, daß er sie nicht konsultiert haben sollte, doch verlockte ihn die müßige Lust, ihre Seiten umzuschlagen. Von diesem gelehrten Zeitvertreib lenkte ihn eine Art Melodie ab. Er warf einen Blick durch die Gitter des Balkons; drunten, auf dem schmalen ungepflasterten Hof, spielten ein paar halbnackte Bürschchen.
Der eine, auf den Schultern des anderen stehend, machte offensichtlich den Muezzin nach; mit fest geschlossenen Augen psalmodierte er: Es ist kein anderer Gott außer Gott. Der andere, der ihn bewegungslos im Gleichgewicht hielt, spielte das Minarett; ein dritter, der demutsvoll im Staub kauerte, stellte die Gemeinde der Gläubigen dar. Das Spiel währte nur kurz; alle wollten der Muezzin sein, keiner die Gemeinde oder der Turm. Averroes hörte sie in der Vulgärsprache miteinander zanken, dem frühen Spanisch nämlich des niederen muselmanischen Volks der Halbinsel. Er schlug den Qitab ul ain von Jalil auf und gefiel sich in dem stolzen Gedanken, daß es in ganz Córdoba (vielleicht in ganz AlAndalus) keine andere Abschrift des vollkommenen Werkes gab als diese hier, die ihm der Emir Yacub Almansor von Tanger zugeschickt hatte.
Beim Namen dieser Hafenstadt fiel ihm ein, daß der große Reisende Abulcásim AlAshari, der von Marokko heimgekehrt war, am heutigen Abend im Hause des Koranlehrers Farach mit ihm speisen sollte. Abulcásim behauptete von sich, er sei bis zu den Reichen von Sin (China) vorgedrungen; seine Neider, verblendet von der eigenartigen Logik des Hasses, wollten darauf schwören, daß er nie den Boden Chinas betreten und daß er in den Tempeln dieses Landes Allah gelästert habe. Das Zusammensein würde unumgänglich ein paar Stunden dauern. Averroes nahm sich eilig die Handschrift des Tahaful noch einmal vor. Er arbeitete bis in die sinkende Abenddämmerung.

"Averroes auf der Suche", hier ein Ausschnitt vom Beginn, erschien 1949 in dem Erzählband "Der Aleph". Wir zitieren nach Jorge Luis Borges: Gesammelte Werke. Band 3/II Erzählungen. Carl Hanser Verlag, München und Wien 1981. Aus dem Spanischen von Karl August Horst und Curt MeyerClason.

Ausgabe: 51/98 http://www.merkur.de/archiv/alt/0000002050.htm


Augen zu und durch
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Re: AVERROES AUF DER SUCHE #19020
31/08/01 05:17 PM
31/08/01 05:17 PM
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Uschen Offline
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Uschen  Offline
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Lieber Mohammed,
vielen Dank für diesen interssanten Auszug.
Ich war am Grab von Ibn Ruschd in Marakkesch und ich mußte mich schämen darüber , dass er in seiner eigenen Heimat nicht viel gelesen und immer noch nicht verstanden wird.
Einige "Islamisten", die ich dort angetroffen hatte, waren der Meinung, dass er Satanisches gedacht und teufelisches geschreiben hätte.
Das Denken dankt bei solchen Äußerungen richtig ab.
Uschen


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